Eva Mattes

Eva Mattes





Zeit für anderes

Mit Witz, Verführungskraft und sanfter Intelligenz brachte sie 14 Jahre lang in 30 "Tatort"-Fällen die Täter zur Strecke, die Konstanzer Kommissarin Klara Blum, gespielt von Eva Mattes (61). Doch ihr 31. und letzter Fall, "Wofür es sich zu leben lohnt" (Sonntag, 4. Dezember, 20.15 Uhr, ARD), ist anders. Drei Frauen jagen hier drei Männer, drei Bösewichte, die es in sich haben. Der eine ist ein übler Nazi-Populist, der andere brachte mit schlechten Papieren Gutgläubige um ihr Geld, der dritte trägt Schuld am Tod Hunderter Fabrikarbeiterinnen in Bangladesch und will doch keine Reue zeigen. Doch drei Frauen, gespielt von den Fassbinder-Heroinen Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen, wollen Gerechtigkeit walten lassen und die Welt wieder "in die Balance bringen". Ein Abschiedsgeschenk für Eva Mattes und eine Reminiszenz an gemeinsame Anfänge in den frühen 70-ern. Noch einmal geht es, so wie damals, um das große Ganze: die Verbesserung der Welt.

teleschau: In Ihrem letzten "Tatort" geht es um viel - um Habgier und Macht, um die großen Probleme dieser Welt. Als Kommissarin wird Ihnen die Arbeit dabei von drei berühmten Kolleginnen aus frühen Fassbinder-Zeiten fast aus der Hand genommen. Hatten Sie Einfluss auf Ihren Abschiedsfilm?

Eva Mattes: In gewisser Weise, ja. In meinen Anfängen als Kommissarin hatte ich diesen Einfluss, der dann leider ein wenig vernachlässigt wurde, ja auch. Jetzt ist das noch einmal auf sehr schöne Weise zustandegekommen.

teleschau: Wie darf man sich das vorstellen?

Mattes: Ich wurde von der Redaktion gefragt, ob ich es toll fände, mit Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen zu spielen. Ich fand das wunderbar, es käme allerdings auf das Drehbuch an und darauf, wer uns inszenieren würde. Als klar war, dass Aelrun Goette, deren Filme ich kannte, zusammen mit dem Autor Sathyan Ramesh das Drehbuch schreiben und Regie führen würde, haben wir uns sehr bald getroffen und über die Beziehung zwischen den dreien und mir gesprochen. Insofern war ich durchaus involviert. Nicht ins Schreiben selbst, aber in die Entstehung der Figuren. Es ist dann ein wunderbares Drehbuch entstanden.

teleschau: Der Film, der auch ein wenig mystisch aufgeladen ist, handelt von der Wiederherstellung von Recht und von einer Gerechtigkeit, "für die es sich zu leben lohnt", wie Sie im Film sagen. Da fallen große Sätze, die mitunter Banalitäten nicht scheuen. Ist das auch als Persiflage, als "Tatort"-Groteske gemeint?

Mattes: Nein. Überhaupt nicht! Dieser "Tatort" hat viel eher etwas Märchenhaftes. Aber das hatten ja auch andere "Tatorte" vom Bodensee, das bringt einfach der See mit sich. Der See an sich hat ja schon ein großes Geheimnis. Aber auch die Figuren haben ihr Geheimnis und eine gewisse Einsamkeit - und trotzdem bestimmte Bezüge zueinander. Es gibt ja ganz viele Liebesgeschichten in diesem Film.

teleschau: Trotzdem sind viele Sätze sehr gewagt. Etwa wenn Hanna Schygulla als weise Gärtnerin das Leben mit einem kleinen "flatterhaften Luder" vergleicht.

Mattes: Hanna ist hier eine Zauberin, und Zauberinnen sprechen anders. Man kann die drei Damen ja durchaus mit den drei Hexen in Shakespeares "Macbeth" vergleichen. Der ist eben nicht klein gedacht, dieser "Tatort", der holt ganz schön aus.

teleschau: Auch Wehmut und Abschied spielen in Ihrem letzten "Tatort" eine große Rolle.

Mattes: Mir hat der Blick von oben auf Konstanz sehr gefallen. Das hatten wir in all den Jahren nicht. In diesen Bildern liegt viel Abschied, viel Schwermut drin. Aber es gibt auch viel Witz und Leichtigkeit in den Dialogen und viel Schalk.

teleschau: Am Ende des Films sagt ihr Kollege Perlmann, den Sebastian Bezzel spielt, zu Ihnen: "Sie sind weit gegangen!", und Sie sagen "Nicht weit genug!" Ein etwas kryptischer Satz.

Mattes: Der Satz ist eines der Geheimnisse, die jeder für sich selbst beantworten muss. Es ist gut, wenn ein "Tatort" dem Zuschauer Raum lässt für eigene Antworten und Gedanken. Es muss nicht immer alles gleich beantwortet werden, alles klar sein. Mir gefällt das sehr, ich finde es nahrhaft.

teleschau: Was verbindet Sie mit ihren Filmpartnerinnen Schygulla, Hermann, Carstensen? Sind Sie auch privat befreundet?

Mattes: Mit Irm Hermann habe ich mich in Berlin früher häufig getroffen, als unsere Kinder noch klein waren, Hanna Schygulla sehe ich manchmal, wenn sie gerade in Berlin ist. Es ist die Zeit, die Vergangenheit, die uns verbindet. In "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" mit Margit Carstensen und Irm Hermann habe ich eine kleinere Rolle gespielt, "Wildwechsel" war 1972 mein erster großer Film mit Fassbinder. Ich war damals 16 und hatte mir nichts sehnlicher gewünscht als mit ihm zu arbeiten. Für mich ist daraus alles Weitere entstanden und für die anderen ja auch. Insofern hat diese jetzige Besetzung schon eine größere Bedeutung.

teleschau: Als Sie vor 15 Jahren mit dem "Tatort"-Drehen begannen, betrachteten Sie die Rolle als Herausforderung. Was bedeutet sie im Rückblick heute für Sie?

Mattes: Ich habe diese Kommissarin sehr gern gespielt. Aber für mich verändert sich jetzt nicht viel. Zweimal vier Wochen Dreharbeiten fallen vom Aufwand her kaum ins Gewicht. Ich arbeite jetzt nicht weniger als in den 14 Jahren, in denen ich "Tatorte" drehte. Es bleibt jetzt eben mehr Zeit für anderes - für mein Programm über Marco Polo mit der Lautten Compagney, für Lese- und Chansonabende. Und das Singen bekommt immer mehr Raum. Ich liebe die Vielfalt dieses Berufs. Der Tatort hat allerdings eine große Resonanz, neun Millionen Zuschauer sind ja nicht wenig. Meine Programme sind immer voll, da hat der Bekanntheitsgrad, den man durch den Tatort bekommt, viel beigetragen.

teleschau: Sie kommen vom Theater, sind auf großen Bühnen wie dem Hamburger Schauspielhaus berühmt geworden. Sind Sie heute dem Theater gegenüber eher feindlich eingestellt?

Mattes: Überhaupt nicht, ich brauch' die Bühne. Im Januar spiele ich mit Angela Winkler, Uwe Bohm und Christian Redl wieder "Arsen und Spitzenhäubchen" im St. Pauli Theater - ein großer Spaß. In Berlin spiele ich seit vielen Jahren mit viel Erfolg im Ramba Zamba Theater mit wunderbaren Schauspielern, die das Down-Syndrom haben, das Stück "Der gute Mensch von Down Town". Aber ich möchte nicht mehr fest in einem Ensemble sein.

teleschau: Der Film, in dem drei etwas ältere Damen eine so wichtige Rolle neben Ihnen spielen, legt die Frage nach dem Älterwerden nahe. Wie fühlen Sie sich - glücklich verheiratet in Berlin lebend, zwei erwachsene Kinder - heute, mit 61?

Mattes: Aus meinem heutigen Blickwinkel blutjung. Ich habe mich schon mit 17 manchmal alt gefühlt, und heute fühle ich mich manchmal wie 17. Das kommt ganz auf meine Tagesverfassung an und darauf, wie es mir gerade geht. Aber ich finde am Alter sehr viel Schönes. Ich habe mehr innere Ruhe, ich muss nicht mehr allem nachjagen - obwohl ich das ja nie wirklich getan habe. Das, was ich gemacht habe, ist ja immer auf mich zugekommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst