Jörg Pilawa

Jörg Pilawa





Am Lagerfeuer wird jetzt nachgelegt!

Von wegen Schunkelmucke: Was die Geschwindigkeit des Personalkarussels und den allgemeinen Erregungszustand angeht, war rund um den guten, alten "Stadl" zuletzt Rock'n'Roll angesagt. Zur Erinnerung: Die "Stadlshow", ein auf jung getrimmter Nachfolger des "Musikantenstadls", scheiterte nach nur einer regulären Sendung und einer Silvester-Ausgabe 2015 mit Karacho. Die 1981 erstmals ausgestrahlte Traditionssendung "Musikantenstadl" ist zum Leidwesen der vielen Fans Geschichte, der langjährige Moderator Andy Borg, Nachfolger des legendären Karl Moik, wurde geschasst, aber wenigstens am "Silvesterstadl" halten ARD, ORF und das Schweizer Fernsehen fest - nun mit einem neuen Moderator, dessen Verpflichtung für viele Fans ungefähr so überraschend kam, wie, sagen wir, ein Metal-Gitarrenriff bei den jungen Zillertalern: Erstmals wird Jörg Pilawa (51) durch die Sendung führen - gemeinsam mit Francine Jordi. Die 39-jährige Sängerin aus der Schweiz war bereits bei dem missglückten "Stadlshow"-Versuch dabei, damals noch mit Alexander Mazza. Klingt kompliziert? ARD-"Quizonkel" Pilawa nimmt's leicht: "Silvester ist Silvester ist Silvester und damit Party. Und darauf habe ich riesige Lust", konstatiert er. Viel tiefgründiger wird der populäre Alles-Moderator im Interview, wenn er über die Zusammenhänge von TV-Unterhaltung und gesellschaftlichen Entwicklungen sinniert.

teleschau: Sind Sie ein Mensch, der mit guten Vorsätzen ins neue Jahr geht?

Jörg Pilawa: Nein (lacht). Ich nehme mir jedes Jahr vor, mich nicht über die Leute lustig zu machen, die sich gute Vorsätze machen - weil es immer wieder dasselbe ist: Alle, die an Silvester tönen, dass sie nun abnehmen und Sport treiben wollen, dass sie aufhören zu rauchen oder zu trinken, die verkünden, dass sie definitiv ihr Leben umkrempeln, sind spätestens Mitte Januar wieder in den alten Mustern. Silvestervorsätze sind ein Witz.

teleschau: Also ist der Jahreswechsel für Sie nichts Besonderes?

Pilawa: Ein Tag wie jeder andere. Obwohl ... Ich gestehe, dass ich mir rund um den Jahreswechsel schon ein paar Gedanken mehr als sonst über die Zukunft mache - da geht es eher um familiäre Veränderungen, anstehende große Termine. Was den Job angeht, mache ich aber keine Planungen mehr. Spätestens seit meinem 50. Geburtstag jagt eine Überraschung die nächste.

teleschau: 2016 waren Sie gefühlt omnipräsent.

Pilawa: Ja, der Quizonkel war extrem fleißig (lacht). Aber 2017 ist mein Kalender abseits der regelmäßigen Formate fast leer. Ich bin derzeit in guten Gesprächen mit der ARD und gespannt, was kommt, aber es ist auch gut, wenn's weniger Holz als 2016 wird. Dass ich nicht mehr mit langlaufenden Verträgen arbeite, gibt mir meine mentale Freiheit zurück.

teleschau: Also ahnten Sie nach dem Hick-Hack um den "Stadlshow Silvester" im vergangenen Jahr noch nicht, dass ein Jahr später Sie es sein könnten, der durch diese Traditionssendung führen wird?

Pilawa: Nein, aber ich hätte sofort erklärt, dass mich das reizt.

teleschau: Sie sagten gleich zu, als die Anfrage kam?

Pilawa: Nein, das ist eine Sache, die ich erst mit der Familie absprechen musste. Ich druckste ein bisschen rum, weil ich Respekt vor dem Votum hatte. Aber eines schönen Sonntagmorgens habe ich meiner Frau beim Frühstücken gebeichtet, dass ich auserkoren wurde, zum Jahreswechsel im Ersten die "Party des Jahres" zu moderieren ... Meine Frau fand's super, weil endlich mal das Bleigießen ausfällt, und die Kinder fragten sofort, ob sie mitdürfen. Also fahren wir jetzt alle zusammen nach Graz. Dort ist eine ganze Sitzreihe für die Pilawas reserviert (lacht).

teleschau: Wobei es dankbarere Aufgaben gibt ...

Pilawa: Die gibt es immer! Es geht doch nur um die Silvestersendung und nicht darum, den guten, alten "Musikantenstadl" neu zu erfinden.

teleschau: Spüren Sie dennoch, dass das "Stadl"-Thema etwas Besonderes ist?

Pilawa: Ja, klar. Der "Silvesterstadl" hatte jedoch auch schon früher mit den anderen Stadl-Sendungen nicht so viel gemein, das war immer mehr Party als Stadl.

teleschau: Hatten Sie Respekt vor dem Mythos "Musikantenstadl"?

Pilawa: Und ob! Als ich angefragt wurde, habe ich mit Andy Borg, den ich sehr schätze, telefoniert, um ihn in Kenntnis zu setzen. Auch aus Respekt vor ihm werde ich nun ganz sicher nicht das Fass der Stadl-Wiederbelebung aufmachen.

teleschau: Aber die wirklich großen Marken sind rar geworden. Nicht umsonst erleben viele Showkonzepte derzeit ein Comeback. Würden Sie das Thema Stadl für alle Zeiten abschreiben?

Pilawa: Grundsätzlich überhaupt nicht. Es scheint eine große Sehnsucht nach Marken zu geben. Fernsehen hat heute fraglos viel mit Nostalgie zu tun. Es funktioniert auch nach dem Prinzip: Früher war alles besser.

teleschau: Auf der anderen Seite wird seit Jahren praktisch jede noch bestehende Programmmarke in Frage gestellt. Beim "Musikantenstadl" oder vorher auch bei "Wetten, dass ..?" hat man erlebt, was passiert, wenn ein Traditionsformat erst einmal in der Kritik steht ...

Pilawa: Ja. Wer angezählt ist, hat keine Chance mehr. Aber ich bleibe dabei: Es hatte doch gute Gründe, dass die internationalen Superstars alle zu "Wetten, dass ..?" gekommen sind. Das ist eine unglaublich starke, emotional aufgeladene Marke. Es war sicher eine mutige Entscheidung, eine Sendung einzustellen, die sieben Millionen Zuschauer hat. In welcher deutschen Fernsehsendung werden denn zukünftig Cameron Diaz und Co. sitzen? Mir fällt keine ein.

teleschau: Wie passt das alles zusammen?

Pilawa: Ich glaube, da spiegelt sich wider, was in unserer Gesellschaft ganz allgemein los ist: Das Leben dreht sich einerseits immer schneller, ständig passiert etwas Neues, andererseits wächst bei vielen die Angst, vor dem, was da noch alles auf sie zukommen mag. Es stehen ja wirklich große Veränderungen an. Wenigstens daheim vorm Fernseher hätte man es da gerne halbwegs verlässlich. Plötzlich höre ich schon modernste Zeitgenossen seufzen, wie sehr ihnen die gute, alte Zeit fehlt. Eine ziemlich paradoxe Situation, aber ich denke, unterm Strich besinnen sich die Programmverantwortlichen heute schon wieder mehr auf Marken und Traditionen als das noch vor ein paar Jahren der Fall war.

teleschau: Ist im Unterhaltungsfernsehen die Zeit des Ausprobierens also erst mal vorbei?

Pilawa: Ja, ich bin überzeugt, dass es ein Umdenken gibt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die bekannten Fernsehmarken extrem ausgereift sind. Solche Sendungen nimmt man ins Programm und weiß, was man an ihnen hat. Ein neues Showkonzept braucht einfach gewisse Zeit, um zu reifen. Manche Formate laufen erst nach Jahren rund. Doch man gibt neuen Formaten diese Zeit nicht mehr. Wenn die Quote nicht passt, dann ist Schluss. Aber es gibt Ausnahmen: An der "heute-show" hat das ZDF trotz Anfangs verheerender Quoten festgehalten - heute ist die Sendung kaum mehr wegzudenken. So und nicht anders etabliert man eine Marke.

teleschau: Für Moderatoren scheint das Gegenteil von dem zu gelten, was Schauspieler oft beklagen: nämlich dass spätestens ab 50 Jahren die Angebote rar werden.

Pilawa: Da ist was dran. Es hat wohl damit zu tun, dass es unheimlich schwer geworden ist, beim Publikum neue Gesichter zu verankern. Es dauert Jahre, bis man als sogenanntes "vertrautes Gesicht" durchgeht. Junge Kollegen haben es also schwerer denn je - heute wird von Anfang an bei jedem Auftritt genau auf die Akzeptanz beim Publikum geschaut, zudem kommen die Kritiken sehr schnell und fallen direkt aus, über die sozialen Medien entscheidet sich vieles. Außerdem muss man sagen, dass der Beruf des Moderators viel weniger mit Talent zu tun hat als der des Schauspielers. Bei uns kommt es auf Handwerk an und auf Erfahrung. Alter ist in meinem Metier nichts Schlechtes.

teleschau: Denken Sie, dass das Publikum gar keine Lust auf neue Stars am Moderatorenhimmel hat?

Pilawa: Kann ich so nicht sagen. Ich weiß nur, dass unsere Arbeit stark ins Privatleben der Menschen hineinreicht - sie verbringen mit uns den Abend. Wahrscheinlich ist es nur natürlich, dass man das lieber mit jemandem tut, den man gut kennt und dem man vertraut. Zu Hause auf der Couch im Wohnzimmer lässt man sich nur ungern auf etwas Neues ein, es ist viel entspannter, wenn man weiß, wer zu Besuch kommt.

teleschau: Spüren Sie als Moderator mehr Verantwortung als noch vor einigen Jahren?

Pilawa: Ja, durchaus. Das TV-Lagerfeuer lodert vielleicht nicht mehr so hoch wie früher, aber es ist meiner Meinung nach wichtiger denn je, um diese auseinanderdriftende Gesellschaft zusammenzuhalten. Sicherlich, ich mache nur Unterhaltung - aber was heißt "nur", wenn du mit deiner Sendung in diesen Zeiten fünf, sechs Millionen Zuschauer für drei, vier Stunden vor dem Fernseher versammelst! Mehr geht angesichts von unzähligen Programmalternativen nicht.

teleschau: Wäre es da nicht konsequent, wenn die gängigen TV-Shows mehr Essenz hätten?

Pilawa: Ganz klar: Ja! Das Showfernsehen kann und darf sich ruhig mehr in die politische Debatte einbringen. Infotainment lautet das Gebot der Stunde. Es ist für mich keine Frage, dass wir - natürlich in Maßen und auf spielerische Art - mehr politische Statements in der klassischen Unterhaltung brauchen und dass wir gesellschaftliche Themen aufgreifen müssen.

teleschau: Spricht da auch der langjährige Botschafter des World Future Council aus Ihnen?

Pilawa: Absolut. Was wir im World Future Council (eine internationale Vereinigung aus Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur, die nachhaltige Politik in Zeiten der Globalisierung unterstützt, d. Red.) mit zunehmender Sorge betrachten, ist die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen von den unendlichen Möglichkeiten der digitalisieren Welt mental komplett überfordert fühlen. Sie brauchen in immer stärkerem Maße Hilfe bei der Einordnung der Faktenflut, und da kommt das Fernsehen ins Spiel, natürlich in erster Linie das Nachrichtenfernsehen.

teleschau: Dem aber immer weniger Menschen zu vertrauen scheinen ... Das "Lügenpresse"-Geschrei richtet sich ja auch gegen ARD und ZDF.

Pilawa: Was ich schlimm finde! Die Medien dürfen bei der Ursachenforschung aber ruhig bei sich selbst anfangen: Oft wird nur noch skandalisiert, zugespitzt und negativ berichtet. Ich durfte unlängst den Empfang des Bundespräsidenten für Ehrenamtliche moderieren. Da kam ich mit einigen Helfern ins Gespräch, die sich für Flüchtlinge engagieren. Sie sagten mir unisono, dass sie daran verzweifeln, dass so selten über die vielen Beispiele für gelingende Integration berichtet wird. Die Gründe für Angst und Ungewissheit in der Bevölkerung sind sicherlich auch im negativen Ansatz der Medien zu suchen.

teleschau: Was kann der "Quizonkel" beitragen?

Pilawa: Schon einiges, hoffe ich. Denn die allgemeine Situation macht die Rolle des Unterhaltungsfernsehens bedeutsamer: Wenn es mir als Unterhalter gelingt, mein Publikum für ein paar Stunden von den Ärgernissen dieser Welt abzulenken, habe ich doch viel erreicht. So gehe ich die Sache an.

teleschau: Nur: Mit ein paar bunten Samstagabendshows wird man die Stimmung im Land kaum drehen können.

Pilawa: Nein. Daher habe ich folgende Idee: Wie wäre es mit einer Allianz der Positiven: einem Verein, in dem sich die vielen positiv denkenden Menschen in diesem Land zusammenschließen und nach außen tragen, wieviel Richtiges bei uns passiert? Es ist mein voller Ernst: Das Positive braucht endlich eine Lobby, es geht darum, die Perspektive zu korrigieren. Packen wir's an (lacht)!

Quelle: teleschau - der mediendienst