Marlene Lufen

Marlene Lufen





Wie es ist, Opfer zu sein

Marlene Lufen ist vor allem als das strahlende Gesicht des SAT.1-Frühstücksfernsehens bekannt. Doch am 23. August hatte sie keine Lust, nur fröhlich zu lächeln. Am Tag zuvor wurde Gina-Lisa Lohfink wegen falscher Verdächtigung schuldig gesprochen. Lufen veröffentlichte daraufhin einen engagierten Appell auf Facebook und machte eine traumatische Erfahrung öffentlich, die sie bis dahin geheim gehalten hatte: "Als Journalistin muss ich das Gerichtsurteil gegen Gina-Lisa Lohfink neutral betrachten, ich schreibe hier also als Privatperson. Millionen Frauen werden dieses Urteil als Warnung verstehen: Wenn Dir so etwas passiert, geh nicht zur Polizei!" schrieb die Berlinerin. Und weiter: "Als ich 19 war, hat ein Mann versucht mich zu vergewaltigen. Er war Fotograf, ich war allein mit ihm im Studio, er hat sich auf mich gestürzt, sich auf meine Schultern gestemmt und auf eine Liege gepresst. Nur weil ich mental und vor allem körperlich stark genug war, konnte ich mich befreien und aus dem Haus fliehen." Die unzähligen Reaktionen darauf waren für die 45-jährige Moderatorin Auslöser, den Film "Vergewaltigt - warum so viele Frauen schweigen" zu machen (Mittwoch, 14. Dezember, 22.30 Uhr SAT.1).

teleschau: Mit 19 wurden Sie fast Opfer einer Vergewaltigung - wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an die Tat zurückdenken?

Marlene Lufen: Es ist nach wie vor ein beklemmendes Gefühl, wenn ich daran denke, aber dennoch habe ich damals auch Glück gehabt. Zum einen, weil ich verhindern konnte, dass wirklich schlimme Dinge passiert sind, zum anderen, weil ich mich meiner Familie gegenüber sofort öffnen konnte. Ich bin danach nach Hause gefahren und habe sofort meinen Eltern und meinem Freund davon erzählt. Aber trotzdem habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, wenn ein Mann versucht, sich etwas zu nehmen, von dem er denkt, dass es ihm zusteht. Gegen den Willen seines Gegenübers. Das hat mich definitiv geschockt. Durch meine Familie habe ich aber eine Geborgenheit erfahren, die vielen Frauen in einer solchen Situation leider fehlt.

teleschau: Trotz dieses Rückhalts sind Sie damals nicht zur Polizei gegangen. Warum?

Lufen: Das hat mich tatsächlich Jahre später noch beschäftigt, und ich habe mich gefragt, ob er das auch bei anderen gemacht hat. Damals hatte ich nur den einen Wunsch: Ich wollte einfach nie wieder mit dem Typen zu tun haben. Es war überhaupt nicht in meinen Gedanken, zur Polizei zu gehen, und genau das haben mir fast alle Frauen berichtet. Das ist eine Message dieser Reportage: Eine Frau, die vergewaltigt wurde, denkt nicht daran, sofort zur Polizei oder zum Arzt zu gehen und irgendwelche Beweise zu sichern.

teleschau: Sondern?

Lufen: Der erste Gedanke vieler Frauen ist: "Oh Gott, bloß raus hier!" Ich muss irgendwohin, wo es mir gut geht. Eine Frau wird sich vermutlich eher in die Badewanne oder ins Bett legen, sich einkuscheln und das Telefon abstellen, als sofort Anzeige zu erstatten. Man kann in diesem Moment nicht klar denken und handelt nicht rational. Das sollten die Leute akzeptieren.

teleschau: Von welchen Zahlen reden wir, wenn es ums Thema "Vergewaltigung" geht?

Lufen: Alle drei Minuten wird in Deutschland eine Frau vergewaltigt. Wir sprechen hier von fünf Millionen betroffener Frauen im Land, und gerade mal fünf Prozent der Opfer zeigen die Tat an. Viele haben Angst zur Polizei zu gehen, weil sie dann das Ganze noch einmal durchleben müssen und die emotionale Belastung dadurch hoch ist.

teleschau: Gibt's da eine Möglichkeit, wie man das ändern könnte? Denn ein Verbrechen sollte ja angezeigt und verfolgt werden ...

Lufen: Die Polizei hat in den letzten Jahren schon viel getan, indem sie die Polizisten besser geschult haben. Trotzdem ist es so, dass ganz viele Frauen die Art und Weise der Befragung als sehr unangenehm empfinden und dass ihnen auch heute noch blöde Sprüche entgegengebracht werden. Mit dem Film wollen wir unter anderem erreichen, dass Opfer anders in der Öffentlichkeit dargestellt werden und mit ihnen anders umgegangen wird. Sie dürfen nicht automatisch zuerst in Zweifel gezogen werden. Das können wir in Deutschland definitiv noch viel verbessern. Und hoffentlich trauen sich in Zukunft dann Frauen eher, Anzeige zu erstatten.

teleschau: Anlass für Ihr öffentliches Bekenntnis war das Gina-Lisa Urteil. Wann haben Sie entschieden, dazu etwas sagen zu wollen?

Lufen: Das Schreiben meines Facebook-Posts war im Grunde eine Affekt-Handlung, mein Post sollte keine Stellungnahme zu Gina-Lisa sein. Der Fall war zu dieser Zeit einfach sehr präsent, ich hatte als Moderatorin des "SAT.1-Frühstückfernsehens" sehr viel damit zu tun, und die Berichterstattung war für mich der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es ging mir einfach schon länger gegen den Strich, wie über Opfer sexueller Gewalt berichtet wird und wie diese oftmals dargestellt werden.

teleschau: Wie soll man das verstehen?

Lufen: Bei praktisch jedem Fall von Vergewaltigung, der öffentlich wird, steht am Ende die Frau so oder so als potenzielle Lügnerin da. Das ist für betroffene Frauen schwer zu ertragen. Auch deswegen entscheiden sich viele Frauen: Dem will ich mich gar nicht aussetzen und behalte das lieber für mich, was habe ich denn von einer Anzeige?

teleschau: Hat Sie also die Berichterstattung mehr geärgert, als das Urteil selbst?

Lufen: Ja, vor allem die Selbstherrlichkeit einiger Medienkollegen und der Kommentatoren in den sozialen Netzwerken: Es wird so getan, als ob es normal wäre, dass eine Frau sofort nach der Tat zur Polizei oder zum Arzt geht. So, als wäre dies das korrekte und einzig akzeptable Verhalten - dem ist nicht so. Und was mir ganz wichtig ist: Zweifelt nicht immer automatisch das Wort der Frau an. Im Grunde herrscht in Deutschland ein Missverhältnis: Die Problematik, dass Männer zu Unrecht einer Vergewaltigung beschuldigt werden, die liegt im Bruchteilbereich zu der Masse an Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren. Die gibt es, das bezweifle ich auch gar nicht, aber man muss doch einer Frau diesen Vorwurf einfach mal zugestehen, ohne, dass sie sogleich verunglimpft wird.

teleschau: Wie ging es Ihnen, nach Ihrem "Outing" auf Facebook?

Lufen: Um ehrlich zu sein, war ich nach meinem Post überwältigt von dem Interesse. Mir haben wahnsinnig viele Menschen geschrieben, ich brauchte Wochen, um das alles lesen zu können. Nach ein paar Tagen dachte ich dann auch: So, jetzt ist es aber auch wieder gut mit dem Thema, das überfordert mich jetzt seelisch. Aber ich habe auch eine Verantwortung verspürt gegenüber den vielen, die sich mir geöffnet hatten. Relativ bald kam dann die Anfrage, einen Film zu machen, um den vielen Betroffenen ein Forum zu bieten.

teleschau: "Für vergewaltigte Frauen gibt es in unserem Land selten Gerechtigkeit. Nur die wenigsten betroffenen Frauen erstatten überhaupt Anzeige - aus Angst vor dem Täter, dem Prozess oder aus Scham vor Freunden und Familie. Kaum ein Verbrechen wird seltener bestraft als Vergewaltigung!" Diese Sätze kann man auf Frauenrechte.de lesen. Ganz schön harter Tobak ...

Lufen: Ich konnte die letzten zehn Tage, an denen wir uns in der heißen Phase der Fertigstellung des Films befanden, kaum schlafen, da ich mir zum ersten Mal über die ganze Dramatik des Themas bewusst geworden bin. Es gibt tatsächlich kaum ein Verbrechen, das so wenig geahndet wird wie eine Vergewaltigung. Das ist ein Skandal! Wir haben hier ein großes Tabu, über das viel zu selten ernsthaft diskutiert wird.

teleschau: Gibt es da ein Versagen seitens der Politik?

Lufen: Das ist ganz schwierig zu beantworten, wir versuchen das im Film zu klären. Ich erstatte zum Beispiel einmal Anzeige und spiele durch, wie es sich als Frau anfühlt, nach einer solchen Tat zur Polizei zu gehen. Ich treffe mich außerdem mit einem Richter und gehe mit ihm einmal durch, wie so eine Verhandlung abläuft. Der Richter, der sehr erfahren ist auf dem Gebiet, erklärte mir: Bei uns vor Gericht zählt nur der Täter. Es geht um dessen Verurteilung. Das Opfer ist nicht im Fokus einer Gerichtsverhandlung. Deshalb empfinden Frauen eine Verhandlung oftmals als verletzend. Weil die ganze Zeit über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Es ist nicht das Ziel vor Gericht, und vielleicht kann es das auch gar nicht sein, dass es dem Opfer am Ende besser geht und die Frau am Ende der Verhandlung das Gefühl hat, dass ihr Gerechtigkeit widerfahren ist.

teleschau: Aber das wird sich kaum ändern lassen.

Lufen: Das stimmt. Auch das Verbrechen an sich wird wohl nicht einfach so aufhören, sexuelle Gewalt gegen Frauen ist so alt wie die Menschheit. Aber es ist wichtig, überhaupt erst einmal wahrzunehmen, wie dramatisch groß das Problem in unserer Gesellschaft ist. Und was wir dann verändern können ist, wie mit Opfern umgegangen wird. Wie werden Frauen wahrgenommen, wie wird eine solche Tat bewertet, muss es immer so weitergehen, dass das Wort der Frau automatisch angezweifelt wird?

teleschau: Doch es gab ja in letzter Zeit gewisse Bewegungen hin zu mehr Frauenrechten, man denke nur an die Aktionen "#Aufschrei" oder "#NeinheißtNein".

Lufen: Ich glaube schon, dass sich etwas getan hat. Aber eben noch lange nicht genug. Früher war es einfach noch viel schlimmer. Der Weg ist noch sehr weit und medial muss sich am meisten ändern.

teleschau: Indem, dass Medien neutraler, besser, verständnisvoller berichten?

Lufen: Ja.

Quelle: teleschau - der mediendienst