Radio Heimat

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Schön wär's gewesen!

Wer hätte nicht gern so eine Klassenreise gemacht? Angehende Oberstufler logieren in Spitzdachhäuschen mit Küche, Schlafzimmer, Kamin und ganz tollen Verstecken für Alkohol. Im Schutze der Dunkelheit sieht auch niemand, wer zu wem in die Unterkunft schlüpft. Aber in "Radio Heimat", nach dem gleichnamigen und anderen Büchern von Frank Goosen, entzündet niemand ein Feuer im Kamin, obwohl das für Teenager doch recht romantisch sein müsste. Da denkt sich jemand ein schmuckes Landschulheim aus, wie es in den 80er-Jahren kaum existiert haben dürfte, und weiß dann nichts damit anzufangen. So steht es mit dem ganzen Film, der an die Lebenserinnerungen der Mittsechziger-Jahrgänge andocken will, aber an ihnen vorbeierzählt.

Dabei erscheint "Radio Heimat" in den ersten Sekunden und Minuten wie ein Film, der leicht zu lieben wäre. Unterlegt mit einer amerikanischen Evergreen-Schnulze, führt der Vorspann als rühriger Mix aus Wochenschaubildern und wackeligen Super-8-Familienfilmchen an seinen Haupthandlungsort heran: Den Ruhrpott, genauer gesagt, Bochum. Ironische Verklärung hebt an. "Wat ne geile Gegend", lobt vor aufgewühlter Bergbau-Erde eine prollig-aufgedonnerte Dame die Schönheit der Landschaft. "Früher war auch scheiße", übersetzt das der jugendliche Erzähler aus dem Off.

Bei ihm handelt es sich um den 16-jährigen Frank (David Hugo Schmitz), Alter Ego des Autors Frank Goosen. Es ist das Jahr 1983. Vor dem Hintergrund unwiderruflichen Zechensterbens rettet Frank Zweckpessimismus und Skurrilität der Betroffenen für das kollektive Gedächtnis. Über das Thema Seitensprung vor der versammelten Familie sinnierend, kommt Onkel Josef (Ralf Richter) gegenüber seiner Angetrauten Henni (Elke Heidenreich) zum Schluss: "Mit einer anderen wär's doch auch nicht besser." Und natürlich berichtet Frank anschaulich von den konventionsbedingten Umwegen, die seine Eltern (Stephan Kampwirth und Sandra Borgmann) für seine Zeugung auf einer Kohlenhalde genommen haben.

Amüsant kontrastiert der gewollt gestelzte Erzählton mit der visuellen Darstellung der kolportierten Ereignisse. Augenzwinkernd spricht Frank auch mal ganz direkt zum Publikum. Aber eigentlich ist das eine bebilderte Lesung, kein Film. Den sollen die Irrungen und Wirrungen der Pubertät rund machen. Mit seinen Kumpels Pommes (Jan Bülow), Spüli (Hauke Petersen), Mücke (Maximilian Mundt) widmet sich Frank dem Mädchenanschmachten und Alkoholexperimenten. Zwar ist die Klassenschönheit Carola Rösler (Milena Tscharntke) frühzeitig als zentrales Phantasma eingeführt. Aber Regisseur und Drehbuchautor Matthias Kutschmann entwertet die vier Jungs lange Zeit zu Fremdenführern für den rustikalen Ruhrpott-Charme und Signalgeber für 80er-Jahre-Nostalgie in Gestalt von Ilja Richter, Hans-Joachim Kulenkampff, "Yps"-Heften und nicht sehr treffend ausgesuchter Musik.

Und als die Bengel endlich im Mittelpunkt stehen, stimmt so gut wie nichts mehr an der beschriebenen Epoche. Unbekümmert um altersbedingte Hemmungen spinnt Kutschmann für den Beginn der Kohl-Kanzlerschaft eine Klassenreise mit erfüllter hetero- wie homosexueller Erotik zusammen. Im Geist der politischen Korrektheit der Gegenwart landet "Radio Heimat" auf dem Pennäler-Schmonzetten-Niveau der frühen 70er-Jahre. Die eigene Schulzeit der 80er-Jahre ist unendlich aufregender gewesen.

Quelle: teleschau - der mediendienst