Lady Gaga

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Kein Pop-Alien mehr

Lady Gaga ist spät dran. Drei Stunden hängt sie ihrem Zeitplan hinterher - und ist dennoch bester Laune. Kaum hat man die Suite im Waldorf Astoria mit Blick über Berlin betreten, gibt es auch schon eine Umarmung von der New Yorker Künstlerin. "Danke, dass du hier bist", sagt sie. Stefani Joanne Angelina Germanotta alias Lady Gaga ist in der Stadt, um ihr fünftes Album "Joanne" zu promoten. Dabei plaudert die 30-Jährige locker über Freiheit, Herzschmerz und ihre Schauspielkarriere.

Lady Gaga sieht anders aus, als man es von ihr gewohnt ist: Sie trägt eine schwarze, abgeschnittene Hose, die gerade mal ihr Gesäß verdeckt. Dazu eine Leo-Bluse, kniehohe Stiefel und eine kreisrunde Sonnenbrille, wie sie John Lennon einst populär machte. "Oftmals haben mir Leute unterstellt, ich würde mich hinter den extravaganten Kostümen verstecken", meint sie darauf angesprochen. "Aber eigentlich war es für mich immer das genaue Gegenteil: nämlich eine Enthüllung meines künstlerischen Ichs durch die Mode. Es ist Ausdruck davon, was ich kreativ mache. Es reflektiert, wie ich mich gerade innen drin fühle. Und derzeit fühle ich mich unheimlich frei."

Wie eine von Liebesschmerz geschüttelte Künstlerin wirkt sie nicht gerade. Auch wenn sie auf ihrer ersten Single wissen lässt: "It wasn't love, it was a perfect illusion." Hinter der Zeile vermuten Eingeweihte einen Diss in Richtung ihres Ex-Verlobten, des Schauspielers Taylor Kinney, von dem sie sich vor drei Monaten trennte. "Der Song hat viele Bedeutungen", entgegnet Lady Gaga. "Liebe hat die Macht, deine Seele zu vergiften. Sie kann dich aber auch so high machen, dass du gar nicht realisierst, dass deine Beziehung nicht echt war, sondern nur eine perfekte Illusion." Dabei, so sagt sie, machen wir uns alle ständig etwas vor: "Wir kreieren Wunschvorstellungen mithilfe von Instagram, Facebook und Co. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe mit den vielen Bildern von mir auch jede Menge Illusionen verbreitet." Man denke nur an Lady Gagas berühmt-berüchtigtes Fleischkleid ...

Diesmal will sie Leute durch ihre Musik vereinen. "Es ist für mich eine schöne Vorstellung, dass ich mit den neuen Songs Verbindungen zu Menschen aufbauen kann, die sich nie hätten vorstellen können, dass sie irgendwelche Gemeinsamkeiten mit mir hätten, weil sie mich bisher für ein Pop-Alien hielten." Lady Gaga will eben nicht mehr Pop-Alien sein - zumindest nicht diesmal. "Joanne" ist ihr fünftes Album. Wo steht es im Vergleich zu den anderen? "Die anderen Platten waren Konzeptalben: Bei 'The Fame' und 'The Fame Monster' ging es um Ruhm, bei 'Born This Way' um sozialen Aktivismus und Akzeptanz von Minderheiten. Bei 'Artpop' war die Kunst als solches das Konzept. Und diesmal präsentiere ich einfach nur ein Bündel von Songs über mein Leben. Jedes Stück auf 'Joanne' ist komplett autobiografisch."

Die fünf Songs, die es vor dem Interviewtermin zu hören gab, klingen dann auch merklich organischer als das, was die Sängerin noch auf ihrem letzten Werk "Artpop" gemacht hat, das von Kritikern und dem Publikum eher zwiespältig aufgenommen wurde. "Meine Musik ist diesmal mitunter voller Wut und Energie. Um das rauslassen zu können, muss ich mich geerdet fühlen", meint die Lady aus New York über ihre neue musikalische Ausrichtung.

Schlicht "Joanne" hat sie das Album betitelt - was nicht nur einer ihrer Mittelnamen ist, sondern auch der Rufname ihrer verstorbenen Tante, die für das Werk als Inspiration diente: "Sie war eine Dichterin und Malerin, aber es war ihr nicht möglich, etwas von ihren Arbeiten zu veröffentlichen." Der Superstar sehe sich nun in der Verantwortung, das zu Ende zu führen, was ihre Tante begonnen hat: "Ich lebe das Leben, das Joanne niemals leben konnte. Und ich sage mir immer wieder: Lebe jeden Tag in vollen Zügen, weil sie es nicht konnte."

Die Aufnahmen waren da schon ein guter Anfang. Denn wenn man sich die illustre Gästeliste ansieht, verspricht die reichlich Leben im Studio: Mark Ronson, Florence Welch, Beck, Kevin Parker von Tame Impala und Josh Homme von Queens Of The Stone Age sind nur einige der Kollaborationspartner. "Ich fühle mich gesegnet, mit all diesen Künstlern am Werk gearbeitet zu haben. Es ist so, als wäre ich in den Jungsclub aufgenommen worden. Und das lässt mich unglaublich stark als Frau fühlen. Ich hoffe, dass dies andere Künstlerinnen inspiriert." Beruflich läuft es derzeit rund bei Lady Gaga: Sie hat den Golden Globe als beste Schauspielerin für ihre Rolle als Elizabeth in "American Horror Story" gewonnen, eine Oscar-Nominierung für ihren Soundtrackbeitrag "Til It Happens To You" (für "The Hunting Ground") erhalten, und auch ihr Duett-Album mit Tony Bennett aus dem Jahr 2014 kam prima an. "Aber ich weiß auch, wie schnell sich so etwas ändern kann."

Als sie 2008 ihre erste Single "Just Dance" veröffentlichte, waren alle begeistert von der neuen Sängerin mit dem Synthesizer und dem Piano. "Aber wenn du dann die Nummer eins bist, ist das wie ein Marathon-Lauf. Du sprintest und sprintest. Ich bin so viel gesprintet, dass ich mich an die Jahre 2007 bis 2013 kaum mehr erinnern kann." Und es wird weitergesprintet: 2017 wird die im März dieses Jahres im Club der 30-er angekommene Entertainerin in der Hauptrolle der Neuverfilmung von "A Star Is Born" an der Seite von Bradley Cooper zu sehen sein: "Das ist sehr emotional für mich. Denn es war immer ein Traum von mir, eine große Dame in einem Hollywood-Film zu spielen." Werden wir Lady Gaga bald ganz ans Schauspiel verlieren? "Nein, niemals!", ruft sie. "Ich will auf jeden Fall wieder auf Tour gehen."

Quelle: teleschau - der mediendienst