Oliver Kalkofe

Oliver Kalkofe





Abrechnung mit dem kleinen Hasser von nebenan

Oliver Kalkofe hat die Schnauze voll - und zwar diesmal ganz ohne Witz. "Merkel-Bückling", "Pimmelgesicht", "Politspasti", "System-Stricher" ... - Die Liste, der Beleidigungen, mit denen der Comedian aus der rechtslastigen Ecke besorger Wutbürger in den Sozialen Medien bedacht wird, ließe sich noch sehr lange fortsetzen. Aber erstens ermüdet die geballte Unflätigkeit irgendwann, zweitens wäre man alsbald in nicht mehr jugendfreien und vor allem in justiziablen Bereichen. Überhaupt: Die bloße Wiederholung von Beleidigungen macht diese ja nicht orgineller. Fakt ist, und das berichtet nicht nur der Shitstorm-erprobte TV-Satiriker Kalkofe, dass der Hass ungeahnte, indiskutable Ausmaße angenommen hat. Am Donnerstag hat der 51-Jährige auf seiner Facebookseite eine mehrteilige "Hate-Mail-Collection" gepostet, die erschreckend ist, aber eben in dieser massiven Form auf beinahe unterhaltsame Weise auch entlarvend. "Das Beste, was man gegen die geballte Dummheit tun kann, ist, ihr mal eine Plattform zu geben: sie bloßzustellen, indem man sie durch ihre eigenen, sinnentleerten Äußerungen selbst enteiert", erklärt Kalkofe.

teleschau: Herr Kalkofe, von Ihnen stammt der schöne Satz: "Man muss das Schlechte umarmen, dann ist es schon nicht mehr so schlimm." Aber anscheinend ist Ihnen die Lust aufs Kuscheln vergangen: Auf Ihrer Facebookseite bündelten Sie in einer Serie von Posts unzählige Hasskommentare. Was hat Sie dazu bewogen?

Oliver Kalkofe: Das mache ich zwischendurch immer mal ganz gerne, wenn es mir zuviel wird. Dass man mit diesen hasserfüllten Menschen nicht diskutieren oder sich auch nur ansatzweise vernünftig auseinandersetzen kann, habe ich schon länger begriffen. Das Beste, was man gegen die geballte Dummheit tun kann, ist, ihr mal eine Plattform zu geben: sie bloßzustellen, in dem man sie durch ihre eigenen, sinnentleerten Äußerungen selbst enteiert.

teleschau: Eigentlich ist ja die Parodie Ihr Stilmittel ...

Kalkofe: Schon, nur ist es manchmal schwer, derart wild wuchernde Dummheit noch als Satire abzubilden. Das Original ist sozusagen besser als es jede Parodie. Die Absonderer solch formelhafter Hasskommentar-Phrasen sind selbst der beste Witz - wobei es einem manchmal auch eiskalt den Rücken runterlaufen würde, wenn man sie ernst nehmen könnte.

teleschau: Allerdings gehört es zu Ihrem Job, eine gewisse Feindseligkeit zu generieren. Sie polarisieren seit jeher.

Kalkofe: Ja. Ich bin einiges gewöhnt. Mal waren es erboste Schlagerfans, dann wieder Fernsehleute und gerne auch die versammelten Esoteriker, die mich zum Kotzen fanden und das gerne zum Ausdruck brachten. Alles toll, ich bin eigentlich mit großem Vergnüngen Feindbild und ein Fan liebevoll gepflegter Feindschaften. Aber was in letzter Zeit aus der rechtslastigen Ecke der selbst ernannten "besorgten Wutbürger" ertönt, hat eine andere Qualität. Gerade in meinem Bereich: Comedians, Kabarettisten, Entertainer - viele Kollegen fragen sich, was da gerade in der Gesellschaft los ist und wo dieser eruptiv explosionsartig heraussprudelnde Hass herkommt.

teleschau: Wie ordnen Sie diese Wut, die sich da Bahn bricht, ein? Vieles ist erschreckend persönlich ...

Kalkofe: Das meiste ist die klassische heimliche Hetze vom heimischen Sofa aus. Die Frage ist, warum jede Art der Kritik plötzlich derart hasserfüllt wurde und plötzlich auch nicht mehr einzeln und verschämt, sondern so dreist auf breiter Front daherkommt. Ich frage mich: Wo waren all diese aufrichtigen Bürger bevor es Social Media gab? Und vor allem: Wo waren sie vor der sogenannten Flüchtlingskrise? Wo waren sie, bevor sie durch Pegida und AfD ein vorgetäuscht liberales Sprachrohr und durch die Flüchtlinge eine simple Antwort auf alle persönlichen Probleme fanden? Da ging denen die Politik doch am Arsch vorbei, da konnten sie sich nur allein zu Hause oder in der Kneipe aufregen.

teleschau: Haben Sie Antworten?

Kalkofe: Wahrscheinlich ist es einfach so, dass sie sich jetzt nicht mehr so alleine fühlen und deshalb aus der Deckung kommen. Endlich können sie ihre Wut rauslassen und erleben dabei noch ein Gemeinschaftsgefühl - das ist das relativ Neue daran. NPD, DVU et cetera waren Randerscheinungen, die AfD, Pegida und so weiter agieren inhaltlich zwar rechtsaußen, stellen sich aber scheinbar in der liberalen Mitte auf, wodurch es leichter wird, sich ihnen anzuschließen. Außerdem ist es bequem. Gemeinsam laut pöbeln und grölen ist nun mal leichter und lustiger, als still nachzudenken oder sachlich zu diskutieren.

teleschau: Und dabei kann nichts Originelles rauskommen ...

Kalkofe: Ja. Alle wichtigen Parolen kursieren ja schon als fertiger Phrasen-Setzkasten, man braucht sie nur noch laut schreiend nachzuplappern. Wenn ich die Postings anschaue, beschimpft man mich ja mit den fast immer gleichen Versatzstücken: Gutmensch, Systemclown, linksversiffter Kinderficker, Merkel-Bückling und, besonders schön, von der Politik und Staatsfernsehen gesteuerter Volksverräter. So falsch, da ist nicht mal das Gegenteil richtig! Aber ich bin gar nicht wirklich das Thema, es geht letztlich immer nur um Flüchtlinge - und dass man das eigene Volk verrät, wenn man ihnen hilft. Hier hat man sich einfach das leichteste Opfer gesucht, das man bequem für alle gefühlten Missstände verantwortlich machen kann. Und wer das nicht so sieht, ist halt von der Lügenpresse manipuliert oder ein lachhafter Gutmensch. So was gab es leider schon immer. Was dann als vermeintliche Kritik geäußert wird, ist einfach plakativ, pubertär und dumm. Nachgeplapperter und immer gleicher Müll - aber man fühlt sich in der Gemeinschaft aufgehoben.

teleschau: Nur gibt es auf einmal immer mehr davon.

Kalkofe: Ja natürlich. Weil Hetze und Wutreden, da dürfen wir uns bei AfD und Pegida bedanken, nicht mehr ganz so bösartig und exotisch daherkommen wie früher, sondern den Anstrich von Mitte-Rechts-Mainstream haben und man selbst die gefährlichsten Äußerungen als "Protest" tarnen kann. Zudem hat man in diesem Lager mit dem "Flüchtling" einen gefährlichen Gegner ausgemacht, dem man für absolut alles, was im Staat schiefläuft, die Schuld geben kann - und endlich darf man den beim Namen nennen. Jeder blinde Hetzer kann heute behaupten, er sei bloß ein besorgter Bürger, der einfach mehr versteht als die dumme gutgläubige Masse. Und jeder, der im Grunde bloß in sein eigenes Arschloch guckt, glaubt plötzlich, er habe den ultimativen Durchblick.

teleschau: Eine Gemengelage, die an allerschlimmste Zeiten erinnert.

Kalkofe: Ach, das funktioniert leider schon immer und überall, da muss ich nicht das Dritte Reich bemühen. Was mich wirklich erschreckt, ist, dass die Stufe des reinen Pöbelns hier und da schon überwunden wurde und bereits zu physischer Gewalt gegriffen wird. Da sind viele Hemmschwellen in erstaunlich schneller Zeit gefallen. Nicht nur bei uns. Schauen Sie nach Amerika. Auch der US-Wahlkampf befeuert ja diese Stimmung: Da ist ein Donald Trump, der sich seine Realität selber gestaltet und jedes Gegen-Argument einfach gar nicht mehr wahrnimmt. Was gegen ihn ist, das ist gelogen und von der Lügenpresse erfunden, und wenn er die Wahl verliert, war diese manipuliert - und er wird von Millionen Leuten dafür beklatscht. So dämlich das erscheinen mag - der kleine Hasser von nebenan denkt sich: Geiler Typ, endlich traut sich einer was und sagt das, was ich auch denke.

teleschau: Nämlich nichts?

Kalkofe: Oh, seien Sie bloß vorsichtig! Sonst sind Sie ganz schnell der systemgesteuerte, böse System-Stricher der Lügenpresse! Das Ganze ist ein Virus, der sich anscheinend auf der ganzen Welt ausbreitet. Vielleicht ist ihr Nachbar oder ein Facebookfreund schon infiziert ...

teleschau: Mal ernsthaft: Sorgen Sie sich?

Kalkofe: Ja, es macht mir Angst. So viel angestauter Frust gepaart mit Dummheit - das ist eine explosive Mischung. Wobei ich ganz klar sage: Es gibt bestimmt unzählige Gründe, um auf Staat und manche gesellschaftliche Entwicklungen wütend zu sein. Viele sind nachvollziehbar. Aber es ist die Frage, wie man diese Wut rauslässt. Denken und diskutieren ist halt immer auch anstrengend und macht bei vielen Aua im Kopf.

teleschau: Was ist zu tun?

Kalkofe: Ich dachte eine Zeit lang: Ach, beachte die doch gar nicht! Aber inzwischen bin mir sicher, dass es falsch wäre, nur die Augen zuzumachen und diese Auswüchse totzuschweigen. Das ist wie eine Krankheit, sie geht nicht einfach von selber weg, nur weil man sie ignoriert. Also Augen auf und durch: Ich halte dagegen, mache meine Sendung, bleibe böse und standhaft, keine Sorge (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst