Maria Ehrich

Maria Ehrich





Das Gesicht einer reinen Seele

Obwohl sie nicht auf Schauspieler oder andere "Filmkontakte" in der Familie zählen kann, wurde Maria Ehrich dank einer Zeitungsanzeige zum Kinderfilm-Star. Später war sie auch als Jugendliche gut im Geschäft. Mittlerweile spielt die 23-Jährige regelmäßig Erwachsenenrollen - wie im ZDF-Historienfilm "Die Glasbläserin". Eine Schauspielausbildung hatte die junge Thüringerin nie, auch keine "richtige Pubertät". Wie geht ein Leben ohne Brüche?

Es gibt attraktive Schauspielerinnen, deren Gesicht und Körper etwas Verruchtes oder Gefährliches ausstrahlen. Früher nannte man diesen Typus Filmfrau Femme fatale. Und dann gibt es Gesichter wie jenes von Maria Ehrich. Egal, in welchem Jahr ihres Lebens man es betrachtet: das Antlitz jenes Mädchens strahlt immer etwas liebevoll Staunendes aus, das einen an zuversichtliche Aufbrüche in bessere Zeiten denken lässt. Eine "Alice im Wunderland" würde man mit Ehrich besetzen, vielleicht auch das Rotkäppchen. In letzter Zeit sieht man dieses Gesicht aber vorwiegend in Rollen, wo man ihr übel mitspielt. Sowohl im erfolgreichen ZDF-Mehrteiler "Ku'damm 56", der im kommenden Frühjahr mit drei Filmen fortgesetzt wird, als auch in "Die Glasbläserin" spielt Maria Ehrich eine junge Frau, die von einer unglücklichen Ehe drangsaliert wird. Muss man auch erst mal drauf kommen.

Während sie in "Ku'damm" die deutsche Nachkriegsgattin eines von seiner sexuellen Orientierung gequälten schwulen Mannes spielt, muss sie in ihrem aktuellen Historienfilm eine Kunsthandwerkerin geben. Sie wird erniedrigt von einem gewalttätigen Trunkenbold von Mann und der Tatsache, dass man im Thüringen des späten 19. Jahrhunderts als Frau kein eigenes Gewerbe betreiben durfte. Die Christbaumkugel - und das ist die hoffnungsvolle Seite des ZDF-Weihnachts-Epos - erfindet sie zusammen mit ihrer von Luise Heyer gespielten Schwester dennoch.

"Der Film war alles andere als einfach für mich", sagt Maria Ehrich mit deutlicher Distanz zu den Dreharbeiten in Tschechien an einem regnerischen Novembertag in Hamburg. "In kurzer Folge musste ich hochemotionale Szenen spielen, die viel verlangten und an die Substanz gingen. So etwas geht mir lange nach. Deshalb ist es nach einem solchen Film für mich wichtig, Abstand zu gewinnen." Tatsächlich geht es in "Die Glasbläserin" um Tod, Schmutz, Vergewaltigung und den Überlebenskampf zweier junger Schwestern. Zwar im Gewand einer Edel-Schmonzette, denn auch die gleichnamige Buchvorlage entstammt dem melodramatischen Historien-Genre. Die Schauspielerinnen Maria Ehrich und Luise Heyer machen den Film dennoch sehenswert. Ehrich, die nie eine Schauspielschule besuchte und seit kurzem "zum Ausgleich" an der Berliner Humboldt-Universität Kulturwissenschaften studiert, machte nach Abschluss der Dreharbeiten im letzten halben Jahr ein bisschen Pause. Sie drehte ein paar Kurzfilme mit Freunden und zog aus der WG mit Schauspielkollegin Emilia Schüle in eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund.

Mit ihm, einen TV-Sportjournalisten der Deutschen Welle, ist sie seit zwei Jahren liiert. Ehrich erzählt offen und für eine 23-Jährige erstaunlich reflektiert über ihr Leben. Dass sie ein schüchternes Kind war, das jedoch zur Rampensau wurde, wenn ein Familienfest anstand. Dann wurde vorgeführt, gespielt und rezitiert. In der Thüringer Provinz war das. Ihr Vater betrieb dort eine Diskothek, die es heute noch gibt. Wohl als therapeutische Maßnahme gegen die Schüchternheit ihrer ältesten Tochter schickte sie die Mutter zum Casting für den Kinderfilm "Mein Bruder ist ein Hund" (2004). Aus der gefundenen Anzeige in der Lokalzeitung wurden mehrere Vorsprechtermine mit gutem Ende für die Elfjährige. "Es hat mit von Anfang an Spaß gemacht", sagt Maria Ehrich, die sich noch exakt an ihren ersten Drehtag erinnern kann. "Ich habe sofort verstanden, worum es ging und war auch immer ein braves, diszipliniertes Kind. Und so gab es bei mir gar keine schwierige Pubertätsphase."

Heute spekuliert Maria Ehrich darüber, dass sie die Rebellion vielleicht nicht brauchte, weil ihr Elternhaus so liberal und gleichermaßen fürsorglich war. Auf ein Austicken ihrerseits warte sie bis heute, spricht das liebe Gesicht fast ein wenig verwundert über sich selbst von der anderen Seite des Tisches. Gleich danach wird Maria Ehrich ernster. Dann, wenn sie über ihre Ängste spricht, nach dem "überwältigenden Erlebnis" des ersten Films keine weiteren Rollen mehr zu erhalten. Bis heute war die Angst unbegründet, auch wenn sie ein bisschen geblieben ist. Ihre Eltern, die noch zwei jüngere Kinder haben, hielten den Karriere-Ball lange Zeit betont flach. "Die ersten Jahre hatte ich noch nicht mal eine Agentur. Als die Filmleute immer öfter bei einer anderen Familie Ehrich in unserer Gegend anriefen, weil sie auf der Suche nach mir waren, sind wir schließlich doch zu einer Kinderagentur gegangen."

Ehrich spielte weiter Kinder, zum Beispiel eines von Veronica Ferres im Film "Die Frau vom Checkpoint Charlie". Später durfte sie in Jugendfilmen wie der dreiteiligen Fantasy-Saga "Rubinrot", "Saphirblau" und "Smaragdgrün" zur Frau heranreifen. Dass sie die Übergänge zwischen den Altersstufen nahtlos hinbekam, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. "Es gibt Kinder, bei denen irgendwann der Niedlichkeitsfaktor wegfällt - dann sind sie raus. Auch ich hatte durchaus Angst, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Es war die Furcht, das zu verlieren, was ich hatte. Ich lebte zwar nicht in Panik, habe aber immer mal wieder gedacht, dies könnte jetzt der letzte Film gewesen sein."

Mittlerweile lässt bei Maria Ehrich die Angst nach, was ihr sichtlich gut steht. Die Rollenangebote kommen sehr regelmäßig, mittlerweile ist die Wahlberlinerin im Erwachsenenfach angekommen. Selbst wenn ihr Gesicht immer noch sehr jung aussieht. Womöglich ist es genau jene Projektion eines jugendlichen Aufbruchs in bessere Zeiten, die Caster und Filmemacher in dieser reflektierten jungen Frau sehen. Wenn nichts dazwischen kommt - zum Beispiel eine nachgereichte Pubertät - wird man von der talentierten Schauspiel-Autodidaktin wohl noch mehr hören.

Quelle: teleschau - der mediendienst