Wolf Biermann

Wolf Biermann





Der Heimatsucher

Als vor wenigen Wochen Manfred Krug verstarb, war in den Nachrufen ein weiterer Name allseits präsent: Wolf Biermann. Mit dem großen Dichter und Sänger teilt der Schauspieler eine deutsch-deutsche Geschichte: als zum Übersiedeln gezwungener Kreativer, der in DDR wie BRD Berühmtheit erlangte; als liedermachender Lyriker, der zwei Biografien in seinem Werk verarbeitete. Während Krug jedoch den lockeren Ost-West-Rebellen mit kantigem Profil gab, war es Biermann Zeit seines Lebens politisch ernst: mit der Gesellschaft, der Geschichte und der Kunst. Einst Brecht-Schüler und Kommunist, später CDU-Fan und Linken-Kritiker, steht der gebürtige Hamburger beispielhaft für jene vormals Progressiven, deren Hoffnungen vom SED-Staat bitter enttäuscht wurden. Genau 40 Jahre nach seiner Ausbürgerung begeht Wolf Biermann am 15. November nun seinen 80. Geburtstag. Eine Heimat sucht er noch immer.

Im Alter zieht es einen zurück in die Heimat, heißt es oft. Wolf Biermann, der lange mit der DDR-Avantgarde Berlins verknüpft war und seit Jahrzehnten in Hamburg lebt, sehnte sich immer danach: "Der Wolf gehört nach Hamburg, der Biermann nach Berlin. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht auflösen kann", erklärte er 2008 in "Bild". In seinem nun zu Ende gehenden achten Lebensjahrzehnt entdeckte Biermann eine weitere, geistige Heimat: Das "fremdvertraute Israel" sehe er als ein "Vaterland" an, gab der Atheist zu Protokoll - als Sohn eines jüdischen Vaters, der als Werftarbeiter und KPD-Mitglied nach Hitlers Machtergreifung im Untergrund gegen die Nazis kämpfte und 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde. Jener Dagobert Biermann dürfte für die Verbundenheit seines Sohnes zum jüdischen Staat nicht unverantwortlich sein. Mehr noch: Auf seinen Einfluss geht wohl auch die erste frei gewählte Heimat Biermanns zurück: die DDR.

"Wer jung ist, sucht sein Vaterland" heißt es in einem von Biermanns Liedern. So zog er als überzeugter Jungkommunist 1953 mit 17 Jahren freiwillig in die DDR, das Land seiner politischen Ideale. Als einer derjenigen, die nach der Nazi-Barbarei die letzte Chance auf eine befreite Gesellschaft auf deutschem Boden sahen. Doch im Realsozialismus wurden für Biermann schnell aus "roten Göttern menschliche Schweinehunde". Immer wieder prangerte er Borniertheit und Gehabe der Funktionäre an, die ihm die SED-Mitgliedschaft verweigerten, weil sie in ihm einen Drogenkonsumenten vermuteten, wie später aus den Stasi-Akten hervorging. Der freiheitsliebende kommunistische Künstler und der kleinbürgerliche Spießer-Sozialismus des Arbeiter-und-Bauern-Staates passten nicht zusammen.

"Wir wollten menschlichen Sozialismus", sagte Biermann später in der "Welt am Sonntag" - es blieb ein Traum. Der Liedermacher textete gegen Stacheldraht und Mauer, bis er 1965 durch das berüchtigte 11. Plenum der SED verboten und zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt wurde. Fortan überwachte ihn die Stasi; bereitete eine "Zersetzung" seiner Person vor. "Du lass' dich nicht erschrecken, in dieser Schreckenszeit", antwortete Biermann mit den Waffen eines Dichters. Nur dagegen sein war seine Sache nicht - er sang: "Menschlich fühl ich mich verbunden mit den armen Stasihunden".

Es half nichts: In der DDR durfte Biermann nicht mehr veröffentlichen, seine erste Platte "Chausseestraße 131" nahm er 1968 in der eigenen Wohnung auf. In der BRD war das Album ein Erfolg, Biermann erhielt den Fontane-Preis und veröffentlichte fortan weitere LPs in der Bundesrepublik. Die Lieder indes blieben sozialistisch geprägt, handelten etwa vom "Jesus Christus mit der Knarre" in "Commandante Che Guevara". Zum Erlöser mit Gitarre reichte es für ihn selbst nicht.

Nach elf Jahren Auftrittsverbot gab Biermann am 13. November 1976 sein erstes öffentliches Konzert - in Köln. Überraschend genehmigten die DDR-Behörden den Westaufenthalt - und verweigerten dem unbequemen Rebellen anschließend die Wiedereinreise. "Jetzt habe ich die Akten gelesen und weiß, ich hätte da in Köln auch den ganzen Abend 'Hänschen klein' singen können, und sie hätten mich trotzdem nicht zurückgelassen", so Biermann rückblickend. Er, der noch immer von den marxistischen Idealen Überzeugte, wollte bleiben; die DDR nicht an die autoritären Bürokraten verloren geben.

Doch Kritik und echte Auseinandersetzung waren ebenso wenig erwünscht wie seine Person. Der Willkürakt führte zu erheblichen politischen Unruhen: Berühmte Kollegen unterzeichneten ein Protestschreiben, darunter Manfred Krug, Stefan Heym, Christa Wolf und Heiner Müller. Jene Künstler- und Intellektuellenelite der DDR, die vom möglichen "guten Sozialismus" überzeugt war, ihre Hoffnung Anfang der 70-er in die liberalere Kulturpolitik unter Honecker setzte - und bitter enttäuscht wurde.

Biermann geriet zu ihrer bekanntesten Repräsentationsfigur, seine Ausweisung zur Zäsur. Die Konfrontation der Funktionäre mit ihren Vorzeigekünstlern war der Anfang vom Ende der DDR. Unter dem Titel "Das geht sein' sozialistischen Gang" erschien im Westen das berüchtigte Kölner Konzert als LP - bis heute ein ironisch-geflügeltes Sprichwort. Die Ost-Bürokraten hatten das "Problem" potenziert: 1977 folgten weitere Prominente in den Westen, etwa Manfred Krug und Biermanns frühere Lebensgefährtin Eva-Maria Hagen mit ihrer Tochter Nina Hagen.

"Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen" polemisierte Biermann kurz nach seiner Ausbürgerung - den bundesrepublikanischen Kapitalismus verachtete er ebenso wie den autoritären Staatskapitalismus drüben. Zur Identifikationsfigur taugte er im Westen nur bedingt: "Ich will nicht den Berufsdissidenten spielen, der öffentlich seine Ostwunden leckt", ließ er 1976 wissen. Doch Biermann arrangierte sich mit dem einstigen Klassenfeind - zumindest mit dessen alternativen Milieus. Er unterstützte die Friedensbewegung und Antiatomkraftbewegung, veröffentlichte Songs wie "Gorleben soll leben" und DDR-kritische Platten wie 1988 "VEBiermann".

Zu jener Zeit, so Biermann, habe er mit der Ideologie gebrochen: "Ich bin der Meinung, dass niemand gefährlicher war in der Geschichte der Menschheit, als die, die das Paradies auf Erden erzwingen wollten. Die haben uns in Höllen geführt, die schlimmer sind als alles, was wir bisher kannten" sagte er später im "Focus"-Interview. Die Essenz dessen sollte Biermann 1991 auf Platte zusammenfassen: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" - jenem Motto folgte der idealistische Pragmatiker auch nach der Wende, an der er sich erst aktiv beteiligten konnte, als er im Dezember 1989 wieder in die DDR einreisen durfte.

Nach der Wiedervereinigung erhielt der Rehabilitierte Preise über Preise - bis hin zum Bundesverdienstkreuz im Jahr 2006. Als "Barde" kam er im künstlerischen Establishment der BRD dennoch nie ganz an, blieb ein politisch streitbarer Künstler; verachtet von der klassischen Linken, die in ihm einen Wendehals erblickte. Als Biermann vor zwei Jahren im Bundestag eingeladen war zu singen, rechnete er mit der SED-Nachfolgepartei ab: "Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse. Aber das kann ich ja nicht liefern. Mein Beruf war doch Drachentöter. Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen. Die sind geschlagen."

Biermanns Gesinnungswandel war da bereits lange offenbar: Nicht nur lobte er Kanzler Kohl als "mutiger, frecher als andere", nicht nur freute er sich über die "unverkrampfte, freundschaftliche Atmosphäre" bei einer CSU-Tagung und rief später zur Wahl Angela Merkels auf. Auch ergriff der einstige Pazifist Partei für den Irak-Krieg 2003 und erblickte in den Protesten gegen die NSA-Überwachung im Interview mit der "nmz" eine "hysterische Propaganda-Idiotie".

Als gebranntes Kind der Stasi-Überwachung überraschen derlei Aussagen auf den ersten Blick ebenso wie der augenscheinliche Wandel vom Vollblutkommunisten zum Konservativen. Ihm sei eine "unvollkommene Demokratie viel lieber als eine vollkommene Diktatur", versuchte Biermann einmal seine Positionen zu erklären. In der "Berliner Morgenpost" verlautete er: "Ich leide an Deutschland, wie jeder Mensch an einer Beziehung leidet, die etwas mit Liebe zu tun hat." Zum Gesinnungswandel, so lässt sich konstatieren, trieb ihn wie so oft vor allem eines: die alte Suche nach der Heimat, die ihn so oft enttäuschte. Nach Biermanns bewegter deutsch-deutscher Künstlerbiografie gönnt man ihm, dass er diese Heimat im Alter persönlich, politisch und künstlerisch findet.

Quelle: teleschau - der mediendienst