Senta Berger, Cornelia Froboess

Senta Berger, Cornelia Froboess





Wenn man noch vieles kann, aber nichts mehr muss

Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: Die eine kühl und distanziert, die andere herzlich und gerade heraus - in "Almuth und Rita - Zwei wie Pech und Schwefel" (Freitag, 25. November, 20.15 Uhr, ARD) geben Senta Berger (75) und Cornelia Froboess (73) bereits zum zweiten Mal das gegenteilige und unterhaltsame Frauengespann besten Alters. Im Interview sprechen die beiden Weggefährtinnen und Größen des deutschen Filmgeschäfts über die eigenen kleinen Macken und Angewohnheiten. Außerdem verratem sie, was jung hält, und erklären, was der Generation "Geil" von heute ihrer Meinung nach fehlt.

teleschau: Die beiden siezen sich und sind grundverschieden - sind Almuth und Rita Freundinnen?

Senta Berger: Nein. Zumindest nicht wie Teenager, die den gleichen Popstar verehren oder sich über die ersten Liebesverhältnisse austauschen - in diesem Sinne sind sie keine Freundinnen. Sie sind vielleicht auf dem Weg dahin. Ich glaube, sie bedeuten einander sehr viel.

Cornelia Froboess: Die Rita meint immer, sie kann Almuth verändern. Aber wenn sie sich in ihr Leben einklinkt, ist das zu viel, und das verletzt Rita. Es ist keine Freundschaft - auf gleicher Ebene schon gar nicht. Aber sie kommen nicht voneinander los.

teleschau: Und wie nahe stehen Sie beide sich?

Senta Berger: Cornelia und ich sind auf eine bestimmte Art Freundinnen, weil wir in derselben Zeit aufgewachsen sind und weil wir beide seit frühester Jugend in diesem Beruf arbeiten. Wir sind sozusagen unsere gegenseitigen Zeitzeuginnen von früher Jugend an.

teleschau: Was fehlt den Damen im Film zur echten Freundschaft?

Berger: Es fehlt ihnen die gemeinsame Basis, die gemeinsame weltanschauliche Bildung. Es fehlt auch daran, dass beide ihre Herkunft und die Klasse, zu der sie sich zugehörig fühlen, nicht vergessen können.

teleschau: Haben Sie denn Angewohnheiten - vielleicht aus der Kindheit -, die Sie nicht ablegen können?

Froboess: Ich bin mit äußerster Disziplin groß geworden. Wenn ich eine Verabredung habe, bin ich natürlich spätestens eine Viertelstunde vorher da. Im Theater bin ich sowieso die erste. Weil ich mich dann ganz in Ruhe nur auf diesen Abend konzentriere. Ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand so unpünktlich sein kann. Die Lockerheit der jungen Kollegen und Kolleginnen beneide ich manchmal, die fehlt mir einfach. Ich bin da wie Almuth. Auch wirkliche Sorgen erzähle ich nicht, das mache ich mit mir aus. Dann tut mir die Einsamkeit gut. Und in der Kindheit wurde ich viel rumgereicht, war immer für alle da. Jetzt habe ich es endlich geschafft, wenn das Telefon klingelt, nicht ranzugehen. Ich kann Nein sagen. Das musste ich lernen.

Berger: Ich habe mich an meine Unsicherheit gewöhnt. Und daran, dass ich sie überwinden kann. Dass ich mich hinsetzten muss, auch wenn ich denke, dass kannst du nicht schreiben, den Text nicht lernen, die Rede nicht halten. Und dann kann ich es aber doch. Mein Mann hingegen ist der einzig Souveräne bei uns in der Familie. Meine Söhne haben die Zweifel und die Unsicherheiten von mir geerbt. Ich habe das wahrscheinlich von meinem Vater, der eigentlich eine Künstlernatur war, Musik studierte, dann aber nie davon leben konnte und das Handwerk seines Vaters übernahm. Er war unglücklich bis zuletzt und hat sich nicht wohlgefühlt in seinem Leben. Er dachte immer, er ist Schuld und deswegen auch immer unsicher gewesen.

teleschau: War Ihre Mutter anders?

Berger: Sie hatte die Qualitäten der Rita: etwas zu sehen, zu begreifen und zuzupacken. In eine Situation hineinzuspringen. Sie stand mit beiden Beinen im Leben - davon habe ich auch etwas. Früh beobachten und erkennen, ob man sich jetzt einmischen sollte. Ich bin auch eine Einmischerin. Meine Kindheit war sehr prägend, aber in einem positiven Sinn: weil ich so eingehüllt war in Liebe und in Wärme. Meine Eltern haben mir erlaubt, Schauspielerin zu werden und alles dafür getan. Bis zu ihrem Tod haben sie auch bei uns gewohnt. Das war wiederum gut für meine Kinder: drei Generationen in einem Haus.

Froboess: Das ist für meine Enkelkinder auch gut. Oma und Opa schlafen, jetzt mal leise, Fernseher aus. Sie erziehen sich dann von selber. Das ist schon toll.

teleschau: Das kommt heute nicht mehr oft vor.

Berger: Die Wohnungen sind heute zu klein. Für uns war es ein Glück, wir hatten ein Haus. Ich werde öfter mal gelobt, weil ich meine Mutter gepflegt habe. Aber wenn du nur Zimmer, Küche, Kabinett hast, geht das eben nicht. Und wenn du berufstätig bist jeden Tag im Jahr, auch nicht.

teleschau: Über das Alter wird viel geklagt. Was ist für Sie aber das Schönste am Älterwerden?

Berger: Jetzt werde ich flapsig, aber das Schönste ist, dass wir die Veilchen noch von oben sehen. Die Alternative dazu stelle ich mir dunkel und traurig vor. Ich will am Leben sein. Deswegen nehme ich diese ganzen furchtbaren Sachen, die sich einstellen, in Kauf. Glücklich machen sie mich nicht, aber man will ja alt werden. Meine Mutter hat gesagt: "Was willst du? Schön jung sterben - oder schiach alt werden?"

Froboess: Was den Beruf angeht, bin ich erst einmal richtig faul. Das Gute ist, dass man das alles nicht mehr machen muss: Ich muss keine Karriere mehr machen, ich muss diese Interviews nicht machen, ich könnte auch zu Hause sitzen. Dann habe ich halt Grippe oder so. In der Arbeit bin ich nie faul, aber bis ich mich dazu aufraffe, etwas anzunehmen - das dauert. Diesen Zustand leiste ich mir. Mein Mann ist dann der, der sagt: "Mach' das doch. Der Hund ist kein Hinderungsgrund" - ich erfinde alle Ausreden. Er stupst mich.

teleschau: Sind Sie entspannter in Hinblick darauf, was andere Leute von ihnen wollen?

Froboess: Ja, wunderbar entspannt. Was andere Leute von mir wollen, behindert mich nur.

teleschau: Hält Ihre Arbeit Sie beide jung?

Froboess: Ja, vor allem geistig, das Textlernen. Wenn man früher nach dem Theater für vier Wochen im Urlaub war, dann ist es danach wahnsinnig schwer gefallen, wieder etwas zu lernen. Das ist wie beim Ballett, man muss ständig in Bewegung sein.

Berger: Das Schöne an unserem Beruf ist, dass wir mit den unterschiedlichsten Leuten zusammenkommen - verschiedener Herkunft, Nationalität und vor allem auch verschiedenen Alters. Bei jeder Produktion sind ganz junge Leute dabei. Wie sie Politik diskutieren, das ist so interessant für mich und wie sich die Sprache und gewisse Regeln verändern. Neulich kam eine sehr junge Mitarbeiterin zu mir und sagte: "Senta, die andern sagen, ich darf nicht Du zu Dir sagen. Aber ich bin Waldorfschülerin, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Sie zu jemandem gesagt." Ich meinte: "Na dann Mädchen, duzen wir uns eben ..."

teleschau: Was genau nehmen Sie denn von den jüngeren Kollegen mit?

Berger: Sie zeigen mir, in was für einer Zeit wir leben. Welche Musik sie hören, welche Filme sie sich angucken, was sie geil finden, was sie gut finden. Wenn sie sagen, das ist cool, muss ich immer lachen. Weil das letzte, was ich in meinem Leben sein wollte, war cool.

teleschau: Was denn sonst?

Berger: Meine Generation wollte heiß sein. Und leidenschaftlich. Das Wort cool wäre niemals vorgekommen. Wir wollten auch wortreich sein und nicht "geil" sein. Dieses Wort haben wir in der Liebe verwendet, es war ein erotisches Wort. Wenn du dir etwas Mühe machst, kannst du die Dinge genau beschreiben. Die Siebziger waren sehr wortgewaltig und wollten das eben auch sein. Das ist ein großer Unterschied. Durch die Medien werden den jungen Leuten heute so viele Sachen abgenommen. Sie müssen nicht mehr ihre eigene Sprache finden. Sie reden halt so wie die Leute in den privaten Sendern. Schon in den Nachrichten heißt es: "Wir haben geiles Wetter".

teleschau: Was war damals anders als heute?

Berger: Es war gerade mal 15 Jahren nach dem Krieg, da haben wir langsam begonnen, unsere Väter zu fragen: "Wo warst du? Und wieso ist dein Bruder eigentlich in Stalingrad gefallen? Was hat er dort gemacht?" Durch die Sechziger hindurch gab es eine große gesellschaftliche Auseinandersetzung - da wollten wir sehr wohl wahrgenommen werden. Wir sind auch furchtbar angefeindet worden deswegen an den Theatern. Es war eine sehr politisierte junge Generation. Und jeder sollte eine Meinung haben: "Was heißt, du weißt nicht? Sag deine Meinung! Jeder hat eine Meinung!" Und wenn du keine Meinung hast, das ist auch politisch. Das ist heute nicht mehr so.

teleschau: Warum?

Berger: Durch die Globalisierung ist es schwer, ein Gegenüber, den einen Feind auszumachen. Die Dinge sind so verflochten und hängen ganz tief ineinander zusammen. Manches ist eindeutig: Atomkraftwerke weg! Aber geht jemand gegen den Syrien-Krieg auf die Straße?

teleschau: Sie wollen sagen, dieser Generation fehlt heute die politische Meinung.

Berger: Das Interesse.

Froboess: Nein, das glaube ich nicht. Aber die Meinung ist sehr einheitlich. Weil dann bist du gleich rechts und du bist gleich Pegida. Es trauen sich viele nicht wirklich, eine Meinung zu äußern.

Berger: Das wird sich jetzt aber ändern. Es ist ein ganz wichtiges Thema, Dinge aussprechen zu können, ohne dass man in eine Ecke gestellt wird. Ich erinnere mich an die Zeit, als die Grünen kamen. Sie glauben ja gar nicht, was da los war! Die sind wie Hexen abgestraft worden. "Verbrennt sie!", hieß es. Und heute ist es eine große und respektable Partei, die viel bewirkt hat. Entwicklungen dauern lange, viel länger, als man meint.

Quelle: teleschau - der mediendienst