Leonard Cohen

Leonard Cohen





Verschwunden in der Finsternis

"Ich bin - widerwillig - zu dem Schluss gekommen, dass ich sterben werde", sagte Leonard Cohen vor einigen Jahren in einem Interview. Es war sicher nicht nur die Gelassenheit des Alters, die aus solch einem Zitat sprach. Denn die Themen seiner Songs wiederholen sich seit fast 50 Jahren: Es ging immer um Liebe, Sex, Glaube, Ängste und eben um den Tod. So auch auf "You Want It Darker", Cohens düsterem Spätwerk, das im Oktober erschien. Ein Album wie eine Reise in die Finsternis. Es wird sein letztes bleiben: Die kanadische Songwriter-Legende verstarb nun im Alter von 82 Jahren.

"In tiefer Trauer müssen wir mitteilen, dass der legendäre Poet, Songwriter und Künstler Leonard Cohen verstorben ist", postete das Management des Kanadiers in den frühen Morgenstunden des 11. November auf seiner offiziellen Facebookseite. "Wir haben einen der meistverehrten und produktivsten Visionäre der Musikbranche verloren." Eine Trauerfeier werde später in Los Angeles stattfinden, wo Cohen die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Auch wenn der Songwriter-Poet dem Leben und seinem Werk stets mit charmantem Understatement und gelassenem Witz begegnete, so waren seine Songs doch auch das Resultat vieler durchlebter Höhen und Tiefen. Seine erste Karriere als Romanautor und Lyriker machte den 1934 in Montreal geborenen Leonard Norman Cohen zwar zum Kritikerliebling, war aber nicht von größeren Erfolgen gekrönt. Und seine Musik betrachtete der zurückhaltende Dichter ohnehin nur als Zeitvertreib, als Erweiterung seiner Poesie. Diese Haltung änderte sich, als Cohen sich von Dylan-Produzent John Hammond Sr. überreden ließ, ein Album mit seinen Songs einzuspielen. Denn seine Musik war alles andere als gewöhnlich - und fand sofort großen Anklang.

Schon auf seinem Debüt "Songs Of Leonard Cohen" (1967) hörten sich seine sonoren, gravitätischen Lieder nach der Weisheit des Alters an, die junge Folk-Szene legte die Worte des damals "schon" 33-Jährigen auf die Goldwaage. Dabei waren "Suzanne", "Sisters Of Mercy" und "So Long, Marianne", die Klassiker des Debüts, noch vergleichsweise einfach zu rezipierende Songkost. Verglichen mit den folgenden, düsteren Großtaten auf "Songs From A Room" (1969) und der zerklüfteten Jahrhundertplatte "Songs Of Love And Hate" (1971) war die Meisterschaft des kanadischen Weisen noch nicht vollends entwickelt.

Als Songwriter wurde er zum gefeierten Star, dessen Stern aber spätestens Mitte der 70er-Jahre zu sinken begann. Zur gleichen Zeit kämpfte Cohen mit Alkoholproblemen und Drogenmissbrauch. Parallel dazu schien auch sein musikalischer Output immer düsterer zu werden. Über das großartige, aber kommerziell desaströse Album "Various Positions" (1985) - das hier enthaltene "Hallelujah" sollte erst später durch zahlreiche Coverversionen ein moderner Klassiker werden - urteilte ein zeitgenössischer Kritiker, dass man dem Werk doch gleich eine Rasierklinge beilegen sollte, um es Suizidkandidaten einfacher zu machen. All das kam nicht von ungefähr: Cohen litt lange Zeit unter Depressionen ("Damit ist nicht ein schlechtes Date oder ein schief gelaufenes Wochenende gemeint") und begeisterte sich sogar kurzzeitig für die Heilsversprechungen von "Scientology".

Privat war ihm kein anhaltendes Liebesglück beschieden. Cohen war nie verheiratet. Er hat zwei Kinder aus seiner Beziehung mit Suzanne Elrod (im Übrigen nicht die "Suzanne" aus dem gleichnamigen Song): Adam Cohen ist ebenfalls Musiker, Tochter Lorca arbeitet als Fotografin und ist die leibliche Mutter des Kindes von Songwriter Rufus Wainwright und dessen deutschem Lebenspartner Jörn Weisbrodt. "Angst" und "Feigheit" hätten ihn damals von der Ehe mit Elrod abgehalten, sagte Cohen. Ein Frauenschwarm war er dennoch: Belegt sind kurzfristige Beziehungen mit Rockröhre Janis Joplin (verewigt in seinem Song "Chelsea Hotel #2"), Mode-Fotografin Dominique Issermann und Schauspielerin Rebecca De Mornay.

Eine seiner Affären trieb ihn sogar in den finanziellen Ruin. In den 90er-Jahren hinterging ihn seine Managerin Kelley Lynch und veruntreute fast fünf Millionen Dollar, trotz einer rechtskräftigen Verurteilung konnte Cohen die Summe bis heute nicht zurückerlangen. Mehr noch: 2012 wurde Lynch zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil sie den Songwriter über Jahre - trotz eines bestehenden Kontaktverbots - immer wieder belästigt hatte. Cohens Reaktion auf den Richterspruch fiel ungewöhnlich aus: "Es befriedigt mich nicht, eine frühere Freundin an einen Gerichtsstuhl gefesselt zu sehen", sagte er. "Ich bete darum, dass Miss Lynch Zuflucht in der Weisheit ihrer Religion findet, dass ein Geist des Verständnisses ihr Herz vom Hass befreit." Es waren aber Sätze, die in das Bild des späten Cohen passten: Zuletzt strahlte der Grandseigneur eine innere Ruhe aus.

"Nun, das Alter hat sicherlich viel damit zu tun, das muss ich zugeben", sagte Cohen vor einigen Jahren. "Ich weiß nicht, ob das mit Übungen oder Disziplin zu erreichen ist. Ich habe irgendwo gelesen, dass mit zunehmendem Alter gewisse Gehirnzellen absterben, die mit Ängsten zusammenhängen. Vielleicht liegt also alles nur an der Beschaffenheit der Neuronen." Im seinem Falle war es aber nicht nur der von ihm selbstironisch kommentierte Verfall des Körpers, der seine Gelassenheit erklärte: 1994 zog sich Cohen in das Zentrum "Mount Baldy" in der Nähe von Los Angeles zurück und lebte dort unter der Anleitung des Zen-Meisters Kyozan Joshu Sasaki fünf Jahre als Mönch namens Jikan in Abgeschiedenheit.

Über seine Depressionen und deren Überwindung sprach Cohen zuletzt offen. "Das Gefühl zu haben, dass nichts richtig läuft, dass man keine Lebensfreude verspürt, dass alle deine Pläne scheitern, damit war ich sehr vertraut. Aber ich bin froh, dass ich sagen kann: Mit Glück und dank guter Lehrer ist diese Depression - spät in meinem Leben - verschwunden."

Dass er die letzten Jahre seines Lebens im Einklang mit sich und der Welt verbrachte, macht auch eines seiner frühen Bonmots deutlich: 1972 wurde er in der Dokumentation "Bird On A Wire" gefragt, was Erfolg für ihn bedeute. "Erfolg ist Überleben", antwortete der damals 38-Jährige nach langer Denkpause. 40 Jahre später in einem "The Guardian"-Interview darauf angesprochen, erklärte Cohen, dass die Antwort immer noch gelte: "Das reicht mir völlig", sagte er - mit einem Lächeln.

Quelle: teleschau - der mediendienst