Heiner Lauterbach

Heiner Lauterbach





"Es gibt saublöde Menschen"

Baseballkappe, schlichtes T-Shirt, Jeans. Drahtig, breite Schultern, fester Händedruck: "Heiner!" So stellt sich Heiner Lauterbach mitten im teils chaotischen Startreiben im Bayerischen Hof zu München vor, wenige Tage vor Kinostart von "Willkommen bei den Hartmanns" (ab 3.11.). Ein Film, der heruntergebrochen wohl als "die Flüchtlingskomödie" in den nächsten Wochen für Diskussionsstoff sorgen wird - allein des Flüchtlingsthemas wegen. Lauterbach spielt darin einen mit dem Alter hadernden Chefarzt, dessen Ehefrau, gespielt von Senta Berger, aus Langeweile und unerfülltem Gluckenbedürfnis einen asylsuchenden Nigerianer einziehen lässt. Klar, dass Lauterbach, der mit 63 einen fitteren Eindruck denn je macht, im Interview vor allem zum alles überstrahlenden Thema "Flüchtlingkrise" Stellung bezieht.

teleschau: Herr Lauterbach, sind Sie ein Gutmensch?

Heiner Lauterbach: Puhh ... Ich hasse diese Modeworte. Gutmensch wird ja mittlerweile als Schimpfwort ausgelegt. Weiß nicht, ob ich das bin. Von den sogenannten "Bahnhofsklatschern" habe ich damals auch gar nichts mitbekommen, weil ich im Ausland war. Ich stehe all dem ambivalent gegenüber.

teleschau: Bei einem TV-Interview gaben Sie sich kürzlich zum Thema positiv gestimmt.

Lauterbach: Es ist gut, dass wir eine Frau an der Spitze unseres Landes haben, die empathisch ist, die sich für Menschen einsetzt, ihnen helfen möchte. Das ist doch etwas, wogegen auch der größte Idiot eigentlich nichts sagen kann. Dass das Ganze nicht so leicht zu handhaben ist, wurde in der ersten Euphorie vielleicht nicht ganz durchdacht. Aber das ist doch auch nur menschlich. Jetzt müssen wir sehen, wie wir das vernünftig lösen - für alle Teile der Gesellschaft vernünftig lösen.

teleschau: Und an welchem Punkt setzt Ihre Ambivalenz ein?

Lauterbach: Mir geht es da nicht um Gefühl und Empathie. Es ist etwas sehr Erstrebenswertes und für mich sehr Wichtiges, dass wir Menschen miteinander leben und uns gegenseitig helfen. Doch ich glaube nicht, dass es keine Obergrenze gibt. Wo man eine zieht, darüber kann man diskutieren. Wenn man nun aber in dieser vollvernetzten Welt vermittelt, hier gebe es unbegrenzte Möglichkeiten, dann werden wir in einem unbegrenzten Chaos enden. Da muss man kein Philosoph sein, um das zu erkennen.

teleschau: Nachdem Sie bei Facebook den Trailer zu "Willkommen bei den Hartmanns" mit ihren Fans teilten, schrieb eine Nutzerin als Kommentar: "Wieviel [sic!] bekommen sie bezahlt um ihr eigenes Land zu verraten? [...] SCHÄMEN SIE SICH." Wie erleben sie diesen Umgangston im Netz?

Lauterbach: So was geht an mir vorbei. Das Netz ist eben eine Plattform für jeden. Bei acht Milliarden Menschen kann man sich vorstellen, wie viele Idioten da rumlaufen. Es gibt ganz tolle Menschen, aber auch unglaubliche Arschlöcher. Menschen, die gar widerlich sind, Mörder, Vergewaltiger. Und saublöde Menschen gibt es auch. Darüber muss man sich im Klaren sein. Man sollte versuchen, alle Menschen gleich zu behandeln, auch wenn sie nicht gleich sind. Doch es wird immer gehirnamputierte Arschgeigen geben, die meinen, sie müssten in ihrem stillen Kämmerlein das Maul aufreißen.

teleschau: Im Fadenkreuz dieser Hetze befindet sich auch oft die Presse. Wie bleiben Sie informiert?

Lauterbach: Es gibt bei mir Phasen, da schaue ich im TV nur Sport. "Tagesschau" macht ja meistens nur depressiv. Aber ich spüre in mir keinen Vertrauensverlust gegenüber den Medien. Die Bomben, die in den Nachrichten fallen, die wirft ja nicht die Presse ab. Vielmehr die Politik ist es, die desillusionierend ist. Nichtsdestotrotz stehe auch ich im Leben und verschließe mich dem Ganzen nicht vollends. Man nehme nur den amerikanischen Wahlkampf: Dass die in diesem Land keinen vernünftigen Präsidentschaftskandidaten finden ... Man will mir doch nicht erzählen, dass ein Typ wie dieser Trump das Beste ist, was vorhanden war.

teleschau: Aus Ihnen spricht Politikverdrossenheit.

Lauterbach: So weit würde ich dann doch nicht gehen. Ich habe großen Respekt vor dem Beruf eines Politikers. Es ist wahnsinnig schwierig, ein Volk unter einen Hut zu kriegen. Viele Dinge, die man der Politik ankreiden kann, also Korruption, Verrat, Betrug, von all dem sind wir hier doch weit entfernt. Es ist ein sauschwerer Job, bei dem permanent auch Fehler gemacht werden. Aber wo nicht?

teleschau: Regisseur Simon Verhoeven sagte im Vorfeld des Films, dass es zu seinen Lebzeiten noch kein Thema gab, das so wie die Flüchtlingskrise die Gesellschaft bewegte. Können Sie sich dagegen an etwas Vergleichbares erinnern?

Lauterbach: So gespalten hat uns bisher wohl noch nichts, das stimmt. Vielleicht die 68-er mit ihrer APO-Bewegung - gegen das Establishment. Aber das ging auch an vielen Menschen vorbei. Für viele war das eine linke Randabspaltung, die in den Unistädten aktiv war. Bei der Flüchtlingskrise ist dagegen ein Riss sichtbar, der quer durchs Land geht. Aber von einigen Extrem-Schwachköpfen mal abgesehen, sind wir doch gar nicht so weit auseinander. Die, die sagen, man müsste zehn Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen, auf der einen Seite, und die, die meinen, wir müssten hier unter "uns Ariern" bleiben auf der anderen, all die sind doch klar in der Minderheit.

teleschau: Sie glauben also noch an eine starke Mitte ...

Lauterbach: Jeder vernünftige Mitbürger weiß doch, dass die Flüchtlingskrise viele Widersprüche in sich birgt und kein klares "Ja" und "Nein" zulässt. Ich glaube schon, dass die Mehrheit der Deutschen gut findet, wenn Menschen, die in Not sind, geholfen wird. Und ich sage immer: Wer Flüchtlingsheime anzündet oder sei es nur dort Angst verbreitet, sollte sich mal in die Lage eines Menschen versetzen, der seine Familie schnappt, sein allerletztes Geld zusammenkratzt, es irgendwelchen kriminellen Schiebern gibt und sich in ein Schlauchboot drängt. Solche Leute wissen, dass sie damit das eigene und das Leben ihrer Familie aufs Spiel setzen. Man muss sich nur vorstellen, wie es einen Menschen gehen muss, der dieses Risiko eingeht.

teleschau: Wie reden Sie mit Ihren noch jungen Kindern über solche Themen?

Lauterbach: Ich war gerade in Indien, genauer in Mumbai für einen Dreh. Jeden Tag sagte ich mir: "Es ist eine Schande, dass die Kinder nicht dabei sind." Ich hätte ihnen diese Armut gerne gezeigt. Ich predige ihnen ständig, dass sie sich umschauen müssen und sich selbst vor Augen führen sollten, wie schön ihr Leben ist, was sie alles haben und das alles nichts bedeutet, wenn sie das nicht zu würdigen wissen. Sie sollen wissen, dass es anderen Menschen schlecht geht auf dieser Welt. Das sollte jeder in seinem Bewusstsein tragen und danach handeln. Es wäre gut gewesen, wenn sie die Umstände in Indien gesehen und die Straßen dort gerochen hätten. Doch das alles zu vermitteln ist schwer. Kinder passen sich unglaublich schnell an, die angenehmen Dinge im Leben werden schnell als selbstverständlich angesehen. Das Abstrahieren muss man ihnen erst beibringen.

teleschau: Was kann jeder Mensch tun, dass die Integration gelingt?

Lauterbach: Wir helfen als Erstes natürlich schon mal mit unseren Steuergeldern, davon wird das Ganze ja finanziert. Doch das beste Rezept für die Integration habe ich nicht, da gibt es andere Experten, die sich damit beschäftigen. Was es benötigt, sind sicherlich Langzeitprogramme. Zuerst: Es ist überhaupt nicht damit getan, die Flüchtlinge nun in diese Lager zu sperren und ihnen nicht zu ermöglichen, zu arbeiten. Testosterongesteuert sitzen die da rum und schieben Frust. Das ist keine Lösung. Doch alles muss mit einer Rücksichtnahme auf die Bevölkerung passieren. Rufe wie: "Die nehmen mir meine Arbeit weg" waren ja schon zu hören, bevor überhaupt ein Flüchtling arbeiten durfte. Bis zu einem gewissen Grad ist der Mensch eben doch egoistisch.

teleschau: Aus Ihnen spricht trotz allem ein Grundoptimismus - auch die Ereignisse in Ihrer Heimatstadt Köln in der Silvesternacht konnten Sie nicht davon abbringen?

Lauterbach: Das verfolgte ich wie jeder andere auch. Natürlich ist das scheiße, dass sich die Typen so benommen haben. Und auch wenn die Polizei wohl nicht optimal reagiert hat: Ihnen das in die Schuhe zu schieben, ist Unsinn. Das größte Problem war, dass diese Männer das gemacht haben, gegenüber Frauen übergriffig wurden. Das ist widerlich. Und wenn man irgendwo zu Gast ist, dann gleich doppelt. Aber auch hier gilt: Es gibt solche und solche, wie bei uns auch. Überall auf der Welt. Man sollte die anderen Flüchtlinge nicht dafür bluten lassen.

teleschau: Und uns alle beruhigen ...

Lauterbach: Genau. Und sowieso: Völkerwanderungen gab es schon immer, teilweise in einem riesigen Ausmaß. Immer mischten sich die Rassen, was sehr gut und gesund ist. Da müssen wir nun durch, damit müssen wir leben. Das werden wir schon hinkriegen. Für manche ist das vielleicht nicht so einfach, doch was ist schon einfach?

Quelle: teleschau - der mediendienst