Jeder stirbt für sich allein

Jeder stirbt für sich allein





Der vergessene Widerstand

In der Literatur kommt Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" eine besondere Stellung zu. Er gilt als das erste Buch über den innerdeutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, das von einem nicht emigrierten Schriftsteller verfasst wurde. Fallada, der kurz nach Beendigung seiner Arbeit 1947 starb und die Veröffentlichung nicht mehr miterlebte, blickt einerseits auf das Ehepaar Quangel, das sich an einer etwas naiven Form des Widerstands mittels ausgelegter Postkarten versuchte. Andererseits aber versucht sich der Autor auf höchst authentische Weise an einer Schilderung der Zustände im Berlin des Jahres 1940, als die Angst allerorten das vorherrschende Gefühl war. Während es dem Film durchaus gelingt, die Tragödie des Ehepaares greifbar zu machen, schildert er ihr Umfeld doch eher schablonenhaft. Die Kritiken fielen daher nach seiner Premiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu Recht eher negativ aus.

Es ist eine wahre Geschichte, die dem Buch und dem Film zugrundeliegt. Sie basiert auf Akten der Gestapo, die Fallada kurz nach dem Krieg von einem Freund zugespielt wurden. Otto Quangel (Brendan Gleeson) und seine Ehefrau Anna (Emma Thompson), in Wahrheit hießen sie Otto und Elise Hampel, gehören keiner Bildungselite an. Einfache Leute, die sich treiben ließen bis zu jenem Tag, an dem sie erfahren, dass ihr Sohn an der Front gefallen ist. Wut entsteht. Auf das System, auf den Krieg, auf Adolf Hitler. Otto Quangel fällt eine Postkarte mit der Aufschrift "Der Führer" in die Hände. Er macht "Der Lügner" daraus und legt sie öffentlich aus.

So beginnt ihr kleiner, verzweifelter Protest gegen den übermächtigen Staat. In den folgenden 18 Monaten werden sie insgesamt 285 Postkarten heimlich an öffentlichen Plätzen platzieren, in denen sie andere Deutsche dazu aufrufen, sich gegen die Herrschaft von Hitler und der NSDAP zur Wehr zu setzen. Dass von diesen Karten 267 sofort zur Polizei gebracht werden, verschweigt der Film nicht, misst dieser Tatsache jedoch weniger Bedeutung zu. Regisseur Vincent Perez, der gemeinsam mit Achim und Bettine von Borries das Drehbuch verfasste, bleibt bei seinen Schilderungen immer nah an den beiden Widerständlern und räumt deren Umfeld nicht allzu viel Platz ein. Kaum ein Blick auf das ja mehrheitlich Hitler-treue deutsche Volk, keine Bilder von großen Aufmärschen. Der Film reduziert sich eher kammerspielartig auf den Raum um das Ehepaar und seine kleine Revolution.

Die Quangels leben in einem Mehrfamilienhaus in Berlin. Ihr Umfeld besteht unter anderem aus einer versteckten Jüdin, aus einem Denunzianten, einem Hitlerjungen, einem Briefträger. Nazis, Widerständler, Mitläufer. Verfolgte und Verfolgende. Der Film jedoch rückt, wohl um die Spannung hochzuhalten, bald schon die Jagd auf das Ehepaar Quangel in den Mittelpunkt. Die Gestapo tut sich schwer, die Urheber der Karten zu entlarven. Doch der Druck auf den ermittelnden Kommissar Escherich (Daniel Brühl) wächst. Dabei ist auch er innerlich zerrissen. Einer, der Befehlen Folge leistet, der aber, wie sich schließlich zeigt, auch von inneren Zweifeln heimgesucht wird.

Das Thema ist fraglos ein interessantes: Es geht um den Widerstand im Kleinen. Um den Beleg, dass nicht alle Menschen schwiegen, sondern sich einige auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten wehrten gegen die Übermacht der Nazidiktatur. Jene Menschen, die heute keiner mehr kennt, nach denen keinen Straßen oder Plätze benannt wurden. Jene, deren Widerstand nicht auf politischer Bildung beruhte, sondern auf schlichter Wut und einem einfachen Gerechtigkeitssinn. Doch in einem betont kühl, bisweilen übersachlich inszenierten Film fällt es schwer, den Charakteren wirklich nahezukommen. Brendan Gleeson und Emma Thompson, zwei große Charakterdarsteller, halten sich in ihren Emotionen betont zurück. Stellenweise wirkt der Film gar eher dokumentarisch.

Der Versuch, "Jeder stirbt für sich allein" als rein deutsche Produktion entstehen zu lassen, scheiterte. So wurde eine internationale Koproduktion mit internationaler Besetzung daraus. Zahlreiche deutsche Darsteller sind in Nebenrollen zu sehen. Gedreht wurde in Englisch, was bei den Vorführungen der Originalversion bei der Berlinale für unfreiwillige Komik sorgte. Es wird englisch geredet, aber deutsch geschrieben. Teilweise sprechen die Darsteller mit einer Art deutschem Akzent. In der deutschen Fassung werden dem Zuschauer solcherlei Merkwürdigkeiten zum Glück erspart bleiben.

Quelle: teleschau - der mediendienst