Pink Floyd

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Aus Syds Schatten heraus

Was macht eine Band, wenn sie ihren Sänger verliert? Wenn die Person, die die Texte schreibt und das Gesicht der Gruppe ist, aussteigt? Auflösen ist die eine Option, Weitermachen die andere. Pink Floyd haben sich, noch ganz am Anfang ihrer Karriere, für den zweiten Weg entschieden. "Es ist erstaunlich, wie wir den Übergang gemeistert haben", sagt Nick Mason, der Drummer der britischen Rockband. Syd Barrett, der mit Mason, Roger Waters und Richard Wright 1965 Pink Floyd gründete, war schon nach dem ersten Album nicht mehr Teil der Band. Wenige Jahre später sollten Pink Floyd dann mit "The Dark Side Of The Moon" einen Meilenstein der Musikgeschichte abliefern. "Es war überraschend einfach", meint Mason, ein gesetzter Herr von 72 Jahren, bei der Präsentation des neuen Boxsets "The Early Years 1965 - 72" in der Hamburger Speicherstadt - eine Zusammenstellung, die die Geschichte von Pink Floyd bis kurz vor Erscheinen von "Dark Side" nachzeichnet.

Die Veröffentlichung von "The Early Years" kommt überraschend, waren Pink Floyd doch bislang nicht dafür bekannt, ihre Fans mit B-Seiten oder Liveaufnahmen zu beglücken. Ganze drei Livealben in 50 Jahren Bandgeschichte sind offiziell erhältlich. Und jetzt das: 27 CDs, DVDs, Blu-rays und Vinyls voll mit raren und unveröffentlichten Aufnahmen. "Es gibt Szenen, die einfach nur total peinlich sind", sagt Nick Mason in der Hansestadt über das mehr als 500 Euro teure Boxset zu seinen Eindrücken befragt. Tatsächlich muten manche Archivaufnahmen bisweilen seltsam an. Etwa, wenn David Gilmour, der den Bandgründer Syd Barrett 1968 ersetze, kurz nach seinem Einstieg bei Pink Floyd noch versucht, diesen zu imitieren. In Batikhemd steht er auf der Bühne, singt "Astronomy Domine" und bewegt sich so, wie es wenige Monate vorher der kürzlich Geschasste noch getan hatte.

"Wir wissen noch immer nicht, was wirklich das Problem von Syd war", erzählt Nick Mason über das 2006 verstorbenen Ex-Mitglied, das sich nach Pink Floyd vor allem der Malerei und dem Gartenbau widmete, 1970 allerdings auch zwei Soloalben veröffentlichte. "Natürlich hatte es mit LSD zu tun und dem Effekt, den es auf ihn hatte. Syd wollte sich mit der Droge selbst finden und machte weiter mit den Trips, als er schon lange hätte aufhören sollen." Anfangs versuchte die Band noch, sich mit dem Mann, der zunehmend in seinen eigenen Welten weilte, zurechtzukommen: "Unsere Vorstellung davon, wie wir uns um ihn kümmern sollten, bestand darin, ihm einen Tag frei zu geben", sagt Mason heute kopfschüttelnd.

Barrett war es, der die Band 1965 nach seinen beiden Lieblings-Bluesmusiker Pink Anderson und Floyd Council benannte, die ersten Songs und schließlich fast alle Stücke für das Debüt-Album "The Piper At The Gates Of Dawn" schrieb. Vom Erfolg seiner Band überfordert, wurde Barrett allerdings zunehmend unzuverlässig, erschien nicht zu Auftritten, zog sich tagelang zurück. "Wir litten darunter, jemanden wie ihn in der Band zu haben, der jederzeit explodieren konnte. Der Rest von uns wollte einfach weitermachen und spielen", gibt Mason unumwunden zu. "Wir wollten erfolgreich sein." Irgendwann wurde der einstige Kopf von Pink Floyd dann einfach nicht mehr mitgenommen zu den Auftritten der Band.

David Gilmour, ein guter Freund Barretts, ersetze ihn. Der Professorensohn hatte Barrett bereits zu Collegezeiten in Cambridge kennengelernt. Die Führung aber übernahm zunächst Bassist Roger Waters, wie Wright und Mason ein ehemaliger Architekturstudent. "Es ist erstaunlich, dass wir das Vertrauen in uns hatten, ohne Syd weiterzumachen", erzählt Nick Mason. "Als Syd noch in der Band war, schrieb Roger durchschnittliche Songs, und wenig später schon großartiges wie 'Set The Controls For The Heart Of The Sun'". Das Verspielte - auf "Piper" sang Barrett mitunter über Gnome und Vogelscheuchen - wich ernsthafterem Songwriting. Die psychedelische Richtung hatte aber Barrett bereits vorgegeben, mit Experimentierfreudigem wie dem überlangen "Interstellar Overdrive".

Auf der zweiten Platte, "A Saucerful Of Secrets", war dann nur noch ein Song von Barrett vertreten. Die Band sollte ihren Gründer erst Jahre später wiedersehen, bei den Aufnahmen zu "Wish You Were Here" 1975 in den Abbey Road Studios. Barrett habe plötzlich im Studio gestanden, erinnert sich Mason, aber keiner habe ihn erkannt. Aus dem zierlichen Schönling von einst war ein aufgedunsener, schnell gealterter Mann geworden. Und Pink Floyd waren längst Superstars.

Davon war man Ende der 60-er noch weit entfernt. In seiner Band-Biografie "Inside Out" (2005) widmet Mason diesen frühen Jahren die meisten Kapitel. Kein Wunder, lagen da die Streitigkeiten, die Pink Floyd später beinahe zerreißen sollten, noch in weiter Ferne. Überhaupt sollte Mason der einzige bleiben, der von Anfang bis Ende bei Pink Floyd blieb. Vielleicht, sagt er, weil er als Drummer nie die Möglichkeit gehabt habe, eine Solokarriere zu starten. So ist der unauffällige Schlagzeuger vielleicht auch der beste Chronist seiner Band.

Die arbeitete nach Veröffentlichung der zweiten Platte zunächst an mehreren Soundtracks. "More" (1969), die Musik zum gleichnamigen Hippie-Märchen von Barbet Schroeder, war schnell aufgenommen, ebenso wenige Jahre später "Obscured by Clouds" (1972), die zweite Arbeit für den französischen Regisseur. Schwieriger gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem italienischen Filmemacher Michelangelo Antonioni. In Rom sollte die Band Musik für "Zabriskie Point" einspielen. "Wir konnten nur von Mitternacht bis sechs Uhr morgens arbeiten", erinnert sich Mason. Zufriedenstellen konnten sie den Exzentriker Antonioni allerdings nicht: "Für jede Szene nahmen wir viele verschiedene Stücke auf, aus denen er wählen konnte. Nur, damit er sich letztendlich doch für etwas anderes entschied." Das Boxset versammelt nun nicht nur die wenigen Stücke, die tatsächlich im Film verwendet wurden, sondern auch die Outtakes.

Die Touren, die Pink Floyd damals unternahmen, führten die Band kreuz und quer durch das Vereinigte Königreich, zunehmend auch nach Kontinentaleuropa, 1967 erstmals auch in die USA. Gespielt wurde meist auch neues, noch unveröffentlichtes Material, eine Praxis, von der die Band Mitte der 70-er abkam: "Wenn wir Material unterwegs und auf Tour entwickelten und live spielten, kam es als Bootleg heraus, bereits Jahre bevor wir das Album fertig hatten", erzählt Mason. Immer mit dabei auf Tour: eine ausgeklügelte Lichtshow, die zum Markenzeichen der Band wurde. In seinen Erinnerungen erzählt Mason ausführlich davon, wie sich die Bühnentechniker der Band bisweilen die Finger verbrannten, als sie mit dem heißen Dia-Equipment hantierten.

Wovon er kaum spricht, ist die private Seite von Pink Floyd. Klar, auch Mason, der 2008 verstorbene Wright, Waters und Gilmour führten ein privates Leben, hatten Freundinnen, später Ehefrauen, dann Kinder. Aber eine öffentliche Band war Pink Floyd nie. Keine Skandale, kein Klatsch und Tratsch. Erst Mitte der 80-er, als sich die Bandmitglieder trennen und in schier unendlichen juristischen Auseinandersetzungen gegenseitig zerfleischen sollten, schrieb nicht nur mehr die Musikpresse über Pink Floyd.

Mitte der 60-er konzentrierte sich die Band noch voll und ganz auf die Musik, nahm zuerst das experimentelle "Ummagumma" (1969) auf, dem eine Platte mit Liveaufnahmen beigefügt wurde, später dann "Atom Heart Mother" (1970). Das Album mit der Kuh auf dem Cover wurde der erste und für viele Jahre einzige Nummer-eins-Erfolg der Band in ihrer Heimat, mit dem bombastischen, 24-minütigen Titelstück als Zentrum. "Die Pink Floyd sind im Kitsch gelandet", urteilte damals hämisch das deutsche Kulturmagazin "Aspekte". Und es ist anzunehmen, dass sich auch Syd Barrett in dieser Musik, die so gänzlich anders war als noch in den Anfangsjahren von Pink Floyd, nicht wiedergefunden hätte.

Erstmals arbeitete die Band für "Atom Heart Mother" mit einem Orchester zusammen, für mehrere Auftritte gar mit einem Ballett. "Die Tanzsequenzen waren so entworfen, dass sie exakt zu unserer Musik passten. Also platzierten wir einen Assistenten unter dem Piano, der uns Zeichen gab, wann wir welchen Takt spielen mussten", erinnert sich Nick Mason. "Aber leider war der nicht gut im Zählen!" "Meddle", die Nachfolgerplatte, konnte an die Charterfolge von "Atom Heart Mother" nicht anknüpfen, gilt unter Fans aber dank des epischen "Echoes" als eines der besten Alben der Band.

1973 erschien dann "The Dark Side Of The Moon", jenes Album, das sich rund 45 Millionen-mal verkaufen und 15 Jahre in den Charts bleiben sollte. Von der Musik der frühen Jahre hatte man sich entfernt, das Psychedelische war einer neuen Musikrichtung gewichen, für die wenige Jahre zuvor das Label "Progressive Rock" geschaffen worden war. Syd Barrett, jener Mann, der Pink Floyd acht Jahre zuvor gegründet hatte, sollte aber auch auf "Dark Side" präsent sein: Das Album handelt davon, langsam verrückt zu werden.

Quelle: teleschau - der mediendienst