Kater

Kater





Schmerz und Misstrauen

Den Teddy Award haben schon Hollywoodfilme gewonnen - "The Kids Are All Right" beispielsweise, mit Darstellerinnen wie Julianne Moore und Annette Bening, aber auch Independent-Regisseure wie der Schwede Lukas Moodysson. Beim "queeren Filmpreis" ist einzig entscheidend, wie überzeugend einer von schwuler oder lesbischer Liebe erzählt. Der Award ging 2016 nach Österreich, an Klaus Händl, der mit den Theaterschauspielern Philipp Hochmair aus Wien und Lukas Turtur aus München eine Geschichte inszenierte, die nicht zwangsläufig den Hintergrund einer gleichgeschlechtlichen Liebe bräuchte.

Sei's drum, die Jury konnte der Besonderheit dieser Inszenierung nicht widerstehen. Und die Betonung liegt auf dem Wort "Inszenierung", denn Händl will mit "Kater" kalkuliert Kunst abliefern. Nichts überlässt er dem Zufall, nicht die Gemälde im Vorspann, nicht die Musik, natürlich nicht. Denn Andreas (Hochmair) und sein Lebensgefährte Stefan (Turtur) arbeiten in einem Orchester. Ersterer organisiert, Stefan ist Mitglied des Ensembles. Sie sind zufrieden, leben in Wien und doch im Grünen, laden oft ihre Freunde ein. Zwischen den beiden Männern gibt es wunderbare, unaufgeregte Dialoge, die von Verbindung zeugen.

Doch eigentlich scheint dieser Film um den Kater herum gedreht. Die Welt von Mensch und Tier verschmilzt so perfekt, dass man sich fragt, ob das gesamte Filmteam wartete, bis Kater Moses den rechten Platz fürs Nickerchen wählte, um dann drumherum Licht, Kameras und Schauspieler zu drapieren. Und wie lange es wohl dauerte, bis der Joghurt gefunden war, den Moses bilderbuchmäßig vom Finger seines Herrchens leckt. So banal es klingen mag, diese drei zu beobachten, ist erfüllend, wenn auch zunehmend unangenehm perfekt.

Händl vermenschlicht das Tier nicht, sondern bettet das Wesen, von dem wir nur glauben, es zu verstehen, in seine Lovestory unter Musikern ein. Man kann und mag sich nicht vorstellen, dass irgendetwas diese Harmonie unter Männern stören könnte.

Der Gewaltausbruch, der so unerklärlich wie unvermittelt nur einen Moment dauert, verändert alles. So erschütternd er ist, so wenig sollte man darüber schreiben, will man dem Film nicht seinen Raum nehmen. Vermutlich keinem Zuschauer wird es leichtfallen, sich auf den zweiten Teil einzulassen. Man möchte gehen, sich zumindest schützen vor dem, was dieser Regisseur erzählen will. So wie Katzenhaare, garstige Männergrippe, Sex und Künstlerproblemchen das Vorher gestalteten, spielen alle Äußerlichkeiten nach der nicht stattgefundenen Impulskontrolle keine Rolle mehr. Sprachlos geht das Leben weiter, und zwischen all den Zeilen der Hilflosigkeit stehen Fragen wie: "Wer bist du?" und "Wie gut kennen wir einander eigentlich?".

Klaus Händl schürft an wunden Punkten. Er schaut dorthin, von wo man gerne den Blick abwendet. Etwa von der Frage, wer man selbst eigentlich ist. Woher kommen manche ungebetenen Gefühle? Wem kann ich von ihnen erzählen, und was tun sie, wenn ich nicht über sie spreche?

Von Schuld und Schmerz handeln viele Filme, ganz sicher muss man dem Österreicher zugestehen, dass er beides sichtbar macht, und die Kombination ergibt Misstrauen. "Kater" zu ertragen, ist auch deshalb schwer, weil der Zuschauer im Versuch, zu verstehen, was nicht zu verstehen ist, scheitert. Freilich hätte man sich dem Thema Gewalt, der "mangelnden Impulskontrolle", wie es in der Psychologie heißt, intellektuell nähern können. Doch Händl will nur von der Zerbrechlichkeit erzählen, der Fragilität des Konstrukts zwischen zwei Menschen. Und eben dort klafft der Abgrund, der blinde Fleck.

Wie verhält man sich, wenn plötzlich alles anders ist? Die Hauptdarsteller Philipp Hochmair und Lukas Turtur sind durch ihre Theaterarbeit zu beiläufigen Gesten und großem Drama fähig, und damit sind sie im zweiten abendfüllenden Spielfilm des gebürtigen Tirolers Händl am richtigen Platz. Das Thema ist die Vertreibung zweier Liebender aus dem Paradies! Ein schlimmer Film, weil man nicht wegschieben kann, was Angst macht.

Quelle: teleschau - der mediendienst