Jutta Hoffmann

Jutta Hoffmann





Das Warten auf die Verbeugung

Jutta Hoffmann gilt vor allem in den neuen Bundesländern als Institution. 1941 wurde sie als Arbeiterkind in der Nähe von Halle geboren, studierte nach dem Abitur an der Filmhochschule in Babelsberg und bekam mit 19 ihre erste Fernseh-Rolle. Später spielte sie häufig in politischen Filmen mit, solchen, die im Osten auf dem Index landeten. Anfang der 1980er-Jahre verließ Jutta Hoffmann schließlich ihre Heimat und stand in der Bundesrepublik Deutschland unter anderem im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg auf der Theaterbühne. Im Herbst ist die 75-Jährige nun nach längerer Spiel-Pause in der BR-Produktion "Ein Teil von uns" (Mittwoch, 16. November, 20.15 Uhr, ARD) im Fernsehen zu sehen. Beim Gespräch in München merkt man, dass die zierliche Gestalt der 75-Jährigen täuscht: Hoffmann ist ein Fernsehstar der alten Schule, sie weiß sehr genau, was sie will.

teleschau: Seit Ihrem 19. Lebensjahr arbeiten Sie als Schauspielerin. Doch Ihre letzte Fernsehrolle hatten Sie 2007. Wieso diese lange Pause?

Jutta Hoffmann: Na ja, es kamen schon immer mal wieder diverse Drehbücher bei mir an. Aber man sieht das ja dann, was Frauen aus meiner Generation in diesen Filmen so für Rollen spielen, und ich dachte mir oft: Ach, war eigentlich gut, dass ich das Angebot nicht angenommen habe.

teleschau: Ist es schwer, als gute Schauspielerin auch im Alter von 75 Jahren noch interessante Rollen zu bekommen?

Hoffmann: Es hat sich nicht wirklich etwas verändert. Da ist einfach dieses Desinteresse der Filmemacher, nach dem Motto: Wer will schon eine alte Frau sehen? Denen geht es lediglich darum, ein Publikum zu bekommen.

teleschau: Was kann man als Schauspielerin dagegen tun?

Hoffmann: Maximilian Schell hat gesagt, Schauspielerei ist wie eine Tanzstunde: Wir sitzen alle in einer Reihe und warten, dass uns jemand auffordert. Das ist immer noch so. Manche haben Glück und sind die Mutter eines Produzenten, manche haben gar eine eigene Firma oder einen reichen Mann, der sie unterstützt. Wenn das nicht so ist, muss man eben weiterhin auf der Bank sitzen und warten, bis einer eine Verbeugung macht.

teleschau: Haben Sie sich mal überlegt, eine eigene Firma zu gründen?

Hoffmann: Nein, ich war immer Schauspielerin. Ich habe auch nie daran gezweifelt, genau das machen zu wollen. Die DDR war ein kleines Land, es gab eine Filmhochschule, und da bin ich dann hin. Und ich habe tolle Filme gemacht, auch so genannte Verbotsfilme. Mein Film "Karla", 1965 verboten, lief zum ersten Mal 1990 mit großem Erfolg auf der Berlinale.

teleschau: Wie reagieren die Leute heutzutage, wenn Sie von der Zeit in der DDR erzählen?

Hoffmann: Viele sind überrascht und auffallend unwissend. Junge Menschen können oft nicht nachfühlen, wie es damals war. Da wurde ein Film, der um 20 Uhr laufen sollte, manchmal erst nach Mitternacht gezeigt. Und plötzlich wurde der Regisseur aus der Partei geschmissen, der Kollege floh in den Westen, und der Mann, der es erlaubt hatte, dass ein solcher Film produziert wurde, verlor seinen Posten. Das war ein kollektives Erlebnis. Das muss man miterlebt haben, sonst kann man das nicht verstehen.

teleschau: Was hat Sie jetzt überzeugt, nach langer Pause wieder vor die Kamera zu treten?

Hoffmann: Es geht ja darum, was das für eine Figur ist, die man spielen soll, was für eine Geschichte dahinter steckt und wie brisant diese ist. Ich habe schon genug gearbeitet und bin nicht mehr darauf angewiesen, zu spielen. Aber dann kam das Angebot für "Ein Teil von uns", und das Drehbuch hat mich einfach überzeugt. Diese Geschichte kommt aus der Wirklichkeit. Als erfahrene Schauspielerin spürt man, dass das gut wird.

teleschau: In "Ein Teil von uns" nehmen Sie diverse Schimpfwörter in den Mund, bezeichnen ihre Film-Tochter unter anderem als "Schlampe". Man kann sich, wenn Sie so vor einem sitzen, gar nicht vorstellen, dass Sie solche Worte wirklich sagen ...

Hoffmann: Das ist eben die Herausforderung. Man muss sich ja immer überlegen: Woher kommt die Wut? In diesem Falle kommt sie aus den Ängsten, für immer abgeschoben zu werden. Es ist ja klar, dass vieles, was im Leben der Irene falsch läuft, selbstverschuldet ist. Trotzdem: Man kümmert sich um Kinder, um Enkelkinder, und was bleibt dann übrig? Der Kontakt bricht ab, die Kinder verschwinden, das Interesse lässt nach. Bei meiner Rolle kommt hinzu, dass Irene eine psychotische Person ist. Ein Grundmuster dieser Krankheit ist, dass der Filter fehlt. Als normaler Mensch überlegt man sich, was man zum Gegenüber sagt, selbst, wenn man diesen nicht leiden kann. Bei ihr ist das aber nicht so. Und das muss ich dann eben auch spielen können.

teleschau: Kümmern wir uns zu wenig umeinander?

Hoffmann: Na ja, ich habe das gemacht. Ich habe mich um meine Mutter gekümmert, als sie krank war. Alles andere ist doch irgendwie falsch, wenn erwachsene Kinder nicht mehr für ihre Eltern und Großeltern sorgen?

teleschau: Und falls die Familie wegfällt: Wird sich in Deutschland genug um die Ausgestoßenen gekümmert?

Hoffmann: Ich habe sie ja gerade wieder gesehen unter der Brücke, hier in diesem ach so schönen München. Die Antwort kann nur lauten: Natürlich nicht.

teleschau: Was glauben Sie, wie kommt man in so eine Situation?

Hoffmann: Das ist das Leben.

teleschau: Und was können alle anderen tun, um zu helfen, dass man nicht unter der Brücke landet?

Hoffmann: Hör zu! Frage, was hilft! Besorge dem Menschen, was er braucht! Das ist ja ein weites Feld, dem Menschen zu besorgen, was er braucht: Und genau das wird meiner Meinung nach viel zu wenig getan.

teleschau: Was würde jemandem wie Irene, einer psychotischen Person, helfen?

Hoffmann: Na ja, was braucht sie? Sie braucht Familie und Geborgenheit.

teleschau: Und was ist mit den Angehörigen eines kranken Menschen?

Hoffmann: Die Angehörigen haben es besonders schlimm, das ist schon klar. Das habe ich in einem Psychose-Seminar, das ich zur Vorbereitung auf den Film besucht habe, gelernt. Der Umgang mit jemandem, der so krank ist, ist eben unglaublich schwer. Für beide Seiten.

teleschau: Waren Sie sich bewusst, wie schlimm so eine Psychose ist?

Hoffmann: Ich habe vorher da nie darüber nachgedacht. Das war einfach nicht mein Thema. Aber oft wenn ich erzählt habe, dass ich einen Film darüber mache, haben ganz viele in meiner Umgebung von privaten Erfahrungen berichtet. Entweder von der Cousine, die derartige Probleme hat, von der Mutter oder auch von der Stiefschwester. Immer habe ich Leute getroffen, die von dem Thema auf die ein oder andere Weise betroffen waren. Ganz verrückt war das.

Quelle: teleschau - der mediendienst