Magnus - Der Mozart des Schachs

Magnus - Der Mozart des Schachs





Geboren, um zu spielen

"Es ist ziemlich schwierig, cool zu sein, wenn man Schach spielt", meint Magnus Carlsen, gefeierter Rockstar der Schachszene. Dass das Ausnahmetalent es in seiner Jugend tatsächlich nicht einfach hatte, kann Benjamin Ree inzwischen bestätigen. Der norwegische Filmemacher, der seinen Landsmann auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2013 in Chennai begleitete, bekam Zugang zu umfangreichen Archivmaterial aus Carlsens Kindheit und Jugend. Ergänzt um eigene Aufnahmen strickte er daraus die Doku "Magnus - Der Mozart des Schachs", mit der er einen einzigartigen Einblick in die Welt von Springern, Türmen und Damen gibt.

Der Zuschauer darf bereits staunen, noch bevor Magnus' Schachtalent überhaupt zur Sprache kommt. Die erste Hälfte der Dokumentation dreht sich um das Kind Magnus; das Kind, das anders war als andere: Schon als Vierjähriger verlor sich Magnus oft in Gedanken. Statt eine Bewegung durchzuführen, dachte er darüber nach. Ein Buch über Länder, Städte und Flaggen lernte er auswendig, als Altersgenossen noch nicht einmal lesen konnten. Erst sorgte sich sein Vater Henrik um die körperliche Entwicklung des Sohnes, dann bemerkte er dessen außergewöhnliche analytische Fähigkeiten und Kreativität. Bald kam Henrik Carlsen zu dem Schluss, dass Magnus ein hervorragender Schachspieler werden könnte. Die vielen privaten Aufnahmen aus dem engsten Familienkreis vermitteln den Eindruck, als hätten die Eltern schon 1994 gewusst, dass viele Jahre später eine Dokumentation über ihren hochbegabten Sohn gedreht wird.

Auch wenn die Dokumentation vornehmlich Schachliebhaber anspricht, wird das beeindruckende Talent Carlsens auch bei Laien für Bewunderung sorgen: Als 13-Jähriger nahm Magnus an einem Blitzturnier in Reykjavik teil, wo er fast gegen das Schachurgestein Garri Kasparow gewann. Man stelle sich vor, der kleine tennisspielende Johann aus der Nachbarschaft dürfte bei einem Turnier gegen keinen Geringeren, als Großmeister Boris Becker spielen. In dieser Hinsicht ist Schach eine einzigartige Sportdisziplin: junge Nachwuchsspieler treffen auf waschechte Weltmeister und werden als ernsthafte Gegner wahrgenommen. "Der Prinz des Schachs", wie Magnus Carlsen auch genannt wurde, spielte mit 22 Jahren gegen zehn der besten Spieler der Welt - und das blind. Dafür muss er sich ununterbrochen 320 Positionen von Schachfiguren merken.

In der zweiten Hälfte des Films steht das Spiel gegen den damals amtierenden Weltmeister Vishy Anand im Mittelpunkt, das Carlsen 2013 zur Weltmeisterschaft in Indien bestritt. Die Anspannung ist in Carlsens Gesicht gebrannt, er kann mit dem Druck nicht umgehen. Angesichts der wimmelnden Reporter, der hunderten Kameras und des bunten, chaotischen Trubel Indiens ist es kein Wunder, dass ein junger introvertierter Mann kurz vor dem Zusammenbruch steht. Dass er am Ende doch noch den langersehnten Titel holt, kann er seiner Familie verdanken, die ihn unterstützt und ihm scheinbar die Aufregung nimmt. Regisseur Benjamin Ree schafft es stets Spannung aufzubauen und diese zu halten, obwohl der Ausgang des Turniers bekannt sein dürfte. Der Zuschauer leidet mit, wenn Magnus mit zittrigen Fingern die Spielfiguren während des Spiels gegen den tiefentspannten Vishy Anand umkippt. Die Kamera ist überall da, wo Magnus ist.

Erklärungen aus dem Off fehlen gänzlich. Das baut eine intime Atmosphäre auf, die Geschichte bleibt im inneren Kreis Carlsens. Doch für weniger Bewanderte in der Welt des Schachs bleiben einige Fragezeichen bestehen. Regeln und Turnierabläufe werden nicht erläutert, sondern werden als Vorwissen vorausgesetzt. So bleibt "Magnus - Der Mozart des Schachs" vor allem - aber nicht nur - ein Liebhaberfilm für Schachbegeisterte.

Quelle: teleschau - der mediendienst