Von Hammer nach Hollywood

Von Hammer nach Hollywood





Der Filmemacher Korbinian Dufter war als "Shocking Shorts Award"-Sieger Hospitant in der Traumfabrik

Den Namen darf man sich getrost merken: Korbinian Dufter, 28, gewann im Juni mit seinem Kurzfilm "Pistenzauber" den vom Pay-TV-Sender 13th Street ausgelobten "Shocking Shorts Award" in München. Sein Preis war die Teilnahme am Universal Filmmasters Programm in Los Angeles. Dufter, der Regie (Dokumentarfilm) an der HFF in München studierte, arbeitet heute überwiegend als Produzent und ist nun nach seiner Kalifornienreise nicht nur um viele Erfahrungen und Eindrücke reicher, sondern auch um ein dickes Lob von höchster Stelle. "Korbinian ist sehr talentiert, scharfsinnig und zugleich lernwillig. Damit trifft er genau den Geschmack der führenden Leute und Entscheidungsträger hier in Hollywood. Wir mochten alle Filmmasters aus Deutschland, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, aber ihn mochten wir besonders", schwärmte Peter Cramer, President of Production bei NBCUniversal, über den Gast aus Deutschland.

Dass der Mann aus Traunstein nicht irgendein junger deutscher Filmemacher ist, dürfte den Executives von NBCUniversal spätestens am letzten Tag des Filmmasters-Programms klargeworden sein. Produktionschef Cramer, nominell die Nummer zwei hinter Donna Langley beim größten Major-Studio der Traumfabrik, hatte Dufter zum Abschluss seines zweiwöchigen Hollywood-Workshops zu einem Vieraugengespräch gebeten.

Zwei Wochen lang hatte Dufter Produzenten, Agenten, Marketingstrategen, den Direktoren aller wichtigen Abteilungen bei Universal seine Arbeit präsentiert. Ohne dass Dufter groß gefragt wurde, ließ er Cramer wissen, dass ihm die hauseigene Literaturverfilmung "Girl on the Train", die er abends zuvor in einem Mitarbeiter-Screening sehen konnte, so gar nicht gefallen habe. Zu sehr Mainstream und viel zu mutlos, wie das denn sein könne bei einem derartigen Multimillionen-Dollar-Projekt. "Well", setzte Cramer im Gegenangriff zur Replik an, und Dufter stellte sich wohl insgeheim auf eine Standpauke für sein vorlautes Mundwerk ein. Wenn er ehrlich sei, erwiderte Cramer, dann hätte ihm der Film auch nicht gefallen. Wäre die Romanvorlage kein Weltbestseller gewesen, das Studio hätte den Film nie gemacht. Ende der Durchsage. Der junge bayerische Regisseur und das Business-Einmaleins einer Milliardenindustrie: Nicht der Stoff steht im Vordergrund, sondern die Vermarktbarkeit.

Los Angeles im Oktober 2016. Die kalifornische Sonne brennt wie immer auch im Herbst, doch vieles ist neu im Amerika der Gegenwart. Über die TV-Bildschirme wütet Donald Trump in nie gehörter Niveaulosigkeit, im Hotel tragen junge schwarze Frauen T-Shirts mit einer Botschaft, die wieder sein muss: "Black Lives Matter". Und die Billboards am Sunset Strip bezeugen einen Wandel, auf den die Filmindustrie dringend eine Antwort sucht: Die riesigen Werbeplakate zeigen keine Blockbuster-Filme mehr wie einst, dafür die neue Erzählkunst. Serien wie "Supergirl" und "Westworld", "Falling Water" oder "Goliath". Comedys und Superheldengeschichten. Absender sind nicht mehr die großen Filmstudios, sondern Amazon, YouTube oder Netflix.

Korbinian Dufter war bis zu seinem Besuch nie ein glühender Amerika-Fan, wie man das von einem Filmemacher vielleicht erwarten würde. Direkt vor dem "Filmmasters" unternimmt er eine Entdeckungsreise. Dufter fährt mit dem Auto durch Kalifornien: Yosemite, Death Valley, Grand Canyon, Highway No. 1. "4.000 Kilometer in zwei Wochen durch ein Land so groß, dass man es mit der Angst bekommen könnte", ist Dufter sichtlich beeindruckt. Vielleicht tragen deshalb so viele hier Waffen, und Hollywood macht einen Superheldenfilm nach dem anderen. Die Traumfabrik als Antwort auf den amerikanischen Minderwertigkeitskomplex.

Korbinian Dufter ist eine Art Gegenentwurf zum amerikanischen XXL. Ein auf den ersten Blick unscheinbarer junger Mann mit Zweitagebart, den etwas zaghaft Intellektuelles umweht. In Hammer, einem 700-Einwohner-Dorf bei Traunstein am Chiemsee geboren und mit erstaunlichen Talenten belegt. Beide Eltern Lehrer, fünf Geschwister, er selbst hat Klavier, Schlagzeug und Oboe gelernt, später im Bayerischen Landesjugendorchester gespielt. Sein bester Freund lebte direkt am Skilift. Vormittag Skifahren, Mittagessen zu Hause, Nachmittag Skifahren, so sah Korbinians Kindheit aus.

"Viel los war da natürlich nicht", erzählt er in Los Angeles. "Aber ich mochte das, die Natur, die Berge, die Freundschaften. Mich hat da nichts eingeengt." Das hat ihn nicht davon abgehalten "Pistenzauber" zu drehen, eine schwarzhumorige Thrillersatire über den ganzen Irrsinn der Winterindustrie. Im Juni gewann er damit den prestigeträchtigen deutschen Filmpreis "Shocking Shorts Award" des NBCUniversal-Senders 13th Street und die Einladung nach Hollywood.

In dem Kurzfilm lässt Dufter in der Silvesternacht einen Touristen mit einer Pistenraupe überfahren und im Schnee verschwinden. Selbst die Polizei will nichts hören, was das Geschäft vermiesen könnte. Dass vor Jahren im Ötztal tatsächlich ein kanadischer Tourist verschwand, ist natürlich kein Zufall. "Mich interessiert ein Stoff dann, wenn er eine lebensrelevante Substanz hat und gleichzeitig das Zeug, viele Menschen zu unterhalten", erklärt Dufter im "The Grill" auf dem Studiogelände seine Motivation. Er hat auch einen Film über den Totenkult in Mexiko gemacht, auch das sei für ihn relevant. Steven Spielberg isst im "Grill" regelmäßig zu Mittag.

Zwei Tage zuvor. Heidi Moneymaker hat Korbinian Dufter in ihr Gym nach Inglewood eingeladen, 30 Minuten Autofahrt von Hollywood. An der Wand steht groß "Action designed Company", daneben ein Regal mit Speeren, Lanzen, Stichwaffen aller Art. Heidi Moneymaker, eine ehemalige Spitzengymnastin, ist Scarlett Johanssons persönliches Stuntdouble und ein Star in der Actionszene. Mit Ihrem Mann Chad hat sie die Kampfzenen in "Matrix", "Fight Club" und den "Avenger"-Filmen inszeniert. Hinten auf ihrem Muskelshirt steht "Train like a girl", wenn sie redet, knackt sie ihre Fingerknöchel. Moneymaker will Dufter zeigen, wie man echte Hollywood-Action inszeniert. Sie drückt ihm eine Kamera in die Hand, er soll zwei Kollegen beim Fight filmen, am Ende hat Korbinian Dufter seinen ersten kleinen Actionfilm im Kasten.

Mit 15 bekam Dufter seinen ersten Mini-Camcorder geschenkt. Seine Erdkunde-Facharbeit war kein Text, sondern eine 40-Minuten-Doku zum Transitverkehr im Alpenraum. "Ich dachte, es muss was Episches werden", erinnert sich Dufter. Der Film wurde als eine der besten Facharbeiten Bayerns ausgezeichnet, das sprach sich herum im Chiemgau. Firmen klopften an für Werbefilme, mit 18 meldete er eine erste kleine Filmfirma an, mit 20 Jahren war er einer der jüngsten Studenten in der Geschichte der HFF in München. 2010 gründete er mit zwei Studienkollegen seine eigene Produktionsfirma (NEUESUPER GmbH), die in diesem Jahr mit der ZDFneo-Serie "BLOCKBUSTAZ" einen Überraschungserfolg landete.

Seit zwei Jahren können die drei davon leben. Wenn überforderte Eltern aus der Plattenbausiedlung ihr Kind den ganzen Tag im IKEA-Bällebad betreuen lassen, dann ist das nicht nur urkomisch, sondern der Realität präzise abgeschaut. Dufters Humor, der immer die Balance hält zwischen bitterböse und kalauerlustig, kam bei den Amerikanern überraschend gut an. "Eine Marketing-Direktorin von Warner Brothers sagte zu mir, wir suchen nach genau dieser Tonalität, die so schwierig hinzubekommen ist", so Dufter. "Sie verglich 'Pistenzauber' mit 'Fargo' von den Coen-Brüdern, das war das schönste Kompliment."

Der letzte Abend in LA. Dinner im "Eveleigh", einem angesagten Laden am Sunset. Es gibt Kürbissalat und Hühnchen, dazu einen gut gekühlten Vermentino. Die US-Schauspielerin Q'orianka Kilcher stößt dazu, sie ist selbst in Deutschland geboren und neugierig auf den Besuch aus der alten Heimat. Kilcher hat gerade einen Western mit Christian Bale abgedreht, berühmt wurde sie 2005 als Pocahontas in der Terrence-Malick-Verfilmung "The New World" an der Seite von Colin Farrell.

Kilcher erzählt von ihrem Alltag in Hollywood, ihren berühmten Freunden, den Söhnen und Töchtern mit klingenden Nachnamen wie Redford oder Eastwood, auch von ihren Sorgen und Glücksgefühlen. Dufter und Kilcher haben sofort einen Draht zueinander, auch weil sie nicht glaubt, in einer anderen Liga zu spielen als er. Augenhöhe statt Arroganz, auch das ist typisch amerikanisch. "Der Spirit in der Stadt ist", erklärt Kilcher, "keiner will hier das nächste große Talent, den nächsten großen Film, den nächsten hotten Shit verpassen."

Das kommt dem Youngster aus Traunstein, der zeigen will, was er kann, entgegen. In Deutschland bereitet er mit seiner Firma gerade einen Film fürs Kino vor, eine biografische Verfilmung fürs Fernsehen und eine Drama-Serie für ein Streaming-Portal. Nach zwei Wochen mittendrin in der Fabrik, die aus Träumchen was Episches machen kann, sagt Dufter: "Am Ende kochen die hier auch nur mit Wasser, nur der Topf, in dem sie kochen, ist viel, viel größer."

(Ab 1. November können Kurzfilme aus den Genres Action, Krimi, Thriller, Mystery oder Horror für den Shocking Shorts Award 2017 eingereicht werden. Voraussetzung: Die Filme dürfen nicht älter als zwei Jahre und maximal 30 Minuten lang sein. Weitere Informationen unter: 13thstreet.de.)

Quelle: teleschau - der mediendienst