Die Taschendiebin

Die Taschendiebin





Love, Sex, Lug und Trug

Was weiß ein Betrüger schon von der Liebe? Eine Frage, die Park Chan-wook in seinem neuen Film "Die Taschendiebin" immer wieder stellen lässt. Der südkoreanische Regisseur ("Oldboy") kehrte nach einem lustvoll-morbiden Intermezzo ("Stoker") in Hollywood in seine Heimat zurück. In der Literaturverfilmung nach dem Roman "Solange du lügst" von Sarah Waters lässt er ein falsches Dienstmädchen und einen falschen Grafen um eine reiche Schönheit buhlen, die ebenfalls ein falsches Spiel spielt. Wem am Ende die letzte Täuschung obliegt, mag man weit vor Ende des Films ahnen. Dem Vergnügen, dieser eleganten und erotisch aufgeladenen Ménage-à-trois beizuwohnen, tut das aber keinen Abbruch.

"Die Taschendiebin" ist ein Film, für den das Kino geschaffen wurde: Visuell opulent, überraschend und angemessen düster, erzählt Park Chan-wook eine fesselnde Geschichte von Liebe, Lust und Betrug. Der Regisseur verlegte die Romanhandlung aus dem viktorianischen England ins Korea der 1930er-Jahre. Dort verdingt sich die schüchterne Sookee (Kim Tae-ri) als Dienstmädchen bei der schönen Hideko (Kim Min-hee): Die reiche Japanerin lebt mit ihrem Onkel Kouzuki (Jo Jin-woong) in einem herrschaftlichen Anwesen, wirkt sehr labil und lebensfremd.

Doch nichts ist, wie es scheint in dem prachtvoll fotografierten Epochenfilm. Wenn irgendwann im späteren Verlauf der Satz "Es ist verboten, naiv zu sein" fällt, hat einem Park Chan-wook schon mehrere doppelte Böden unter den Füßen weggezogen. Sookee, das gibt sie im Off-Kommentar schnell zu, ist gar kein Dienstmädchen, sondern die titelgebende Taschendiebin, und sie verfolgt einen ausgeklügelten Plan. Sie soll ihre Herrin gefügig machen. Ihr Komplize, der falsche Graf Fujiwara (Ha Jung-woo), will Hideko verführen, heiraten, ihr Erbe einstreichen und sie dann in eine Irrenanstalt abschieben.

Weil der Plan beinhaltet, Hideko auf die körperlichen Aspekte der Liaison mit Graf Fujiwara vorzubereiten, kommt eine erotische Komponente ins Spiel, von deren Wucht Sookee überrascht ist. Die beiden Frauen entdecken über die Erotik ihre Liebe zueinander: Mit sinnlichen Szenen, eine Kameraeinstellung aus Vagina-Perspektive inklusive, verlagert Park Chan-wook den Fokus immer stärker auf die Beziehung der beiden Frauen, die sich nicht nur von einem Haufen lüsterner alter Männer emanzipieren, sondern auch von gesellschaftlichen Zwängen.

Was fast schon pornografische Züge annimmt, dient der Vorbereitung der Perspektivwechsel und Überraschungen im weiteren Verlauf der Handlung. Denn wer andere täuschen will, muss jederzeit damit rechnen, selbst getäuscht zu werden. Park Chan-wook beherrscht dieses Spiel perfekt. Geschickt legt er immer neue Schichten der Erzählung frei, verschiebt den Fokus und variiert die Blickwinkel. Was man gesehen hat, muss nicht das sein, was passiert ist.

Wenngleich man früh ahnt, wie alles enden wird, ist das alles ziemlich vergnüglich. Auch weil der Regisseur den Figuren Entwicklungsmöglichkeiten gibt und sich die Freiheit nimmt, die Poesie seines Liebesthrillers mit absurden Einfällen und makabren Szenen zu brechen.

Quelle: teleschau - der mediendienst