Jürgen Vogel

Jürgen Vogel





"Glaubst du an Gott?"

Auf den ersten Blick sieht es nach einer Paraderolle für Deutschlands Charakterdarsteller Nummer Eins aus. In "Der weiße Äthiopier" (ARD, Mi., 21.12., 20.15 Uhr) spielt Jürgen Vogel einen wortkargen Sonderling, der eine verletzte Seele unter Muskeln und Tätowierungen versteckt und die Fäuste sprechen lässt, wenn man ihm zunahekommt. Doch im Drama nach einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach wird eine weitere Seite des Haudraufs gezeigt, eine zärtliche, mitfühlende, hoffnungsfrohe. Und auch für den 48-Jährigen selbst war der Dreh in Ostafrika ein einschneidendes Erlebnis: Der Atheist hat auf 2.000 Metern Höhe zum Glauben gefunden. Wir haben mit dem in Berlin lebenden Vierfach-Vater über den Zauber Afrikas, die Kraft des Neuanfangs und das Leben nach dem Tod gesprochen.

teleschau: Sie haben für den ARD-Film "Der weiße Äthiopier" sechs Wochen lang in Ostafrika gedreht. Wie exotisch war das Ganze?

Jürgen Vogel: Es war schon besonders. Vor allem weil ich das erste Mal in Afrika war. Und dann gleich in Äthiopien, reingeschmissen in eines der ärmsten Länder der Welt. Mit Menschen, die nicht kolonialisiert worden sind. Mussolini hat es probiert, den haben sie rausgeschmissen. Ich hatte nie das Gefühl, dass es Vorbehalte wegen der Hautfarbe gibt. Viel wichtiger war den Einheimischen die Frage: Glaubst du an Gott?

teleschau: Wie lautete Ihre Antwort darauf?

Vogel: Ich habe immer gesagt: Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube an das Gute im Menschen. Das hat die Leute aber nicht wirklich zufriedengestellt, zumal ich eine Madonna auf meinem linken Oberarm tätowiert habe. Und jeder dort, ob Moslem oder Christ, erkannte sie als religiöses Symbol.

teleschau: Ist sie das nicht?

Vogel: Doch, aber für mich steht sie für etwas anderes, für das Prinzip der Hoffnung.

teleschau: Das heißt, Sie glauben nicht an Gott?

Vogel: Richtig. Ich bin weder getauft noch in einer Kirche. Meine Haltung zur Religion hat sich in der Zeit in Afrika jedoch verändert.

teleschau: Inwiefern?

Vogel: Ich habe begriffen, wie wichtig Religion in Ländern ist, in denen große Armut herrscht. Wie der Glaube dazu dienen kann, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, Strukturen und Schutzräume zu schaffen, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zu lehren. Davon profitieren auch Fremde. Wenn Menschen gläubig sind, wollen sie helfen. Weil sie entsprechende Regeln haben. Das war mir vorher nicht klar. Ich dachte immer, Religion wäre nur eine Erfindung von Leuten, die Dinge verhindern wollen. Das würde ich so heute nicht mehr sagen. In unserer Gesellschaft macht jeder sein Ding. Jeder guckt, dass er einen Vorteil aus allem zieht. In einem so armen Land wie Äthiopien ist das anders. Das wenige, was da ist, muss geteilt werden, damit die Gemeinschaft überleben kann.

teleschau: Das heißt, Sie wurden in der Ferne bekehrt?

Vogel: Das könnte man fast so sagen. Zumindest wurde mir erstmalig die Bedeutung von Religion bewusst. Irgendwann musste ich mir sogar eingestehen, dass ich in gewisser Weise doch gläubig bin. Aber eben nicht, dass ich jemandem die Verantwortung gebe für das was mir widerfährt, einem Gott, einem Jesus oder einer anderen Allmacht. Ich bin für mein Glück und Unglück selbst verantwortlich. Wenn ich Gutes tue, kommt Gutes zurück, das ist der innerste Kern meines Glaubens.

teleschau: Gäbe es denn eine Religion, zu der Sie sich bekennen würden?

Nein. Auch in Afrika habe ich gesehen, dass es nicht darum geht, welcher Glaubensrichtung jemand angehört. Moslems und Christen kommen friedlich miteinander klar. Sie bekriegen sich nicht, sondern helfen sich gegenseitig. Das hat mir verdeutlicht, dass der Religionsstreit ein Missbrauch von Religion ist. Die Anlagen von Bösartigkeit gibt es im Christentum genauso wie im Islam, das haben wir Jahrhunderte und Jahrtausende lang erlebt.

teleschau: Neben der Madonna ziert ein Totenkopf Ihren Oberarm, wie fiel die Wahl auf dieses Motiv?

Vogel: Ich wollte einen Ausgleich schaffen zwischen dem Leben und dem Tod. Der Tod ist für mich nichts per se Schlechtes.

teleschau: Glauben Sie denn an ein Leben nach dem Tod?

Vogel: Eigentlich nicht. Es ist vorbei, weil es vorbei sein muss. Und das ist in Ordnung so. Aber wenn es doch ein anderes Leben gibt, findet das zur selben Zeit statt. Jeder existiert in verschiedenen Gestalten und in anderen Epochen gleichzeitig. Vor kurzem habe ich den Ötzi gespielt. Es hat mich beeindruckt, wie hoch entwickelt die Menschen vor über 4.000 Jahren waren, welche Waffen sie kannten. Ich könnte mir gut vorstellen, in jener Ära zu leben.

teleschau: Vom Gletscher zurück in die Savanne, - was hat Ihnen in Afrika noch imponiert?

Vogel: Den Menschen, die ich dort kennengelernt habe, waren die nettesten, denen ich jemals begegnet bin. Und mich hat das reduzierte Dasein beeindruckt, als Kontrast zu unserer Welt, in der du ständig mehr besitzen musst. Natürlich gibt es viel Armut, das will ich gar nicht schönreden. Ein Mangel, dem man meiner Meinung nach mit Bildung begegnen muss. Bildung ist der größte Schutz vor allem, vor Armut, vor Radikalisierung, vor Ausgrenzung. Es geht nicht darum, Geld zu verteilen. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, damit die Menschen Handel treiben können und so die Chance haben auf Gewinne und einen gewissen Wohlstand.

teleschau: Sie sagen, Teilen war ein wichtiger Aspekt, der Sie in Äthiopien begeistert hat. Wie sah das konkret aus?

Vogel: Ich wurde gefüttert, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fand das zuerst irritierend, weil der Mund bei uns ja etwas Intimes, etwas Sinnliches, ist. Und dann sitzt du da, erzählst, isst, und plötzlich schiebt dir ein fremder Mann Essen zwischen die Lippen. Das war gewöhnungsbedürftig, aber schön.

teleschau: Werden Sie wieder hinreisen und Ihre neuen Freunde weiterhin unterstützen?

Vogel: Ich denke oft über Äthiopien nach, und ich bin in Kontakt mit meiner Film-Partnerin. Und ja, ich möchte helfen. Als jemand, der in der Öffentlichkeit steht, hat man die Chance, auf Missstände aufmerksam zu machen. Das möchte ich auf jeden Fall. Aber ein Gutmensch sein, um des Images wegen, das ist mir zuwider. Wenn einer einen hochdotierten Werbespot dreht und eine Charity-Aktion nachlegt, um das Gewissen zu beruhigen, das ist die falsche Motivation.

teleschau: Lassen Sie uns über Ihre Rolle in "Der Äthiopier" sprechen. Sie verkörpern Frank Michalka, einen Mann, der sich schuldig gemacht hat und vor dem Gefängnis in die Fremde flieht. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?

Vogel: Ich mag, dass er aus dem Milieu stammt, dass er in dieser Welt nicht richtig funktioniert. Ich mag, dass er Fehler macht. Und ich mag, dass er flieht und neu anfängt.

teleschau: Wie ergeht es ihm denn als weißem Flüchtling auf dem schwarzen Kontinent?

Vogel: Er stößt erst auf Ablehnung, aber auch auf Herzenswärme. Spätestens in dem Moment, indem er für das Umfeld durch sein handwerkliches Geschick etwas leisten kann, läuft es. Wenn er erst in einem Lager gelandet wäre, bevor er eine Arbeitsgenehmigung bekommen hätte, hätte er dem Land nichts Gutes tun können. Insofern ist es auch die Geschichte einer gelungenen Integration.

teleschau: Und es ist eine Love Story. Für Sie bislang ein eher unbekanntes Terrain ...

Vogel: Stimmt, ich habe selten Liebesfilme gedreht. Aber Liebe ist nun mal eine starke Kraft, etwas, das uns alle im Leben beschäftigt. Ich fand das filmisch sehr schön, diese sachte Annäherung, und welche Stärke sie für Frank Michalka, den Protagonisten, entwickelt.

teleschau: Was war die größte Herausforderung im Spielen dieser Figur?

Vogel: Die sprachliche Behinderung. Ein Stottern zu imitieren, ist nicht leicht. Man muss einen Weg finden, dass es nicht zu technisch wird, zu stark auf einen Buchstaben fokussiert. Es darf nicht durchdacht sein, es muss einfach passieren.

teleschau: Obendrein haben Sie eine völlig fremde Sprache gesprochen ...

Vogel: Ja, ich habe mit einem äthiopischen Professor Amharisch gelernt, eine verflucht schwere Sprache. Ich habe mir dafür die Sätze in Lautsprache aufgeschrieben, auf Band aufgenommen, angehört und immer wieder aufgesagt. Die Muttersprachler haben mir bestätigt, dass sie es am Ende gut verstanden haben.

teleschau: Woran können Sie sich noch erinnern?

Vogel: An die weibliche Begrüßungsformel. Die beherrsche ich im Schlaf.

teleschau: Sie sagen, Sie mochten die Fehlerhaftigkeit des Protagonisten. Ist das etwas, worin Sie sich wiederfinden?

Vogel: Wie jeder andere Mensch mache auch ich ständig Fehler. Ich habe Kinder und garantiert viele Erziehungsfehler gemacht. Es gibt unzählige Dinge, die ich hätte besser machen können. Ich stelle mich oft in Frage, gerade in Beziehungen. Denn es hat immer mit einem selber zu tun, wenn etwas scheitert. Das wird einem jedoch erst ab einem bestimmten Alter klar.

teleschau: Waren Sie jemals an einem Punkt, an dem Sie am liebsten alles hingeschmissen hätten?

Vogel: Wenn ich keine Kinder hätte, hätte ich das bestimmt gemacht. Aber ich habe mich tatsächlich einmal neu erfunden. Das hat auch gut geklappt: Raus aus der Opferrolle, hin zu einem selbstverantwortlichen Dasein.

teleschau: Wann war das?

Vogel: Als ich 15 war. Damals bin ich von zu Hause ausgezogen und habe mir gedacht: Jetzt kreiere ich mein eigenes Leben. Das war ein einschneidender Schritt. Ich denke, das kann man im schlimmsten Fall immer machen: von vorn anfangen. Und das hätte ich bestimmt auch getan, wenn mein Leben wirklich ganz blöd verlaufen wäre, aber das ist es ja nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst