Benno Fürmann

Benno Fürmann





Der Kampf um die weiße Weste

Benno Fürmann gehört zu den wenigen deutschen Schauspielern, die einen Film in dem Sinne tragen können, dass man seiner Figur überall hin folgen würde. Im Falle des Politthrillers "Die vierte Gewalt" (Mittwoch, 30. November, 20.15 Uhr, ARD) muss der 44-jährige Berliner den Film jedoch nicht "retten", denn der ist exzellent geschrieben und inszeniert. Ungewöhnlich komplex in seiner Handlung, dazu mit ebenso subtilen wie ambivalenten Figuren ausgestattet, erzählt er von den politischen Ränkespielen der Berliner Republik und ihrer Verflechtung mit Medien, die - unter wirtschaftlichen Druck geraten - ihre Aufgabe als "vierte Gewalt" im Staat nicht mehr ausüben können. Ein Gespräch über den Zustand unserer Demokratie und die Korrumpierbarkeit des Menschen, auch von Schauspielern.

teleschau: Ist "Die vierte Gewalt" ein Polit-Thriller oder eine Niedergangsstory des Journalismus?

Benno Fürmann: Beides, weil Politik und Journalismus so eng miteinander verknüpft sind. Wir reden ja vom Journalismus als vierter Gewalt, weil er die Entscheidungsträger unserer Gesellschaft kontrollieren soll. Der Film ist eine dicht erzählte Story über Lug und Trug. Er zeigt, was passiert, wenn diese Kontrolle - aus welchen Gründen auch immer - unscharf und schwammig wird.

teleschau: Warum schaut man diesem Treiben gerne zu?

Fürmann: Wegen seiner Komplexität. Der Film ist wie ein anspruchsvolles Rätsel - zumindest empfand ich das Drehbuch so beim Lesen. Ich machte mir Notizen, um überhaupt durchzusteigen. Als ich fertig war und wusste, wie es ausgeht, las ich das Drehbuch noch einmal, um zu überprüfen, ob die Story wirklich hinkommt. Und - Respekt - dieser Film ist für einen deutschen TV-Thriller wirklich sehr klug gebaut.

teleschau: Spätestens seit "Die Unbestechlichen" mit Robert Redford und Dustin Hoffman gibt es im Film eine Tradition von Polit-Thrillern. Die Journalisten sind dabei aber meist die Guten. War es mutig, dass Ihr Reporter ein Held mit eher zweifelhafter Moral ist?

Fürmann: Er ist ein realistischer Held. Zum einen hat sich der Journalismus seit "Die Unbestechlichen" gewandelt. Er ist heute wirtschaftlich viel mehr unter Druck. Was sich ebenso verändert hat, ist die Erzählweise von Filmen. Helden sind heute ambivalenter als in den 70-ern. Die Leute haben mehr Kratzer. Selbst James Bond ist mittlerweile korrumpierbar, ein Typ auf Augenhöhe.

teleschau: Wir können uns auf die "vierte Gewalt" also nicht mehr verlassen?

Fürmann: Die wenigstens von uns schaffen es, morgens mit einer weißen Weste in den Tag zu starten und sie abends ebenso weiß wieder wegzulegen. Der Journalist, den ich spiele, ist ein Typ ohne Festanstellung. Einer, der ums Überleben kämpft. Dem es früher schon mal besser ging. Er spiegelt einfach unsere Zeit wieder: Alles ist im Netz verfügbar, die Auflagen sinken. Viele Leute lesen lieber Kommentare anderer Laien als fundierten Journalismus. Hinzu kommt: Man darf seine Anzeigenkunden politisch nicht verprellen. Und dann gibt es noch die persönlichen Beziehungen zwischen Medienmachern und Politikern. All das führt dazu, dass die "vierte Gewalt" ins Wanken gerät.

teleschau: Was könnte man tun, um sie zu retten?

Fürmann: Eine schwierige Frage. Man könnte Journalismus staatlich subventionieren, damit unsere Medien über die Regierung schönste Lobhudeleien verfassen (lacht). Nein, genau das funktioniert eben nicht. Unabhängigkeit ist wichtig, um Kontrolle ausüben zu können.

teleschau: Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben wir doch genau diese Situation - und sie funktioniert doch recht gut?

Fürmann: Ja, erstaunlicherweise. Und ich bin hocherfreut, wie unabhängig unsere öffentlich-rechtlichen Medien häufig berichten. Das spricht dafür, dass dieser Teil unserer Demokratie doch noch großteilig gut funktioniert. Vor allem, wenn man es mit vielen anderen Ländern vergleicht. Wir müssen uns einen starken, kritischen Journalismus bewahren - trotz sinkender Umsätze. Sonst läuft diese Gesellschaft Gefahr, sich in eine ungute Richtung für uns alle zu verändern. Ich habe allerdings keine Idee, wie es funktionieren könnte. Wir bräuchten an dieser Stelle einen Medienexperten und positiven Visionär, der uns einen Tipp gibt (lacht).

teleschau: Kommen wir zurück zu Ihrem Kerngeschäft, der Schauspielerei. Wie schwierig ist es, eine Figur zu spielen, die immer so ein bisschen zwischen gut und böse schwebt?

Fürmann: Ambivalente Figuren sind leichter zu spielen als klassische Helden oder finstere Bösewichte. Einfach deshalb, weil wir alle ambivalent sind. Dieser Jan ist ein leidenschaftlicher Journalist mit Moral und Berufsethos. Er spürt aber einen hohen ökonomischen Druck. Ich glaube, diese Konstellation kommt vielen von uns bekannt vor. Ich selbst kenne das Problem jedenfalls recht gut.

teleschau: Sind Journalist und Politiker Berufe, in denen man der Gefahr, korrumpierbar zu sein, stärker ausgesetzt ist?

Fürmann: Überall, wo Macht ist, sind Menschen dieser Gefahr ausgesetzt. Wir sind aber nicht hilflos, wir haben unseren freien Willen. Ich finde es wichtig, sich immer wieder selbst moralisch in Frage zu stellen: Wen habe ich heute übervorteilt? Wen habe ich heute - wenn vielleicht auch nur ein bisschen - ans Messer geliefert? Buddhisten machten die Idee populär, dass Leben mit Loslassen zu tun hat. Dass es sogar Grundvoraussetzung für Frieden und Glück ist. Dabei widerspricht der Gedanke dem, wie wir Menschen erst mal gestrickt sind: Wir wollen alles behalten, was Spaß macht. Wir wollen die Dinge kontrolliere. Wir wollen Macht, die wir einmal erlangt haben, nicht mehr abgeben.

teleschau: Wobei wir wieder bei der Politik wären

Fürmann: Und auch beim Journalismus oder den Mächtigen im Medienzirkus. Überall, wo Macht nur noch ihrem Selbsterhalt dient, hat die Gesellschaft ein Problem. Wie gesagt, menschlich betrachtet, ist dieses Motiv der Mächtigen nachvollziehbar. Deshalb muss es Kontrolle geben. In der Politik wird es besonders plastisch, wie mit Macht umgegangen wird. Wir können das alle beobachten, auch weil die Medien darüber berichten. Aber das Problem existiert überall, wo Macht ist. Im Grunde genommen ist es fast schlimmer, wenn solche Phänomene im Verborgenen passieren.

teleschau: Müssen Schauspieler auch korrumpieren und korrupt sein, um Erfolg zu haben?

Fürmann: Ich muss mich die ganze Zeit selbst korrumpieren, es gehört zu meiner Arbeit dazu. Schauspielerei ist emotionale Manipulation an sich selbst.

teleschau: Dabei tun Sie im schlimmsten Falle nur sich selbst weh. Müssen Sie darüber hinaus andere wegbeißen oder ausstechen, um Erfolg zu haben?

Fürmann: Natürlich laufe ich Gefahr, dass meine Meinung nach längerem Nachdenken unreflektiert klingen könnte - aber ich würde sagen: nein. Ich habe trotz allem immer noch das Gefühl, moralisch intakt und integer zu sein - nach 25 Jahren in diesem Beruf. Ich glaube mir selber noch das eine oder andere, auch wenn ich vor der Kamera viel gelogen habe.

teleschau: Vielleicht haben Schauspieler einfach das Glück, dass sie keine Mitarbeiter oder Untergebenen haben ...

Fürmann: Im Prinzip stehen wir ganz unten in der Kette. Der Schauspielberuf hat vor allem damit zu tun, dass du gewollt wirst. Die Zuschauer müssen dich mögen, der Regisseur, die Produzenten, die Redakteure. Das macht einen moralisch sicher nicht besser, aber man tut nicht unbedingt jemandem weh. Die größte moralische Gefahr unseres Berufsstandes ist, dass man sich auch abseits der Kamera anders gibt, als man tatsächlich ist. Ich erinnere mich an eine Szene in Los Angeles, die ich beobachtete. Das stand eine Traube junger Schauspieler und Schauspielerinnen um den berühmten Regisseur Gus Van Sant herum. Und die haben sich selbst beim flachsten Witz von ihm förmlich weggeschmissen. Klar, weil alle gern mit ihm arbeiten wollten. Sich zu prostituieren, ist die vielleicht größte moralische Gefahr im Schauspielberuf.

teleschau: Hatten Sie selbst schon das Gefühl, sich zu prostituieren?

Fürmann: Sicherlich auf die eine oder andere Art, wenn ich gefallen wollte, die Rolle unbedingt spielen wollte. Wo fängt Prostitution an? Letztlich hatte ich aber sehr viel Glück.

teleschau: Das Glück, dass man die richtigen Filme drehen darf?

Fürmann: Na klar. Ich musste schon länger keinen richtigen "Bullshit" mehr machen. Es ist auf jeden Fall Luxus, wenn man so etwas als Schauspieler behaupten kann. Ich darf mich künstlerisch in interessante Rollen hineinschrauben, das macht mir nach wie vor großen Spaß. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mal durchhänge. Aber meistens geht es mir sehr gut.

teleschau: Sie kennen auch Zweifel und Krisen?

Fürmann: Künstlerische Zweifel und Krisen kenne ich sowieso, die sind beim Spielen normal. Ich kenne aber auch das ungute Gefühl, wenn du am Anfang des Jahres vielleicht noch keinen einzigen Job sicher hast. Weil zum Beispiel die Finanzierung der Filme noch nicht geklärt ist. Dann hörst du die Stille in deinem Wohnzimmer als Kakophonie in deinem Kopf. Dann denkst du: "Schöne Wohnung, aber wie lange noch (lacht)?" Schauspieler zu sein ist ein höchst unsicherer Job. Auch wenn es von außen so wirkt, als wäre ich ein gut beschäftigter, bekannter Schauspieler, gibt es zwischendurch immer wieder Achterbahnfahrten emotionaler Art.

teleschau: Sind Sie heute trotzdem gelassener als früher?

Fürmann: Ich glaube, ja. Aber ich bin immer noch genauso berührbar. Ein paar Lektionen habe ich gelernt. Zum Beispiel die, dass Hysterie im Leben rein gar nichts bringt. Sie versaut dir nur die Gegenwart. Und die wird mit zunehmendem Alter immer wertvoller.

Quelle: teleschau - der mediendienst