Maxim Mehmet

Maxim Mehmet





Maxim bei den Schweizern

Eigentlich ist Maxim Mehmet schon länger dabei. 41 Jahre zählt er, auch wenn man ihn immer noch gern für die Rolle des jugendlichen Träumers besetzt. Vielleicht weil er ein bisschen aussieht wie einer jener filouhaften Straßenkünstler, die riesige Seifenblasen in der Fußgängerzone produzieren. Mehmet, der sich erst mit Mitte 20 für seinen Beruf entschied, galt bislang als Mann für die zweite Reihe. Mit der Hauptrolle im Schweizerisch-Deutschen Großprojekts "Gotthard" (Montag, 19.12., und Mittwoch, 21.12., jeweils 20.15, ZDF) sieht das nun anders aus. Der teuerste Schweizer Film aller Zeiten, den das ZDF mitfinanzierte, war jedoch auch eine seltsame Erfahrung für den gebürtigen Nordhessen. Mehmet erlebte am Set den Unwillen der Schweizer Schauspieler, sich so zu benehmen, wie sich Deutsche den typischen Eidgenossen vorstellen.

"Gotthard" erzählt marketinggerecht im Eröffnungsjahr des neuen Gotthardtunnels - mit 57 Kilometer der längste Eisenbahntunnel der Welt - die Geschichte des alten. Von 1873 bis 1880 bohrte man sich 15 Kilometer durch massives Gebirgsgestein. Eine technische Meisterleistung, die damals etwa 200 Menschenleben kostete. Unfälle mit dem gerade erfundenen Dynamit, Tunnel-Teileinstürze und viele Krankheiten aufgrund miserabler hygienischer Bedingungen begründen einen Schweizer Mythos, der im Alpenstaat jedem geläufig ist. Jene erste Gotthard-Röhre galt als größte Baustelle ihrer Zeit, mit der Europas Tür zwischen Nord und Süd aufgestoßen wurde. Diesem Akt wurden nun 180 Filmminuten gewidmet. Ein Zweiteiler, der gleichermaßen Historien-TV, Alpenwestern und Liebesgeschichte ist.

Maxim Mehmet spielt einen deutschen Nachwuchs-Ingenieur, der sich auf der Baustelle einen Namen macht. Wenn er sich mit zeitlich-räumlichem Abstand am Bistrotisch eines Hotel in Hamburg-St.Pauli, wo der Film an diesem Tag der Presse vorgestellt wird, an die Dreharbeiten erinnert, denkt der Nordhesse vor allem an einen Kampf mit der Sprache. "Die Schweizer haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zur deutschen Sprache. Das hat mich überrascht. In der Originalfassung gibt es natürlich auch Schweizerdeutsche Passagen, die für die deutsche Ausstrahlung synchronisiert wurden."

Hochdeutsch mit Schweizer Akzent zu sprechen, so Mehmet, sei für die meisten Schweizer irgendwie seltsam. Was daran läge, dass das Hochdeutsche dort in erster Linie eine Schriftsprache ist, die sich gesprochen wie eine Fremdsprache anfühlt. So weit, so nachvollziehbar. Allerdings ließ sich der Schweizer "Wunsch" im am Ende doch etwas bieder gedachten ZDF-Eventfilm nicht so einfach durchziehen. Untertiteltes Schweizerdeutsch in der deutschen Primetime? Undenkbar.

Deshalb gibt es im ZDF nun eine zweite Fassung, mit der sich die Schweizer Schauspieler allerdings nur schwer anfreunden konnten. Da reden sie nun doch so, wie sich der Deutsche einen Schweizer vorstellt: langsam - und mit dem "gewohnten" Akzent. "Daher stammt vielleicht auch der Eindruck, Schweizer würden langsam sprechen", analysiert Mehmet. "In einer Fremdsprache geht das Reden eben meist nicht so schnell. Untereinander, also auf Schweizerdeutsch, sprechen Schweizer viel schneller."

Maxim Mehmet lebte lange in Berlin. Seit anderthalb Jahren ist er in Wien heimisch geworden. Seine Frau hat es beruflich dorthin verschlagen. Etwas zu fremdeln mit dem Alpenländischen scheint er noch. Fast möchte man kalauern, er habe sich wie im falschen Film gefühlt, weil er als Einziger im "Gotthard"-Hauptcast kein Schweizerdeutsch sprach. Wie in der Rolle als Deutscher, dem das archaische Leben im damals noch abgeschotteten Bergland fremd erscheint, konnte auch er von außen auf die besondere Atmosphäre dieses Drehs blicken. "Der Bau des Gotthard-Tunnels ist eine Art National-Epos. Jeder Schweizer kennt diese Geschichte - man wird entsprechend genau beäugt. Insofern hatte ich Glück, dass ich eine der fiktiven Rollen spielte, weil die kein historisches Vorbild hatte, dem man gerecht werden musste."

So wie man die Wucht der Alpen wohl erst dann begreift, wenn man vor ihnen steht, verstand auch der Preuße vor Ort jene Emotionalität, die sich mit dem Jahrhundertbauwerk verbindet. "Du fährst einige Kilometer durch einen Berg, von Norden nach Süden, und es ist, als würde man eine Tür öffnen. Du fährst im Norden in einen Tunnel rein und wenn du rauskommst, bist du im Süden angekommen. Das hat selbst heute noch eine seltsame Faszination. Vor 136 Jahren muss es einem wie ein Wunder vorgekommen sein."

Für Maxim Mehmet, der mit 25 Jahren sein Studium der Theaterwissenschaften an den Nagel hängte und sich an der Potsdamer Schauspielschule "Konrad Wolf" bewarb, ist "Gotthard" eine neue Chance, auf sein Talent aufmerksam zu machen. Zwar spielte er schon ab und an Hauptrollen wie in der Heinz Strunk-Verfilmung "Fleisch ist meine Gemüse" (2008). Im Ensemble mit Matthias Brandt und Susanne von Borsody gewann er sogar den Grimme-Preis 2015 für das ARD-Drama "Männertreu". Trotzdem ist Mehmet kein Schauspieler, den man unbedingt auf der Straße oder im Café erkennen würde. Zwischen den Zeilen gibt er zu verstehen, dass er immer noch auf eine Art Durchbruch wartet.

Dass der Blondgelockte, dessen Nachname auf ein altes Krimtataren-Geschlecht zurückgeht, trotz guter Kritiken und namhafter Filmprojekte immer noch kein richtiger Star ist, mag auch an der Unterschiedlichkeit seiner Rollen liegen. Am Anfang der Karriere, als Regisseur Leander Hausmann ihn in seinem Film "NVA" als Antagonisten des Helden besetzte, hatte Maxim Mehmet sogar mal den Begriff "Military" neben seinem Namen als Internet-Suchbegriff stehen. Vom militärischen Schleifertypen - Unteroffizier Aurich - zum Träumer ist es freilich ein weiter Weg. Einer, der den Schauspieler zwar ehrt, sein Profil jedoch nicht gerade schärft.

"Mein Ziel als Schauspieler war und ist es, in möglichst unterschiedlichen Rollen besetzt zu werden. Man landet jedoch schnell in Schubladen. Gerade in Deutschland kommt es beim Casting sehr drauf an, was du vorher schon gemacht hast", übt er ein wenig Kritik am System. Seine Rolle in "Gotthard", so hofft Mehmet, könne dazu beitragen, ihn noch mal von einer anderen Seite als Held einer klassischen, ja überlebensgroßen Filmgeschichte ins Gespräch zu bringen. Mehmet glaubt, erst relativ spät begriffen zu haben, wie Schauspiel als Business in Deutschland funktioniert. Dass der 41-Jährige immer noch so aussieht, als würde er sich so langsam auf seinen 30. Geburtstag und das Erwachsenwerden vorbereiten müssen, könnte ihm bei dieser Neuausrichtung helfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst