Annette Frier

Annette Frier





Die Bürde, lustig zu sein

"Wie konnte das denn jetzt passieren?" - Annette Frier erinnert sich im Interview daran, dass sie nach ihrer Schauspielausbildung nicht am Theater gelandet ist, sondern in der RTL-Serie "Der Frauenknast". Geschadet hat das ihrer Karriere allerdings nicht: Heute ist die 42-jährige Kölnerin omnipräsent im deutschen Fernsehen, zumeist in Comedy-Formaten, zuletzt aber auch vermehrt in ernsten Dramen. Am Freitag, 9. Dezember, 20.15 Uhr, ist Frier im dritten Film der ARD-Reihe "Hotel Heidelberg" zu sehen. In "Tag für Tag" übernimmt sie die Rolle der Annette Kramer, die zuvor von Ulrike C. Tscharre gespielt wurde. Im Interview berichtet Frier, wie es dazu kam, und warum man als Schauspielerin in Deutschland lieber nicht allzu fröhlich wirken sollte.

teleschau: Frau Frier, ist es leichter, einen Menschen zum Lachen oder zum Weinen zu bringen?

Annette Frier: Es ist jedenfalls einfacher, ein Drama oder einen guten Krimi zu drehen als eine gute Komödie. Sonst gäbe es nicht so viele Krimis.

teleschau: Haben Komiker den schwierigeren Job?

Frier: Keine Ahnung, meiner Meinung nach ist es sehr viel schwerer, den Menschen zum Lachen als zum Weinen zu bringen. Das liegt in der Natur der Sache: Es gibt auf der Welt weniger Humor als Tragödie. Aber nur auf den ersten Blick.

teleschau: Also muss man das Lustige suchen?

Frier: Genau. Ich habe Freude daran, mir das Skurrile herauszupicken. Dass mich manche Menschen deswegen albern finden, muss ich eben in Kauf nehmen.

teleschau: Wenn man lustige Rollen spielt, erwarten die Menschen dann von einem, dass man ständig lustig ist?

Frier: Natürlich! Ein Beispiel: Ich stand vor einer Weile an der Kasse in einem Baumarkt. Ich wollte bezahlen, habe mein Geld gesucht und nebenbei versucht, meine Kinder in Schach zu halten. Offenbar habe ich dabei etwas angespannt gewirkt. Und als ich dann an der Reihe war, hat mich die Kassiererin völlig ernsthaft gefragt, ob ich privat denn nie lustig sei. Nein, habe ich gesagt, privat bin ich nicht lustig (lacht).

teleschau: Glauben Sie, dass sich diese Erwartungshaltung der Menschen ändert, wenn Sie mehr ernste Rollen spielen?

Frier: Nein, das wird nicht passieren (lacht)! Ich mache mir keine Hoffnungen, dass sich das mit einem Drama mehr oder weniger ändern wird. Dazu habe ich schon zu viele kuriose Situationen erlebt.

teleschau: Haben Sie 2014 mit "Danni Lowinski" aufgehört, weil Sie nach fünf Jahren etwas Neues wagen wollten?

Frier: Die Serie hätten wir noch zwei, drei Jahre weitermachen können. Trotzdem haben wir aufgehört, weil wir gesehen haben, dass die Geschichte grundsätzlich auserzählt ist. Ich breche gerne zu neuen Ufern auf.

teleschau: Hatten Sie Angst, dass Sie nach "Danni Lowinski" plötzlich weniger Arbeit haben könnten?

Frier: Nein, Angst hatte ich nicht. Natürlich kenne ich die Aufs und Abs, die der Schauspielberuf mit sich bringt. Aber in den letzten Jahren ist der Job für mich immer schöner geworden. Es hätte mich sehr gewundert, wenn jetzt plötzlich weniger gekommen wäre.

teleschau: Braucht man als Schauspieler solch eine positive Einstellung?

Frier: Es ist eigentlich verpönt, als Schauspieler ein positiver Mensch zu sein. Man muss nachdenklich sein, skeptisch. Vor allem in Interviews. Wer schon am Morgen gute Laune hat, gilt schnell als oberflächlich. Das ist ein Päckchen, das man zu tragen hat. Aber das ist mir lieber, als die Last der Miesepetrigkeit auf mich zu nehmen, damit ich dem Bild einer intellektuellen Schauspielerin entspreche.

teleschau: Dennoch sieht man Sie zurzeit häufig in ernsten Rollen ...

Frier: Ja, ich freue mich wahnsinnig darüber, dass sich das Feld für mich auf die diversen Genres erweitert hat. Der Preis dafür ist aber nicht, dass ich mich jetzt wichtiger nehme als bisher und mich selber Sieze, nur weil ich nun etwas "Anspruchsvolles" spiele.

teleschau: Hat man als Schauspieler ein höheres Ansehen, wenn man ernste Rollen spielt?

Frier: Wir Deutschen sind immer wahnsinnig eingeschüchtert vom Begriff "Kultur". Das hat für uns etwas Unantastbares, Museales. Meine persönliche Erfahrung ist aber die: Man muss sich in die Kultur reinschmeißen! Sie erleben, sonst bleibt sie blutleer. Kultur ist für mich auch ein körperlicher Genuss und sollte mit allen Sinnen erfahren werden, nicht nur mit dem Kopf. In der Politik etwa ist das wieder etwas ganz anderes, da sollten die Menschen viel mehr mit dem Kopf entscheiden. Aber gerade dort wird ja der Kopf bisweilen eher ausgeschaltet ...

teleschau: Hatten Sie die Sorge, dass man Ihnen ernste Rollen nicht abnehmen könnte?

Frier: Ich bin selbstbewusst genug um zu wissen, dass ich das kann. Meine Sorge war vielmehr, ob mir diese Rollen überhaupt angeboten werden. Und da es diese Unterteilung zwischen E und U gibt, hatte ich die Sorge, ob sich das verträgt.

teleschau: Und, tut es das?

Frier: Wie gesagt, ich mache beides - und es funktioniert.

teleschau: Sie haben eine klassische Theaterausbildung absolviert. Wie war das, anschließend erst im "Frauenknast" zu spielen und danach Comedy zu machen?

Frier: "Hinter Gittern - Der Frauenknast" war für mich eine Möglichkeit, mit dem Schauspielen anzufangen. Ich konnte mein erstes eigenes Geld verdienen und in Berlin arbeiten, das war toll. "Der Frauenknast" war natürlich ein seichtes Format, aber für mich eine tolle Möglichkeit, Berufserfahrung zu sammeln. Das war das bestbezahlte Praktikum meines Lebens. Auch wenn ich mich ursprünglich natürlich auf der Berliner Schaubühne gesehen habe und nicht im "Frauenknast". Aber das kann man sich nicht immer aussuchen.

teleschau: Nach dem "Frauenknast" waren Sie in der "Wochenshow" zu sehen und fortan auf Comedy abonniert. War das geplant?

Frier: Nein, überhaupt nicht. Meine Lehrer an der Schauspielschule hätten alle gewettet, dass ich mit den unglücklichen Mädchenrollen die Provinz erobern würde. Auch ich selbst wollte unbedingt eine Theaterkarriere machen. Als ich dann bei der "Wochenshow" gelandet war, habe ich mich gefragt: "Wie konnte das denn jetzt passieren?"

teleschau: War das rückblickend die richtige Entscheidung?

Frier: Das weiß man nie. Aber wenn ich mir mein Leben anschaue, glaube ich schon, dass das ein absoluter Glücksfall ist.

teleschau: Sie haben kürzlich die Dreharbeiten zum Kinofilm "Jim Knopf" beendet. War das ein Kindheitstraum, der für Sie in Erfüllung gegangen ist?

Frier: Absolut! Das war ein bisschen so wie bei der "Sesamstraße" mitzumachen. Die "Sesamstraße" war die erste Sendung, die ich im Fernsehen gesehen habe, und "Jim Knopf" das erste Buch, das ich alleine ohne meine Eltern gelesen habe. Das hat sich natürlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich sehe mich als Siebenjährige in den Sommerferien am Strand an der Costa Brava, wie ich erst "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" lese und dann "Jim Knopf und die Wilde 13".

teleschau: Welche Rolle haben Sie übernommen?

Frier: Ich spiele die dicke Frau Waas, die Adoptivmutter von Jim Knopf. Sie ist der Inbegriff von "Zuhause" für ihn, und ja, ich habe selbstverständlich im Fat Suit gespielt.

teleschau: In den ersten Folgen von "Hotel Heidelberg" spielte Ulrike C. Tscharre die Rolle der Annette Kramer, nun Sie. Wie kam das?

Frier: Ich sollte die Rolle von Anfang an spielen, aus terminlichen Gründen ging das aber nicht. Also übernahm Ulrike die Rolle. Jetzt, beim dritten Film, hatte sie wiederum keine Zeit mehr. Die Figur der Annette Kramer sollte aber nicht sterben. Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen soapig... Also sprang ich ein. Ich kann aber versichern: Noch mal zurücktauschen werden wir nicht (lacht)!

teleschau: Annette Kramer ist eine Person, die sich gerne zu viel vornimmt. Kennen Sie das von sich?

Frier: Ja, das kennt jeder, der zwischen Beruf und Familie pendelt. Überhaupt ist Überforderung ein gesellschaftliches Phänomen, das immer weiter verbreitet ist, und es ist gut, dass wir das aufgegriffen haben. Zumal wir es nicht, wie sonst meist im deutschen Fernsehen, in einem Krimi behandeln, sondern in einer Familiengeschichte.

teleschau: Sind Sie kein Krimifan?

Frier: Nicht wirklich. Es gibt einfach zu viele Krimiformate im deutschen Fernsehen. Was natürlich verständlich ist: Krimis sind eine sichere Kiste. Die Deutschen finden Krimis super, weil sie wissen, was sie erwartet, nämlich die Suche nach dem Mörder. Experimente werden da nur selten gewagt. Der Deutsche wiegt sich eben gerne in Sicherheit. Der Europäer an sich auch, wie man momentan leider feststellen muss. Natürlich bin auch ich manchmal der Spießer im eigenen Haus und mag es, wenn gewisse Dinge nach bekannten Mustern ablaufen. Aber schon per Definition meines Berufes liebe ich das Abenteuer.

Quelle: teleschau - der mediendienst