Arrival

Arrival





Einander verstehen lernen

Eine Vorstellung, so alt wie die Science Fiction: Was geschähe, wenn uns eines nahen oder fernen Tages Bewohner fremder Welten auf der Erde besuchten? Hollywood beantwortete diese Frage oft mit gewaltvollem Spektakel: Von "Starship Troopers" bis "Independence Day" invadierten feindlich gesonnene Aliens unseren Planeten, um die Menschheit auszulöschen. Nachdenklichere und vergleichsweise realistischere Töne schlugen dagegen Werke wie "Contact" und "District 9" an, die den Außerirdischen auch so etwas wie Vernunft und Moral zugestanden. In Tradition philosophischer SciFi-Reflexionen zwischen "2001" und "Interstellar" geht nun "Sicario"-Regisseur Denis Villeneuve einen Schritt weiter: In seiner eindrücklichen Studie "Arrival" lotet der Kanadier mit einer außergewöhnlichen Amy Adams die Grenzen von Sprache und Kommunikation aus - und damit das Wesen menschlichen Seins überhaupt.

Wie fragil ist unser Wissen angesichts der Unendlichkeit des Kosmos? Wie anthropozentrisch sind unsere Wissenschaften, ganz zu schweigen von der Struktur unserer Sprache? Wie universal unsere Laute, Zeichen, Symbole und Alphabete? Unsere Sinnzusammenhänge, unsere Logik, ja im Grunde unsere Vorstellungen von Zeit, Raum und Endlichkeit? Auch wenn derlei Überlegungen dem abgehobenen feuilletonistischen Diskurs entsprungen scheinen und cineastisch, wenn überhaupt, in ernsten Arthaus-Ergüssen verortet werden: Eines der traditionellsten Kino-Genres bearbeitet jene Fragen schon immer. Es ist ein wesentliches Problem der Science Fiction: Wie sollen wir mit "denen" denn sprechen?

"Die", das sind im faszinierenden SciFi-Drama "Arrival" Besucher aus dem Universum, die eines Tages plötzlich an zwölf über die ganze Welt verteilten Orten auftauchen. Mit ihren zylinderförmigen Raumschiffen, die wenige Meter über dem Boden schweben, waren "sie" ohne Vorwarnung auf einmal da. Weder drohen sie noch schießen sie; weder entführen sie zu wissenschaftlichen Zwecken, noch erobern sie unsere Städte zum Ziele der Weltherrschaft. Villeneuve kostet diesen unvorstellbaren Moment des Erstkontakts, auf den schier unerträgliches Warten und weltweite Ratlosigkeit folgt, erzählerisch und ästhetisch voll aus: die öffentliche Hysterie, die Versuche seriöser Analyse, den Wahn religiöser Gruppen, die meinen, die Erlösung sei nah.

Beeindruckend realistisch inszeniert der bislang auf Thriller spezialisierte Hype-Filmemacher, wie sich die politische und mediale Maschinerie dem unerklärlichen Phänomen nähert. Zuerst ist es nur ein Rauschen im von Traurigkeit bestimmten Alltag der Hauptfigur Louise - verkörpert von einer ungewöhnlich und gelungen ernst aufspielenden Amy Adams. Die Linguistin, die an der Universität Vorlesungen über die Absonderlichkeiten menschlicher Sprache hält, verlor einst ihre Tochter, wie verschwommene Erinnerungen zeigen. Während die brillante Wissenschaftlerin deprimiert vor sich hin lebt, spielt sich im Hintergrund auf den Fernsehbildschirmen das Unfassbare ab.

Doch bald gerät die Expertin mitten hinein in das wohl größte Ereignis seit Menschengedenken: Regierung, Militär und Geheimdienste haben sie zum Teil jener Auserwählten auserkoren, die Zugang zum Alien-Landeplatz auf US-amerikanischem Boden bekommen. Unter Leitung von Colonel Weber (Forest Whitaker) begibt sich das Team um Louise und den Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) nach Montana, wo sich die Außerirdischen niedergelassen haben. Ihr Schiff machen sie alle paar Stunden zugänglich und geben absonderliche Laute von sich. Mithilfe der Wissenschaftler wollen die ratlosen Regierungstruppen endlich herausbekommen: Was wollen die eigentlich von uns?

Die anderen Nationen, deren Territorien die Besucher als Landeplätze auserkoren haben, möchten das auch gern wissen, sind dabei aber bisweilen etwas grobschlächtiger: China möchte natürlich am liebsten testweise mal ein, zwei Raketchen abfeuern, um die Reaktion zu testen; auch mit Russland gibt es wie in echter und Hollywood-Realität Konflikte. Inzwischen zeigt sich Louise, die das Raumschiff immer wieder erst zögerlich und schließlich gar ohne Schutzanzug betritt, von der Kommunikationsform der augenscheinlich friedlichen Wesen beeindruckt: Mit kreisförmigen Zeichen ohne Anfang und Ende, die aus ihren Körpern tintenartig ausströmen, versuchen sie in einer Mixtur aus Schrift und Sprache eine Botschaft zu übermitteln, die von der Linguistin mühselig entschlüsselt wird.

Louise beim Verstehen der Alien-Sprache zu beobachten, während die Militärs auf schnelle Ergebnisse drängen, erzeugt einen aufregenden Widerspruch aus poetischer Transzendenz und existenziellem Chaos. Große Fragen stellen sich in der Auseinandersetzung: Ist Sprache oder Physik planetenübergreifend verständlich? Was ist die Grundlage von intelligentem Sein? Lässt sich Empathie zwischen interstellar verschiedenen Spezies ausdrücken?

Villeneuve begibt sich künstlerisch, doch nachvollziehbar auf die Suche nach den Antworten auf jene klassischen SciFi-Fragen - für actiongewöhnte Augen auch entsprechend langatmig. Dabei birgt "Arrival" eine ganz andere, tiefere Form von Spannung. Eine Spannung, die vom Erkennen des menschlichen Wesens überhaupt ausgeht. Dass diese existenzielle Erkenntnis letztlich - wie schon bei "Interstellar" - mit dem persönlichen Schicksal der gebeutelten Protagonistin eng verknüpft ist, mag bisweilen esoterisch wirken, scheint bei genauerer Betrachtung aber nur konsequent.

Quelle: teleschau - der mediendienst