Baden Baden

Baden Baden





Einreißen und aufbauen

Eine Frau spannt ihren Bizeps an: Das Filmplakat von "Baden Baden" erinnert an die "We Can Do It!"-Plakate, mit denen 1943 amerikanische Frauen als Hilfsarbeiterinnen in der Kriegsmaschinerie angeworben werden sollten. Heute wird das beliebte Motiv als Ermunterung zur "Frauenpower" gedeutet, was vielleicht auch Rachel Lang für ihre eigenwillige Tragikomödie im Sinn hatte. Oder auch nicht. Es ist nicht ganz leicht, die Intention der französischen Newcomerin zu erraten.

Es beginnt mit einem der lautesten Anschisse der Filmgeschichte. Ana (Salomé Richard) kommt als Fahrerin einer Filmproduktion zu spät und verursacht Kosten, was sie ihr Chef auch sogleich wissen lässt. Wie ein bockiges Kind fährt sie daraufhin mit dem Porsche, den sie abgeben müsste, zu ihrer Oma (Claude Gensac in einer ihrer letzten Rollen) nach Straßburg.

Mit der Großmutter führt sie ebenso wie mit ihrem guten Freund Simon (Swann Arlaud) lustige Dialoge über Alltagsbanalitäten. Tenor nach 30, 60 oder 90 Minuten: Weder privat noch beruflich weiß ich wohin. Ana hat kein Ziel: "Ich bin eine gute Aushilfe", sagt sie und bemerkt, dass sie gut putzen könne, wobei sich nicht herausfinden lässt, ob sie es ironisch meint oder resigniert hat. Doch weder ihre Trauer um die verlorene Liebe noch das Bedauern über den verlorenen Job füllen sie - und den Film - wirklich aus.

Also beschließt Ana, sich nützlich zu machen und die Badewanne in der Wohnung der Oma durch eine begehbare Dusche zu ersetzen. Aber wenn wir ehrlich sind, ist nicht mal das ihre eigene Idee, sondern die der Nachbarin. Es ist schwierig, mit einer solch teigigen Hauptdarstellerin einen Spannungsbogen zu erzeugen. Dieser Frau mit den kurzen Jeans-Shorts ist alles so egal. Egal, mit wem sie schläft, egal, was sie isst, ob und was sie arbeitet. Wie soll sich der Zuschauer für sie interessieren, wenn sie keine Entwicklung durchmacht?

Die 26-Jährige strapaziert die Geduld ihrer Umwelt, vor und auf der Leinwand. Ständig braucht sie jemanden. Der Film kümmert sich nicht mal um das Wie. So sitzt der Baumarkt-Mitarbeiter (Lazare Gousseau) plötzlich auf dem Badewannenrand und grübelt für Ana über die Vorgehensweise bei der Renovierungsmaßnahme. Der Sommer nimmt seinen Lauf, und als es nach Beischlafszenen und Wiedervereinigung mit dem Ex (Kurzauftritt Olivier Chantreau) nicht recht weitergeht mit der neuen Dusche, spricht sie den nächsten Handwerker (Driss Ramdi) an, der für sie die Arbeit erledigt.

Rachel Lang bietet in ihrem Bildaufbau so viel Struktur an, weil er in Anas Leben fehlt. Da muss man drauf kommen. Und das ist tatsächlich die Stärke des Films. Die Regiedebütantin entwirft kraftvolle, ästhetische Bilder. Die haben große Wucht oder sind wunderbar symmetrisch. Ob Architektur oder bewusst eingesetzter Sound - handwerklich ist das manchmal sensationell. Nur inhaltlich ist "Baden Baden" ein Desaster, es sei denn, man ist als Zuschauer so selbstständig, wie es der Regisseurin vorschwebt. Das Leben soll sich selbst erklären.

Die 32-Jährige sieht "Baden Baden" als Pro-Frauen-Film, der sich aber auch genau andersherum deuten lässt. Wer genau hinschaut, sieht eine Frau, die arbeiten lässt, mit ihrer Sexualität zwiespältig umgeht und es einem nicht nahelegt, sie ernstzunehmen. Rachel Lang hat hohe Ansprüche, sie zitiert Brecht und macht sich viele Gedanken. Zuschauer, die in einem Kinofilm eine Aussage suchen, ein gutes Gefühl oder wenigstens die Möglichkeit zur Empathie, bedient sie nicht. Aber reicht es wirklich, eine Frau in einen Porsche zu setzen, wenn man mit Klischees brechen will?

Quelle: teleschau - der mediendienst