Sting

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Rock'n'Roll ist sein Job

"Ich habe 45 Minuten auf dem Flug hierher meditiert", erzählt Sting alias Gordon Sumner, als er im Berliner "Soho House" tiefenentspannt zum Gespräch lädt. Die britische Musikerlegende, die mit The Police Weltruhm erlangte, und diesen als Solokünstler noch auszubauen verstand, veröffentlicht mit "57th & 9th" nach 17 Jahren endlich wieder ein Poprock-Album. Benannt hat es der 65-Jährige nach einer Straßenkreuzung in New York City, die er täglich auf dem Weg zum Studio passierte.

Warum verlangte es Sting ausgerechnet mit 65 nach einem Rock-Werk? "Weil ich denke, dass das Wichtigste in der Musik das Überraschungs-Element ist", meint der Brite. Hinter dem Sänger, Songwriter und Schauspieler liegen einige Ausflüge ins Esoterik- und Klassik-Genre. Zuletzt widmete er sich mit "The Last Ship" sogar dem Musical-Fach und stand dafür sogar selbst auf der Broadway-Bühne. "Ich bin bei allem einfach nur immer meiner Neugierde gefolgt", erklärt Sting, der 2003 für seinen Beitrag zur Musik von der Queen mit dem Orden als Kommandeur des Britischen Empires ausgezeichnet wurde. "Als Künstler bin ich rastlos und immer auf der Suche. Aber das ist ja auch ein wichtiger Bestandteil von Kunst", so der Superstar.

Für die neue Platte "57th & 9th" besinnt sich der 16-fache Grammy-Preisträger indes auf seine DNA - eben auf das, was mit The Police in den späten 70-ern anfing und in Weltruhm mündete. "Ich habe diesmal keinen neuen Stil für mich erfunden. Ich lebe ja jeden Tag mit dieser Art von Musik, denn ich spiele jeden Tag Rock'n'Roll. Das ist schließlich mein Job." Wobei die Platte so rockig nun gar nicht klingt, denn auch Akustikballaden finden sich darauf. "Das Wichtigste war mir, dass die Songs sehr direkt sind, sehr simpel und angenehm zu hören." Spätestens seit Bruno Mars 2012 mit dem an Police erinnernden "Locked Out Of Heaven" weltweit die Charts eroberte, ist der Police-Sound auch wieder modern. "Ich fühlte mich geehrt von seiner Hommage. Wir haben das Lied dann auch zusammen bei den Grammy Awards performt. Wir sind befreundet, da gibt es keine Animositäten zwischen uns."

Aber nicht nur lebendige Popstars färbten auf die Platte ab, auch tote Rocklegenden inspirierten Sting: "Rockstars, they never die, they only fade away", singt er im Song "50.000", den er in der Woche schrieb, als Prince verstarb. "2016 ist ein schlimmes Jahr", meint die Legende, die 2001 in die Songwriter Hall of Fame aufgenommen wurde und als Mitglied von The Police seit 2003 auch in der Rock'n'Roll Hall of Fame ihren Platz hat. "Wir haben dieses Jahr Lemmy von Motörhead verloren, Glenn Frey von den Eagles, David Bowie, Prince und mit Alan Rickman eine kulturelle Ikone und engen Freund von mir. Es schockiert so, weil wir die Illusion haben, dass diese Ikonen unsterblich sind. Da geht es mir nicht anders als jedem anderen auch."

Denkt er dabei auch an seine eigene Sterblichkeit? "Ich habe das Lied aus der Position eines Mannes heraus geschrieben, der wie ich ein Rockstar ist und weiß, wie es ist, sein Leben im Scheinwerferlicht zu verbringen. Der aber erkennt, dass er aus den stillen Momenten seines Lebens mehr Weisheit gezogen hat als aus den Momenten der Hybris. Klar steckt viel von mir selbst in dem Charakter, auch wenn ich nicht zu viel über meinen Tod nachdenke."

Das Stück "Inshallah" nahm Sting in Berlin mit syrischen Flüchtlingen auf. "Es war eine wundervolle Erfahrung, diese syrischen Musiker spielen zu hören. Jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte, wie er nach Europa kam", sagt der Mann, der auch drei Brit Awards, einen Golden Globe, einen Emmy-Award, sowie drei Oscar-Nominierungen zu verbuchen hat. Das Wort "Inshallah" steht sinngemäß für "Ohne Gottes Wille vermag der Mensch nichts". - "Ich liebe das Wort. Es ist auch Ausdruck für Hoffnung und Menschlichkeit. Das ist das, was diese Menschen brauchen", weiß Sting, der sich auch durch sein humanitäres Engagement einen Namen gemacht hat.

Das Stück befindet sich als Bonus-Track auf der neuen Platte, weil es sich sein Sound nicht so recht einfügen wollte. "Meine vorrangige Intention ist ja, mit den neuen Stücken zu unterhalten. Ich bin kein Politiker, ich bin Entertainer. Dass die Lieder auch ein wenig Bedeutung unter der Oberfläche haben, schadet natürlich nicht. Du kannst die Platte aber auch einfach nur hören und Spaß daran haben."

Wie Sting musikalisch tickt, ließ er jüngst sogar wissenschaftlich untersuchen. "Sie scannten mein Gehirn und spielten mir sowohl vertraute als auch mir gänzlich unbekannte Musik vor. Bei der Untersuchung kam heraus, dass ich beim Musikhören den Verstand mehr einsetze als der Durchschnittshörer. Überrascht hat mich das allerdings nicht." Besonders stark reagierte er auf die Beatles - für ihn ebenfalls nicht überraschend. "Es gibt wohl keine andere Band, die mehr Einfluss auf mein Leben hatte. Sie haben einen ähnlichen Background, entspringen der Arbeiterklasse einer nordenglischen Hafenstadt. Damit gaben mir die Beatles die Legitimation, es auch als Rockstar zu versuchen. Ich verdanke ihnen also einiges."

Nicht nur sein Hirn, auch seinen Körper hält Sting fit. Am liebsten mit geistigen und körperlichen Übungen: "Für mich ist alles Yoga. Gehen ist Yoga, Sitzen ist Yoga, Essen ist Yoga. Yoga ist eine bewusste Bewegung und Atemtechnik - das kann man überall praktizieren", meint Sting, der an diesem Tag ein helles T-Shirt trägt, das den Blick auf seine drahtigen Oberarme freigibt. Ist es schwerer, als Rockstar zu altern? "Vermutlich ist es so schwer wie für jeden anderen Menschen auch", glaubt der Sänger. "Ich gebe nicht vor, dass ich jünger bin, als ich wirklich bin. Ich bin nun mal 65. Ich mache allerdings noch denselben Job wie damals mit 25. Und ich sehe noch ziemlich gut dabei aus." Mit seiner Gattin, der Schauspielerin und Filmproduzentin Trudie Styler, ist Sting seit 35 Jahren liiert.

Der sechsfache Familienvater mag sich nicht so recht entscheiden, ob es schwieriger ist, eine Karriere oder eine Ehe am Laufen zu halten. "Beides braucht viel Hingabe der Beteiligten, beides erfordert viel Reflexion, und beides ist mir wichtig. Denn in Kombination verschafft mir das eine großartige Lebens-Balance und lässt mich in dieser verrückten Welt bei gesundem Menschenverstand bleiben", so Sting, der im Jahr 2000 seinen eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekam. Gemeinsam unterhält das Paar ein Weingut in der Toskana. Und der Brite ist stolz auf den nebenberuflichen Broterwerb, auch wenn er das neue Album eher für Biertrinker geeignet einstuft: "Viele Künstler versuchen ihren eigenen Wein zu etablieren, das ist nicht einfach. Aber unser Wein läuft richtig gut. Vielleicht haben wir einfach Glück." Davon hat Sting im Leben anscheinend jede Menge.

Quelle: teleschau - der mediendienst