Paterson

Paterson





Die Poesie des Ewiggleichen

Was, wenn der altgediente Liebling des Indiekinos auf den jungen Shootingstar des selbigen trifft - und beide gemeinsam eine Geschichte verfilmen, die unspektakulärer nicht sein könnte? Klar: Es entsteht grandios Langweiliges im allerbesten Sinne. Mit "Paterson" schaffen Regielegende Jim Jarmusch und "Star Wars"-Schurke Adam Driver ein charmantes Drama von derart gediegener Langsamkeit, dass es jedem Entschleunigungs-Apologeten eine Freude wäre. Gegen alle Trends zu actionreichen Schnittexzessen und sich überschlagenden Storylines treibt Jarmusch seinen Gemächlichkeitsstil auf die Spitze und zelebriert das ereignislose Kleinstadtleben. Als gleichzeitige Hommage und Kritik am alltäglichen Kreislauf aus Lohnarbeit, Kneipe und Beziehung übt sich der Autorenfilmer einmal mehr in cineastischer Beobachtung.

Oft ist es nur so dahingesagt, wenn man behauptet, in einem Film passiere eigentlich nichts. Für Jim Jarmuschs neuestes Werk, im Übrigen zumindest in den USA ein "Amazon Original", darf diese Behauptung allerdings wortwörtlich genommen werden: "Paterson" erweist sich als repetitiver Ruhepol, als ereignisloses Meditationsstück von Independent-Film. Das kennt man vom Regisseur gebrochen-kontemplativer Meisterwerke wie "Coffee & Cigarettes" und "Broken Flowers" natürlich bereits. In seinem tragikomischen Neuling jedoch, der in diesem Jahr in Cannes Premiere feierte und für die Goldene Palme nominiert war, liefert der 63-Jährige lakonische Poesie in Vollendung.

"Paterson" erzählt von Paterson (Adam Driver), der in der Kleinstadt Paterson lebt und für die Patersoner Verkehrsbetriebe als Busfahrer arbeitet. Paterson wohnt mit seiner schwangeren Frau Laura (Golshifteh Farahani) in einem kleinen Haus in einer ruhigen Gegend. Jeden Tag folgt Paterson in der gleichnamigen Stadt in New Jersey einem Alltagsmuster: 6.30 Uhr aufstehen, seine Liebste küssen, Cornflakes frühstücken, am bekannten Wasserfall vorbei zur Arbeit fahren, Bus fahren, nach Hause fahren, mit der Bulldogge Marvin Gassi gehen, in die Stammkneipe gehen, ein Bier trinken gehen, schlafen gehen. Und alles von vorn. Eine zugleich beruhigende und grotesk wirkende Routine, die Jarmusch geduldig ausschmückt.

Doch Paterson ist mitnichten ein kalter Spießer. Paterson sagt nur zu allem Ja und Amen, handelt naiv im harmlosesten Sinne nach gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen. Doch dabei wirkt Paterson wie ein herzensguter Mensch, eine gute Seele. Er liebt Laura, die das Haus in ihrem gewöhnungsbedürftigen selbstgemachten Schwarz-Weiß-Stil dekoriert und täglich mit einer neuen Selbstverwirklichungs-Idee aufwartet - vom Gitarrespielen bis Muffinverkauf. Sie ist die Einzige, die Patersons große, doch ziemlich versteckte Leidenschaft kennt, ihn darin ebenso täglich ermutigt: die Poesie.

Jeden Tag verfasst Paterson auf dem Arbeitsweg zur zentralen Busverwahrungshalle kleine Gedichte in sein gepflegtes Gedichtheft. Sie handeln vom Alltag, reimen sich nicht und sind inspiriert von den immergleichen Gestalten in der Kneipe und den bisweilen kuriosen Gesprächen zwischen Fahrgästen, die Paterson auf seiner täglichen Linienfahrt belauscht. In der liebevollen Beobachtung von Charakteren, von ihren Lebensproblemen und Gesprächen, ähnelt Paterson seinem Schöpfer Jarmusch, der das Wesen eines Menschen schon immer empathisch detailiert auszuloten wusste. Diesmal geht die Indie-Ikone gar so weit, die kreativen Ergüsse der Figur Paterson optisch in dessen Schreibschrift über die Szenen zu legen.

Mehr passiert in Paterson, in Patersons Leben und in "Paterson" nicht. Deswegen und darüber hinaus liefert der Film wie seine Protagonisten eine gigantische Projektionsfläche: Kritik am kleinbürgerlichen Kleinstadt-Dasein im Kapitalismus darf man sehen, ein Vorführen der unhinterfragten drögen Wiederkehr des Ewiggleichen zwischen Job und Zweierbeziehung. Ebenso darf man aber eine Verteidigung des ruhigen Alltaglebens erkennen, das durchaus auch Mittzwanziger abseits jener hysterisch hippen und gezwungen lässigen Urbanität führen, für die Adam Driver ironischerweise als Symbol steht.

Und nicht zuletzt darf der geneigte Lyrikfreund in Jarmuschs Werk ein gelungenes Kunst-Kleinod vermuten, das im ästhetischen Kern die allpräsente Poesie des Seins zelebriert. Das jedoch ganz und gar Fantastische an "Paterson" ist: Man muss all dies keineswegs. Man kann sich auch einfach zurücklehnen und Paterson in Paterson beim Busfahren zuschauen.

Quelle: teleschau - der mediendienst