Die Hände meiner Mutter

Die Hände meiner Mutter





Der Ekel der Vergangenheit

Nach dem Vater-Sohn-Drama "Bergfest" (2009) und "Nordstrand" (2012) widmet sich Regisseur Florian Eichinger einmal mehr dem Thema der familiären Gewalt. Erzählte der deutsche Filmemacher in "Bergfest" vom Missbrauch eines Sohnes durch den Stiefvater, wird im letzten Teil seiner Trilogie die Mutter zur Täterin. Keine Frage: "Die Hände meiner Mutter" ist ein Wagnis. Ein gelungenes jedoch: Auf dem diesjährigen Münchner Filmfest geriet das Drama zum großen Gewinner und wurde unter anderem mit dem Förderpreis in der Kategorie Regie bedacht. Völlig zu Recht.

Markus (Andreas Döhler) scheint ein glückliches Leben zu führen. Er ist erfolgreicher Ingenieur und Familienvater. Aber die Schatten der Vergangenheit lauern im Verborgenen: Als Kind wurde er von seiner Mutter Renate (Katrin Pollitt) mehrfach sexuell missbraucht. Die traumatischen Erlebnisse hatte er lange verdrängt - bis durch einen kleinen Zwischenfall die bösen Erinnerungen an die Oberfläche drängen. So beschließt er, beim Familientreffen zum Geburtstag seines Vaters (Heiko Pinkowski) die Verwandtschaft damit zu konfrontieren und endlich das Unaussprechliche zum Thema zu machen.

Florian Eichinger sagt über seine Arbeit, er wolle mit seinen Filmen ans Eingemachte gehen; das echte Leben und echte Menschen zeigen. "Die Hände seiner Mutter" hat er akribisch vorbereitet; über viele Jahre führte der Regisseur intensive Gespräche mit Opfern und Psychologen. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Tabuthema macht den Film zu einem dichten und bewegenden Psychogramm eines Mannes, der verzweifelt versucht, das erlittene Trauma loszuwerden. Das eigene Leben droht ihm dabei jedoch zu entgleiten.

Die feinfühlige Inszenierung ist nicht moralisierend und verliert sich auch nicht in Dämonisierung. Vielmehr übt sich Eichinger in einer stillen und nüchternen Beobachtung, die auf diese Weise eine ungeheure emotionale Wucht entfaltet. Etwas irritierend wirkt die Idee des Regisseurs, den erwachsenen und bemerkenswert spielenden Andreas Köhler auch für die Szenen der Vergangenheit, in der Rolle des heranwachsenden Kindes, zu besetzen.

Florian Eichinger unterteilt den Film in Kapitel, die er nach den einzelnen Familienmitgliedern benennt. So gelingt eine differenzierte Annäherung an die Sichtweisen der vielschichtig gestalteten Figuren, die wie Markus' Vater entweder verdrängen oder wie die selbstgerechte Mutter keinerlei Reue zeigen. Katrin Pollitt spielt Letztere mit verstörender Kälte und Beherrschtheit.

Überhaupt scheint die Besetzung des tristen Dramas perfekt, auch Jessica Schwarz überzeugt mit einem nuancierten Spiel in der Rolle der hilflosen Ehefrau. Hauptdarsteller Döhler, der in München den Förderpreis als bester Schauspieler erhielt, macht mit seinem glaubwürdigen Spiel auf beklemmende Weise erfahrbar, wie sich die Hölle auf Erden anfühlen muss. Wenn die eigene Familie ein Ort der Bedrohung und der Übergriffe ist, ohne dass es dafür eine Wiedergutmachung geben kann. Ein harter, sehenswerter Stoff.

Quelle: teleschau - der mediendienst