Amerikanisches Idyll

Amerikanisches Idyll





Amerikanischer Albtraum

Sehnsuchtsbild für schwärmerische Jungs und bezirzte Backfische: Seymour Levov, wegen seiner Gesichtszüge, der athletischen Statur und der markanten blonden Haare nur bewundernd "Schwede" genannt, war der Star seiner High School. Er verkörpert alles, was man sich in einem amerikanischen Ostküstenkaff in den 40er-Jahren unter dem Begriff "Amerikanisches Idyll" nur vorzustellen vermag. Als er auch die lokale Schönheitskönigin heiratet und das väterliche Handschuhgeschäft erfolgreich fortführt, könnte das Glück perfekt sein. Wäre da nicht seine rebellische Tochter, die nach einem Bombenattentat auf das Postamt eines Tages verschwindet. Der schottische Schauspieler Ewan McGregor, der selbst gar nicht mal so "schwedisch" wirkt, übernahm nicht nur die Hauptrolle in der Philip-Roth-Verfilmung. Er führte als Debütant auch Regie in der Literaturverfilmung, die weitgehend mäßig ist, am Ende in einigen Szenen aber starke Bilder bietet.

Zwei deutsche Filmfestivals schmückten ihr Premierenprogramm dieses Jahr mit Adaptionen des ewigen Literaturnobelpreiskandidaten Philip Roth. Während auf der Berlinale Jim Schamus, der unter anderem mehrere Drehbücher für Ang Lee schrieb, eine ungelenke und dröge Verfilmung des Romans "Indignation" ("Empörung") vorstellte, merkte man auf dem Filmfest Hamburg Ewan Mc Gregors "Amerikanischem Idyll" nach über einer Dekade Produktionshölle zumindest das Ringen um Anspruch an. Doch gerade die erste Hälfte des Films ist geprägt von inszenatorischer Unsicherheit.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Ich-Erzählers (David Strathairn), der sie auf einem Klassentreffen von einem alten Freund hört. Dieser Ich-Erzähler, der Autor Nathan Zuckerman (die gleiche Figur, die bereits in "Der menschliche Makel" und seiner Verfilmung 2003 auftrat), darf hier allerdings keine imaginative Rekonstruktionsarbeit wie in der Vorlage leisten, sondern einfach nur zuhören. Ihm bleibt kaum mehr als eine rahmende Funktion - so wie auch andere Figuren, etwa die Ehefrau des Schweden Dawn (Jennifer Conelly), lange kontur- und farblos wirken.

Besonders die Einführung des "Schweden" als beliebter, charmanter High-School-Star ist selbst wenig charmant oder gar originell ausgefallen. Es sind die gleichen aufgehellten Farbfilterbilder, die inzwischen überall dort zu finden sind, wo man filmisch in die 30er- bis 50er-Jahre der amerikanischen Geschichte transportiert werden soll. Die Aufnahmen, in denen Ewan McGregors Kopf auf den Körper eines jugendlichen Footballspielers montiert ist, sehen fast schon billig aus. Die belanglosen Dialoge werden der Komplexität der Rothschen Vorlage nicht ansatzweise gerecht.

Auch die folgende Aufstiegsgeschichte der Vorzeigefamilie wird sehr konventionell abgehandelt und eigentlich erst ab dem Zeitpunkt richtig interessant, an dem Dakota Fanning die Rolle der stotternden Tochter Merry übernimmt: der einzigen Figur mit so etwas wie einem inneren Abgrund. Aus dem undurchschaubaren Mädchen wird eine aggressive Rebellin, die mit der heilen Welt ihrer Eltern nichts anfangen kann, sondern sich mit den radikalen Protagonisten und Vorbildern der amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen der 1968-er identifiziert.

Fast möchte man meinen, dass dem Regisseur McGregor der Albtraum mehr liegt als der Traum; kaum, dass die von der Tochter gelegte Bombe das Postamt verwüstet hat, zieht der Film plötzlich an und entwickelt auch visuell einen eigenen Drive. Die heile Familienwelt bröckelt, bricht zusammen. Paranoia, polizeiliche Überwachung und die Rassenunruhen werfen ihre Schatten auf das einstige amerikanische Vorstadtidyll.

Düstere nächtliche Erkundigungen und eine schockierende Begegnung in einem Hotelzimmer führen den mehr und mehr wie einen Detektiv in einem Raymond-Chandler-Krimi agierenden Vater auf die Spur der Tochter, die sich im ideologischen Sumpf der Gegenkultur verloren hat und für die liberal-mäßigende Haltung ihrer Familie nichts als Verachtung hegt. Aus dem Familiendrama wird ein Thriller, schließlich sogar eine Geistergeschichte, deren volle Ambivalenz in ein versöhnlich-großartiges Schlussbild mündet.

Quelle: teleschau - der mediendienst