Wolfram Koch

Wolfram Koch





Schauspiel aus Leidenschaft

Im starken Thriller "Dead Man Working" (Mittwoch, 02.11., 20.15 Uhr, ARD) zeigt Wolfram Koch, dass er auch außerhalb der Frankfurter "Tatort"-Krimis ein faszinierender Schauspieler ist. Theaterkenner wissen das seit langem. Koch gilt als einer der Besten seiner Generation. Als toter Top-Investment-Banker, dessen letzten Tage im Rückblick erzählt werden, zeigt der 1962 in Paris geborene Bühnen-Berserker, dass er einen Film auf verstörend intensive Weise zu tragen versteht. Privat ist der Wahl-Frankfurter hingegen überzeugter Familienmensch, Vater von vier Kindern und dennoch als Schauspieler ein Extremist. Nicht zuletzt in seiner Entscheidung, das bequeme und gut zahlende Fernsehen der harten Bühnenexistenz ein Leben lang unterzuordnen.

teleschau: In Zukunft werden viele hochqualifizierte Berufe durch Künstliche Intelligenz ersetzt, sagen Experten. Sie meinen aber auch, Schauspielerei wäre krisensicher ...

Wolfram Koch: Wenn dem so ist, wäre das zumindest eine schöne Ironie der Geschichte. Ich bin Schauspieler geworden, weil ich intensiv Schultheater spielte und es mir nach dem Abitur einfach logisch und natürlich erschien, damit weiterzumachen. Niemand aus meiner Familie war Schauspieler. Alle haben mich belacht, wenn ich sagte, was ich mache. Doch man sollte das tun, wofür man brennt, und das war bei mir immer klar. Sehen Sie, die Freunde meiner Kinder in Frankfurt wollen alle Banker werden. Vielleicht habe ich ja eines Tages tatsächlich den krisensicheren Job.

teleschau: Weil der Wunsch nach Kunst niemals von Robotern bedient werden wird?

Koch: Das weiß ich nicht, ich stelle es mir jedenfalls schwer vor. Schauspielerei war als Berufsbild immer in der Krise und ist trotzdem immer noch da. Die Theater in Deutschland werden derzeit sehr gut besucht. Nicht nur in den Metropolen, auch in der Provinz. Es kommen viele junge Leute. Es gibt eine große Sehnsucht nach Live-Momenten. Theater hat ja etwas sehr Archaisches und ist eigentlich auch ein bisschen absurd. Da spielen Erwachsene anderen Erwachsenen etwas vor - an einem rituellen Ort, dem Theater. Man setzt sich mit Gedanken und Sprache auseinander. Wir arbeiten mit Bühnenbilder und Licht. Sofern man sich mit Hilfe all dieser Mittel mit dem Leben und der Gegenwart auseinandersetzt, ist Schauspiel für mich kein aussterbendes Medium.

teleschau: Ist der Live-Moment auch deshalb so gefragt, weil das Leben immer virtueller wird?

Koch: Klar, die Leute gehen zum Theater oder Konzert - auch das ist ja eine Disziplin, die boomt - weil sie wissen wollen, was "live" passiert. Verspielt der Musiker sich? Gibt es rauschhafte Momente? "Er könnte vom Seil stürzen", nennen wir Schauspieler diese besondere Neugierde des Publikums. Es gibt auch eine Sehnsucht, das zu tun oder zu sehen, wobei man scheitern kann. Der gerade Beat wird auch erst dann zum Groove, wenn er nicht hundertprozentig exakt ist. Kreativität bedeutet, auch mal Fehler zu machen und Varianz in seinem Handeln zu haben. Es ist etwas, das die Menschen von Maschinen nicht bekommen werden.

teleschau: Eine Vision der vollautomatisierten Zukunft ist, dass Menschen nicht mehr arbeiten müssen, um ihr Leben zu finanzieren - sondern sich Kunst und Kreativität widmen können.

Koch: Eine Idee, die übrigens nicht neu ist. Robert Oppenheimer dachte einst, wenn überall Atomkraftwerke stehen, muss der Mensch nicht mehr für Energie arbeiten, sondern hat Zeit für Kultur und das schöne Leben. Es kam ja bekanntlich anders. Ich weiß nicht, ob ein solches Szenario tatsächlich die Kultur fördert. Wenn man sich anschaut, wo Kultur am spannendsten war, findet man vor allem zerrissene Zeiten.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Koch: Na zum Beispiel die Weimarer Republik. Da ging es manchen Leute gut und vielen sehr schlecht. Es gab eine große Reibung in der Gesellschaft. Es brannte sozusagen der Luft. Der Kunst hat dieser Zustand sehr gut getan. Ich weiß nicht, ob eine große Übersättigung oder Zufriedenheit der Kultur förderlich ist.

teleschau: Sie spielen nicht nur viel Theater, sondern auch den "Tatort"-Kommissar aus Frankfurt. Wohl einer der wenigen, die auch in der Stadt leben, in der sie spielen ...

Koch: Ja, ich bin schon sehr lange Frankfurter. Ich wohne in Sachsenhausen seit 1991. Da ich vier Kinder habe, war immer eines von ihnen in irgendeiner Schule dort. Da zieht man nicht so leicht um. Ich war in der Zeit an vielen Theatern. In Zürich, Düsseldorf, Bochum, Hamburg und immer wieder Berlin - wie auch heute die meiste Zeit. Als die Kinder kleiner waren, überlegten wir, ob lieber Papa oder die gesamte Familie reist. Einfacher für alle war es, dass nur ich auf Tour ging.

teleschau: Aber Sie stammen nicht aus Frankfurt?

Koch: Nein, aus Bonn. Die Schauspielausbildung brachte mich nach Frankfurt. Danach war ich an Theatern in Berlin, Bonn und dann eben wieder in Frankfurt. Es war Zufall. Eigentlich wollte ich gemeinsam mit meinem Intendanten in Bonn wieder nach Berlin wechseln. Er sollte die Freie Volksbühne West übernehmen. Das war jedoch das erste Theater, das nach dem Mauerfall dicht machte. Der Mann ging stattdessen nach Frankfurt und ich mit ihm. Es sind solche Zufälle, die das Leben bestimmen.

teleschau: Und als in Frankfurt ein neuer "Tatort"-Kommissar gesucht wurde, hat man wegen Ihres Wohnortes an Sie gedacht?

Koch: Nein, auch das lief über Umwege. Es geschah, weil ich Liane Jessen, die Fernsehspiel-Chefin des Hessischen Rundfunks, von einem Flohmarkt in der Bretagne kenne. Ich habe dort ein Haus und bin wie sie Fan der Gegend - so traf man sich da. Sie sprach mich an, weil sie mich über Freunde kannte. Von ihr wusste ich nur, dass sie beim Fernsehen ist, aber das war mir egal, weil wir uns total gut verstanden. Also verabredeten wir uns jedes Jahr auf diesem Flohmarkt in einer wunderschönen Stadt im Zentrum der Bretagne. Und irgendwann fragte sie mich, ob ich Lust habe, das zu machen.

teleschau: Sie mussten sich in der Bretagne treffen, weil man sich in Frankfurt nie über den Weg lief?

Koch: Ja, so war es. Als sie mich fragte, sagte ich erst mal: 'Ich glaube, nicht.' Weil ich guck' keinen 'Tatort". Aber aus diesem Grund wollte sie mich. Auch dass ich am Theater bleiben wollte, machte ihr nichts aus. Wenn ich mich zwischen "Tatort" und Theater hätte entscheiden müssen, wäre ich am Theater geblieben. Aber wir kriegen das hin. Mittlerweile drehen wir den sechsten Film, und es bleibt spannend, was wir da treiben.

teleschau: Sie sind also zufrieden mit Ihrem Kommissar?

Koch: Ich bin zufrieden in dem Sinne, dass die Bücher top sind, die Kollegin toll und dass auch die anderen Schauspieler, die engagiert werden, hervorragend sind. Außerdem finde ich gut, dass von diesen sechs Filmen keiner wie der andere geworden ist. Es ist faszinierend, wie die Handschrift jedesmal eine total andere ist.

teleschau: Was ist für Sie das Besondere des Frankfurter "Tatorts"?

Koch: Vielleicht die Tatsache, dass wir uns zu den Figuren sehr viel ausgedacht haben, es aber kaum zeigen müssen. Das irritiert die Zuschauer manchmal, sie wollen mehr wissen. Es gibt aber auch Leute, die finden das genau richtig.

teleschau: Was planen Sie demnächst?

Koch: Gerade drehen wir einen Horrorfilm-"Tatort". Er heißt "Wendehammer" und läuft am 2. Dezember. Wir wollen auch mal einen Krimi in der Bretagne drehen. Das werden wir auch noch machen, aber bisher wäre es immer zu teuer gewesen.

teleschau: Es gibt doch diese anderen deutschen Fernseh-Krimis, die immer an irgendwelchen schönen, exotischen Orten in Europa spielen ...

Koch: Oh ja, gerade der bretonische Krimi ist ganz schlimm. Da ist Rosamunde Pilcher ehrlicher. Es ist unser Ziel, dem etwas Echtes entgegenzusetzen. Da ist Brix dann halt in Urlaub.

teleschau: Hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie durch den "Tatort" einem größeren Publikum bekannt sind?

Koch: Es hält sich in Grenzen. Ich werde minimal öfter auf der Straße erkannt, aber das ist okay. Der größte Unterschied ist, dass ich durch die regelmäßige Arbeit ein bisschen näher an den Hessischen Rundfunk herangerückt bin und dort nun auch Vorschläge machen kann, wenn es um Besetzungen oder Regisseure geht.

teleschau: Sie haben von Ihren Kindern erzählt. Gaben Sie ihnen das Kreative ins Leben mit?

Koch: Ja, ein bisschen vielleicht. Meine Frau macht ja auch etwas Kreatives, sie ist Malerin. Trotzdem haben wir die Kinder mit unseren Berufsvorstellungen in Ruhe gelassen. Mir war nur wichtig, dass die Kinder sinnlich und im Grünen aufwachsen, weil es mir selbst so ging und ich aus dieser Erfahrung immer viel rausgezogen habe. Wenn ich daheim war und keine Theaterprobe hatte, bin ich mit den Kindern immer nach Egelsbach in einen verwilderten Wald gegangen. Dort haben wir den ganzen Tag am Bach gespielt, Hütten gebaut und solche Dinge. Mein ältester Sohn ist auch Schauspieler geworden und spielt jetzt in München am Theater. Meine Jüngste ist noch in der Schule, die anderen beiden machen etwas anderes. Wichtig ist, dass jeder einen Weg findet, mit dem er glücklich ist. Dazu gehört eine Arbeit, die einen erfüllt.

Quelle: teleschau - der mediendienst