Ulrike C. Tscharre

Ulrike C. Tscharre





Ein Star der Langstrecke

Manche Schauspielkarrieren gleichen der eines Kometen. Sie schießen am Himmel nach oben, fliegen aber auch rasch vorbei. Ulrike C. Tscharre ist das Gegenteil eines "Shooting Stars". Erst mit 44 Jahren ist die exotisch wirkende, aber aus Schwaben stammende Schöne beim "Regelfall" anspruchsvolle Hauptrolle angekommen. Im ARD-Thriller "Zielfahnder: Flucht in die Karpaten" Samstag, 19.11., 20.15 Uhr) besetzte sie Dominik Graf - gemeinsam drehte man schon die preisgekrönte Serie "Im Angesicht des Verbrechens" - als taffe Verbrecherjägerin. Der in einem verwirrend fremden Rumänien angesiedelte Film ist ein starker Gegenentwurf zu sonstigen, auf nette Postkarten-Motive setzende "Auslandskrimis" im Ersten. Ulrike C. Tscharre über schmutzige Filme und die eigene, seltsame Karriere.

teleschau: Lässt der Filmtitel "Zielfahnder: Flucht in die Karpaten" auf eine neue Krimi-Reihe schließen?

Ulrike C. Tscharre: Es ist als Reihe konzipiert und für den zweiten Film existiert auch schon eine Idee. Doch es gibt noch keinen Produktionstermin. Natürlich hätten alle Beteiligten große Lust auf eine Fortsetzung. Vor allem natürlich Regisseur Dominik Graf, der Autor Rolf Basedow, Ronald Zehrfeld und ich.

teleschau: Es ist fast das alte Team Ihrer preisgekrönten ARD-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" ...

Ulrike C. Tscharre: Ja, Arved Birnbaum kommt noch hinzu, der wieder den Polizei-Einsatzleiter spielt. Für uns ist es tatsächlich so eine Art heimliche Fortsetzung.

teleschau: Die sich furios abhebt von anderen TV-Krimis, die an exotischen Schauplätzen Europas spielen. Dort spielen Deutsche Italiener, Griechen oder Isländer. Es geht um schöne Postkartenbilder vom fremden Land, die Krimi-Handlung wird eher abgewickelt.

Ulrike C. Tscharre: Stimmt. Dazu ist unser Film ein krasses Gegenmodell. Man begibt sich in ein fremdes Land, nach Rumänien, und dort ist nichts, wie es scheint. Es ist eine Abenteuerreise, ein wilder Trip, auf dem uns der Zuschauer hoffentlich trotzdem gerne begleitet.

teleschau: Wobei der erste Teil der Handlung gar nicht in Rumänien spielt.

Ulrike C. Tscharre: Nein, auch dieser Wechsel ist ungewöhnlich. Für uns war es, als würden wir zwei verschiedene Filme drehen. Einmal den vor Rumänien und dann den in Rumänien. Unsere Arbeitsweise hat sich mit diesem Umzug total verändert und auch das Tempo des Films. Dem ein oder anderen Kritiker war es danach zu viel Feierei in Bukarest oder die Hochzeitsszene hat ihnen zu lange gedauert - aber das Epische war gewünscht. Wir wollten Rumänien nicht als Kulisse benutzen, sondern der Film spielt dort und sollte auch die Atmosphäre des Landes aufsaugen. In Rumänien fahren noch Pferdefuhrwerke auf der Straße. Mit Leuten drauf, die haben echt sehr viel Zeit.

teleschau: Wie fanden Sie Bukarest?

Ulrike C. Tscharre: Als wir dort ankamen, hatte ich einen ganzen Tag für mich. Es war unglaublich heiß. Ich beschloss, mir diesen einen Tag die Stadt zu Fuß zu erlaufen. Man sieht erst mal nur riesige Straßen und eine Umgebung, die nicht für Menschen gemacht scheint. Überall die zerfallene K&K-Architektur zwischen den kommunistischen Bauten. Doch dann entdeckte ich hinter den riesigen Straßen kleine, fast malerische Gassen mit coolen Bars und lustigen Läden. Bukarest entfaltet seinen Reiz eher auf den zweiten Blick.

teleschau: Und was hat es mit der wilden Feierei auf sich, die im Film ebenso exzessiv eingefangen wird?

Ulrike C. Tscharre: Die Altstadt von Bukarest ist so wie ich mir den Ballermann vorstelle - auch wenn ich noch nie da war. Ein Club, eine Kneipe neben der anderen dröhnt da mit ihrer Musik und ihren Angeboten auf die Straße. Alles ist super eng und wahnsinnig voll. Dabei ist die Altstadt eigentlich sehr schön. Die meisten Touristen kommen aus England, Schottland, Irland. Junggesellenabschiede stehen ganz weit oben.

teleschau: Ein preiswertes Erotik-Paradies.

Ulrike C. Tscharre: Ja. Die nackten Mädchen tanzen in Bukarest direkt im Schaufenster zur Straße. Eine von ihnen haben wir auch gefilmt. Die dreht sich dann genervt weg. Wahrscheinlich denkt sie: Entweder zahlt ihr Idioten oder fort mit euch (lacht). Die wilden Szenen in der Altstadt sind null inszeniert. Das ist dort einfach so.

teleschau: Sie hatten keine richtige Dreherlaubnis?

Ulrike C. Tscharre: Zum Teil haben wir "undercover" gedreht. Zum Beispiel eine Verfolgungsjagd in der Altstadt. Die Kamera war versteckt, und wir Schauspieler wussten nicht, wo sie war. Ob auf einem Dach oder einem Balkon? Es war ein echter Kamikaze-Dreh.

teleschau: Sollte man auf diese Weise mehr Filme drehen? Gerade wenn von fremden Ländern erzählt wird

Ulrike C. Tscharre: Ich finde, man sollte allgemein dreckiger drehen. Und zwar in jeder Hinsicht. Sowohl die Schauplätze aber auch wir Schauspieler, auch ich als Schauspielerin müssen nicht immer geleckt und toll aussehen. Das Äußerliche wird bei uns im Fernsehen viel zu sehr in Szene gesetzt. Dabei wäre es sinnvoller, bei den Inhalten sorgfältiger vorzugehen. Und wenn mal was verrutscht, dann verrutscht eben was.

teleschau: Sie sind 1972 geboren. Früher sagte man, bei Schauspielerinnen über 40 werden die Rollen weniger oder kleiner. Bei Ihnen scheint das Gegenteil einzutreten.

Ulrike C. Tscharre: Zu mir hat mal eine Casterin gesagt, dass es vielleicht ein bisschen länger dauern könnte, aber dass sie sich sicher sei, dass ich meinen Weg mache. Tatsächlich wartete ich 20 Jahre darauf, entdeckt zu werden. Aber in den letzten Jahren geht es schon in eine gute Richtung. Darüber freue ich mich natürlich.

teleschau: Haben Sie eine Theorie, warum sie so lange Nebenrollen und Leichtgewichtiges spielen mussten, bis man Sie für eine Hauptrolle in einem Projekt wie diesem in Betracht zog?

Ulrike C. Tscharre: Ich habe tatsächlich in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht, wie Karrierewege bei Schauspielern verlaufen. Inwieweit man sie überhaupt planen kann. Ich habe früher einen großen Denkfehler gemacht. Eine Sache, hinter der ich eigentlich stehe, funktioniert bei uns nicht: Ich wollte immer alles machen. Nie nur Komödie oder nur Drama. Ich spielte in romantischen Melodramen und dann in einem harten Polizeifilm. Ich wollte vielfältig bleiben. Mein Beruf ist schließlich Schauspielerin und nicht Polizeidarstellerin. Aber genau dieser Zickzack-Kurs funktioniert karrieremäßig bei uns nicht.

teleschau: Haben Sie Konsequenzen gezogen?

Ulrike C. Tscharre: Ja, schon. Über die letzten Jahre ist eine spürbare Entwicklung da. Es gab Zeiten, da freute man sich wie verrückt, wenn überhaupt mal ein Drehbuch kam. Dazu war ich in jüngeren Jahren eher unsicher und freute mich über alles, was ich machen durfte. Vielleicht sagte ich damals auch einige Sachen zu schnell zu. Doch es ist nie zu spät, um zu lernen - wie man sieht. Ich bin momentan sehr zufrieden.

Quelle: teleschau - der mediendienst