Die Überglücklichen

Die Überglücklichen





Die furiose Leichtigkeit des Seins

Für verrückte Figuren, für Charaktere jenseits der Norm, hat der Italiener Paolo Virzì ein erklärtes Faible. Und er übt gern Gesellschaftskritik: In seinen vorigen Filmen wie "Die süße Gier" (2013) sezierte er die vom Geld verdorbene italienische Oberschicht, in der Satire "Das ganze Leben liegt vor dir" (2008) beobachtete er das triste Dasein von Call-Center-Mitarbeitern. Und nun, in der Tragikomödie "Die Überglücklichen", die in diesem Jahr auf dem Filmfestival in Cannes Premiere feierte, stellt er en passant die staatlichen Psychiatrien Italiens in Frage, die hoffnungslos überlastet sind.

Maria Beatrice Morandini Valdirana (Valeria Bruni Tedeschi) ist eine eindrucksvolle Erscheinung: schlagfertig, überdreht und dabei hoch emotional. Beatrice kommt aus feinem Hause und hatte lange Zeit alles, was das Herz begehrt: einen reichen Anwaltsgatten, eine Villa, Designerkleider, illustre Freunde. Aber nachdem sie sich in einen Verbrecher verliebte und so manches aus dem Ruder lief, lebt sie in der Nervenanstalt namens Villa Biondi. Die Enge der rustikalen, idyllisch gelegenen Klinik - obschon sie alternativ geführt wird - drückt der exaltierten Gräfin sehr aufs Gemüt. Sie will endlich wieder rauf aufs gesellschaftliche Parkett, und sei es auch nur, um einen gepflegten Aperitif zu trinken. Aber sie darf nicht, aufgrund ihrer bipolaren Störung ist sie unberechenbar.

Ebenso labil ist die neue Patientin Donatella (Micaela Ramazzotti), die nach einem weiteren Suizidversuch mit schweren Depressionen in die Klinik eingeliefert wird. So unterschiedlich die Herkunft und Geschichte der beiden Frauen sein mag - zwischen ihnen entwickelt sich eine zarte Freundschaft. Als sie für die Arbeit in einer benachbarten Gärtnerei die Villa Biondi verlassen dürfen, nutzen sie die Gelegenheit, um auszubrechen und in die nächste Stadt zu fahren. Was als kleines Abenteuer beginnt, wird zu einer hoch emotionalen Rückkehr in die Leerstellen ihrer bewegten Vergangenheit.

Regisseur Virzì beweist ein feines Händchen bei der Inszenierung dieser furiosen Geschichte über die Freundschaft und Neurosen zweier Frauen, die das Schicksal aus der Bahn geworfen hat. Dabei wollten sie sich eigentlich nur ihren großen Wunsch erfüllen - den nach dem prallen Leben. Valeria Bruni Tedeschi, die schon in "Die süße Gier" eine superreiche, gleichwohl gelangweilte Society Lady spielte, verkörpert die abgehobene, hypernervöse Beatrice mit unvergleichlicher Bravour. Ihre Filmpartnerin Micaela Ramazzotti, deren Rolle eine starke Zerbrechlichkeit und gewisse Resignation verlangt, verharrt da zwangsläufig ein Stück weit in ihrem Schatten. Und doch entwickeln die beiden Anti-Heldinnen auf der Leinwand eine überschwängliche, lebensbejahende Präsenz, die einen an das Powerfrauen-Duo "Thelma & Louise" erinnert.

"Die Überglücklichen" ist ein humorvoller und dabei zutiefst menschlicher Film, der erst peu à peu die Traumata der beiden Hauptfiguren entlarvt und dem Zuschauer bei aller Tragik doch immer wieder komische Momente beschert. Etwa wenn Beatrice versucht, Donatella aus der staatlichen Nervenklinik rauszuschmuggeln, und dafür ihr Diamanten-Armband einsetzt, anbei eine klare Botschaft: "Ich weiß, das ist nicht dein Stil, aber versuch da, auf die italienische Art rauszukommen."

So ist diese Komödie ein bewegendes Roadmovie und ein Plädoyer für das Leben, das in diesem Fall derart entrückt ist, dass man Lust bekommt, die Pfade der Normalität mal für kurze Zeit zu verlassen. Definitiv einer der schönsten Filme des Jahres.

Quelle: teleschau - der mediendienst