Maria Furtwängler, Axel Milberg

Maria Furtwängler, Axel Milberg





Ein Krimi auf der Analyse-Couch

Zwei der beliebtesten "Tatort"-Kommissare bespielen für den 1.000. Film der Reihe fast ausschließlich den Innenraum eines Taxis. Solche Experimente wagt derzeit wohl nur der seit 1970 laufende Krimi-Oldtimer im deutschen Primetime-Fernsehen. Maria Furtwängler und Axel Milberg sind in "Tatort: Taxi nach Leipzig" (Sonntag, 13. November, 20.15 Uhr, ARD) Co-Stars in einem klaustrophobischen Film, der wohl wieder für eine überragende Quote sorgen wird. Doch was ist das Geheimnis des "Tatorts", der sogar viele junge Menschen in seinen Bann zieht? Maria Furtwängler und Axel Milberg, beide als Kommissare seit 2002 im Dienst, denken über die tieferen Ursachen eines gesellschaftlichen Phänomens nach.

teleschau: Der "Tatort" ist mittlerweile ein sehr experimentierfreudiges Format - und dennoch im Mainstream sehr erfolgreich. Wie löst sich dieser Widerspruch auf?

Maria Furtwängler: Ich glaube, Erfolg ist der Schlüssel zur Freude am Experimentieren. Der "Tatort" hat fast schon eine eingebaute Quotengarantie. Kaum ein Film hat weniger als acht Millionen Zuschauer. Das lässt die Verantwortlichen bei den Sendern mutig werden. Viel mutiger als sie es leider bei vielen anderen Programmen sind.

Axel Milberg: Dazu kommt, dass sich alle Beteiligten mehr Mühe geben, weil es sich um einen "Tatort" handelt. Man will etwas Besonderes schaffen. Viele Schauspieler und Macher sind der Fertigbauteile müde, aus denen Krimis meist gezimmert werden. Natürlich muss man beim Experiment aufpassen, dass die Glaubwürdigkeit nicht auf der Strecke bleibt. Es ist nicht nur ein Argument der konservativen "Tatort"-Fans, dass ein Film glaubwürdig sein muss. Andererseits ist Glaubwürdigkeit nicht alles. Ein toller Film darf unglaubwürdig sein, wenn er faszinierend ist.

teleschau: Es gibt also kein Rezept für einen guten "Tatort"?

Milberg: Glaubwürdigkeit ist es jedenfalls nicht. In der Realität geschehen die unglaubwürdigsten Dinge. Wenn man dann daraus einen Film machen will, scheitern die Projekte oft an dem Argument, der Plot wäre unglaubwürdig (lacht). Es gibt in jeder Stunde unseres Lebens Unglaubwürdiges und Poetisches an jeder Ecke zu entdecken. Wir erkennen es nur oft nicht, weil wir in Hetze und wie auf Gleisen durchs Leben fahren. Würde man sich Zeit nehmen und mehr im Augenblick leben, könnte man - neben vielen anderen positiven Effekten - auch mehr wunderbare Stoffe für Filme entdecken.

teleschau: Warum ist der Mega-Erfolg des "Tatorts" quasi eingebaut, obwohl es unzählige andere, oft leichter zugängliche Krimis im deutschen Fernsehen gibt?

Maria Furtwängler: Ich glaube, unsere Gesellschaft hat sich auf den "Tatort" als Gemeinschaftserlebnis irgendwie geeinigt. Es wird immer erzählt, dass es dieses TV-Lagerfeuer, an dem jeder sitzt, nicht mehr gibt. Klar zerstreut sich alles, die Medienvielfalt und Nutzung ist heute eine andere. Trotzdem gibt es noch die Sehnsucht nach dem Film, den alle gesehen haben. Das Bedürfnis nach einem Thema, über das am nächsten Tag alle reden können. Außer Fußball schafft das heute nur noch der "Tatort".

teleschau: Sind Unterschiedlichkeit und wechselnde Ästhetik der "Tatorte" vielleicht sogar ein Trumpf - weil sich über Unerwartetes besser streiten lässt?

Maria Furtwängler: Ich denke, an dieser Theorie ist etwas dran. Weil die "Tatorte" so unterschiedlich sind, kann man sich leidenschaftlicher damit identifizieren oder dagegen abgrenzen. Das Phänomen "Tatort"-Public Viewing hat auch damit zu tun, dass man nicht genau weiß, was passieren wird. So wie eben auch beim Fußball.

teleschau: Der 1.000 "Tatort heißt wie der erste "Taxi nach Leipzig". 1970 war der TV-Kommissar wie ein Fels in der Brandung. Heute steht die Angst der Kommissare fast schon im Mittelpunkt des Films. Was sagt uns das?

Milberg: Der Kommissar als Fels in der Brandung war für den Schauspieler ja auch ziemlich langweilig. Ich denke, dass der Trend zum psychologischen Erzählen auch deshalb eingesetzt hat, weil Autoren und Schauspieler es satt hatten, dass wir Ermittler immer so ungefährdet waren. Früher waren Kommissare wie Moderatoren einer Sendung, bei der es Tote gab.

Maria Furtwängler: Die Tendenz, Krimis immer psychologischer zu erzählen, gibt es ja schon lange. Wir geben uns heute nicht mehr mit Klischees zufrieden und der Beantwortung jener berühmten Frage: Wer hat's getan? Man will in die Seelen der Protagonisten schauen und das macht der "Tatort" oft ziemlich gut.

teleschau: Sagt es etwas über unsere Gesellschaft aus, dass zwei "Tatort"-Kommissare ausgerechnet im großen Jubiläums-Film eine krasse Gewalterfahrung machen?

Milberg: Vielleicht schon. Beamte sind heute sehr viel öfter Aggressionen und Gewalt ausgesetzt. Offenbar schützt die Uniform nicht mehr wie früher vor körperlichen Übergriffen. Es gibt Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen diesem Phänomen und Tätern, die aus Kriegsgebieten stammen, herstellen.

teleschau: Es gibt auch eine Gegenbewegung zum Trend, sehr viel Privates über die Kommissare zu erzählen. Nicht wenige Zuschauer wünschen sich weniger Privatgedöns und mehr Krimi!

Maria Furtwängler: Das eine hat mit dem anderen wenig zu tun. Man kann sehr psychologisch erzählen, ohne privat zu werden. Ich habe meine eigene Meinung diesbezüglich in den letzten Jahren verändert. Als ich vor zehn Jahren anfing, dachte ich, man müsse von Charlotte Lindholm viel Privates erzählen, um mehr über die Figur zu erfahren. Das denke ich heute weniger. Man kann fast alles über die Psyche des Kommissars über den Fall erfahren. Um Charlotte Lindholm in die Seele zu schauen, muss man nicht zu ihr nach Hause auf die Couch.

teleschau: Wenn in einem "Tatort" zwei Kommissare aus unterschiedlichen Städten ermitteln, steigt dann nicht das Risiko, dass der Film unrund wird?

Maria Furtwängler: Das ist natürlich ein Problem, vor dem zunächst mal der Autor des Drehbuchs steht. Das Ganze kann auch sehr reizvoll sein - was es in unserem Fall hoffentlich ist. Ich will dem Publikum nicht vorgreifen. Wahrscheinlich gibt es Leute, die sagen: Ich will nicht, dass mein Borowski mit der blöden Lindholm ermittelt. Besser wäre es natürlich andersherum (lacht).

Milberg: Ich war immerhin sehr beruhigt, als ich hörte, dass Lindholm und Borowski sich nicht mögen. Dass sie sich zumindest im ersten Drittel des Films sogar in herzlicher Antipathie begegnen. Es gibt nichts Langweiligeres als zwei Kommissare, die den Arm umeinander legen und sagen: Was bist du für 'ne tolle Type! Wie sich das Verhältnis der beiden über den Film entwickelt, das hat Alexander Adolph aber schon toll geschrieben.

Maria Furtwängler: Für Axel und mich ist diese Konstellation auf jeden Fall eine Herausforderung. Wir sind beide Rampensäue und haben eigene Methoden, uns nach vorne zu spielen. Das dann in eine gewisse Harmonie zu kriegen und aus Wildpferden einen Zweispänner zu machen, war für das Drehbuch und uns Schauspieler sicher nicht immer einfach.

teleschau: Was ist an einem Doppeleinsatz von bereits einzeln bekannten Kommissaren für den Zuschauer spannend?

Milberg: Lindholm sieht Borowski anders als er sich selbst und umgekehrt. Das ist im echten Leben nicht anders. Wir leben immer mit und von diesem Missverständnis: die Illusion, wie wir uns selbst sehen und wie wir in Wirklichkeit sind. Hitchcock sagte einmal, in jedem dicken Kerl stecke ein schlanker, schöner Mann. Er meinte natürlich sich selbst damit. Auch wenn er es selbst nicht war, so ist doch sein Werk schlank und trainiert.

teleschau: Warum ist "Taxi nach Leipzig" ein würdiger 1.000. "Tatort"?

Milberg: Es ist ungewöhnlich, dass man ein Kammerspiel zum Jubiläum macht. Drei Personen in einem Auto, alles passiert nachts. Man steigt am frühen Abend ein und im Morgengrauen ist die Geschichte zu Ende. Mir gefällt diese Idee, die das Event ja auch ein bisschen verneint, ausgezeichnet.

Maria Furtwängler: Es ist ein Wagnis, zu sagen, wie spielen einen Großteil der 90 Minuten nur in einem klaustrophobisch kleinen Raum. Dazu sind Lindholm und Borowski auch noch die Hände auf dem Rücken gefesselt. Was bedeutet, dass man uns vieler schauspielerischer Mittel beraubt. Axel und ich können eben nicht dem Raum begehen, nicht mit Armen und Händen arbeiten. Trotzdem wollten wir natürlich dicht und emotional erzählen. Der Film war auf jeden Fall ein spannendes Experiment für uns. Und es ist, glaube ich, gelungen.

Quelle: teleschau - der mediendienst