Salt and Fire

Salt and Fire





Weltende ohne irre Helden

Revolverkugeln durchbohren eine Tür - mit so einer Szene fingen die Coen-Brüder einst Investoren für ihren ersten Film ein, die glaubten, einen Actionstreifen zu finanzieren. Mit einem ähnlichen Täuschungsmanöver will Werner Herzog "Salt and Fire" unter die Leute bringen. Eine kleine Armee in schwarzen Tarnanzügen, mit Schnellfeuergewehren bewaffnet und die Gesichter hinter Masken verborgen, fährt eine gefesselte Frau zu einer Hazienda in irgendeinem bergigen südamerikanischen Staat. Der Köder für einen aufregenden Polit-Thriller ist ausgeworfen. Doch bei der Anmutung bleibt es. Unfreiwillig verrät schon Veronica Ferres' unglaubwürdiges schweres Atmen, dass es nicht um Leben oder Tod gehen wird. Die prätentiöse Apokalypse-Meditation, die an die Stelle tritt, hat freilich noch weit weniger Substanz.

Der abrupte, reißerische Einstieg erlegt dem Film einen Rückblick auf die Vorgeschichte auf, wie es zu der Entführung gekommen ist. Begleitet von zwei Kollegen, dem grapschenden Schönling Dr. Cavani (Gael García Bernal) und dem ritterlichen Gnom Dr. Maier (Volker Michalowski), fliegt Professor Laura Sommerfeld - die schon erwähnte Veronica Ferres - in ein fernes Land. Für die UNO soll sie dort einen Umweltskandal mit Namen "Diablo blanco" untersuchen. Doch das Wissenschaftler-Trio kommt nicht weit.

Nach der Ankunft lockt ein zwielichtiges Empfangskommittee sie in die Provinz und überwältigt sie. In einem mit Kunstschätzen und Büchern gefüllten, stilvollen Landhaus wartet Matt Riley (Michael Shannon), CEO des Konsortiums, das "Diablo blanco" verursacht hat: Aufgrund einer ungeheuren Verschmutzung breitet sich eine Salzwüste immer weiter aus, wo früher Wasser war - und wird irgendwann die ganze Erde bedecken.

Riley zeigt sich reuig, fährt mit Laura in die trostlose weiße Einöde und zu einem kleinen Flecken Grün darin. Er redet von einem Vulkan, der unter der Salzwüste brodelt und wahrscheinlich ebenso gefährlich ist wie die Öko-Katastrophe. Dann springt er ins Auto und rauscht mit seinen Leuten davon. Die entsetzte Laura bleibt mit zwei fast erblindeten kleinen Jungen und Vorräten für eine Woche zurück.

Wenn an "Salt and Fire" etwas bemerkenswert ist, dann die Wandlung, an der sich der legendäre Filmemacher Werner Herzog versucht. Sein Werk pendelte einst zwischen den Visionären und den Schwachsinnigen, zwischen "Fitzcarraldo" und "Woyzeck". Klaus Kinski hat für Herzog beide Arten von irren Helden gespielt. Der markige Michael Shannon erinnert in "Salt and Fire" an diese Gestalten, aber im Stadium der Resignation. Die Herausforderungen des Weltendes sind so gewaltig, dass jetzt eine andere Form des Heldentums gefragt ist. Veronica Ferres soll sie verkörpern.

Es fehlt ihr dazu nicht nur an Präsenz. Sie kann auch die Rückkehr zum Elementaren in der Einsamkeit und der toxischen Umgebung der Salzwüste nicht empfinden lassen, weil sie zuvor schon nicht die Wissenschaftlerin gewesen ist, die davon so weit entfernt war. Ihre Figur bleibt bloße Behauptung wie das Ungeheure der Doppel-Destruktivität von Mensch und Natur. Nichts von dem, was Riley an Pseudo-Tiefsinnigkeiten über Kunst, Tod und Schöpfung vor sich hin und Laura in ihr iPad faselt, findet Widerhall in den Bildern. Am Ende sucht Herzog auch noch mit lustigen Schnappschüssen aus dem Katastrophengebiet zu überspielen, wie lächerlich Rileys Tun motiviert ist. Bitte nächstes Mal wieder irre Helden.

Quelle: teleschau - der mediendienst