Die Tänzerin

Die Tänzerin





Bühnenmagie statt Leinwandzauber

Loïe Fuller kam Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Wilden Westen und lehrte die Pariser Avantgarde das Staunen. Mit Kreativität und Sturheit räumte sie alle Hindernisse aus dem Weg: zu alt, zu dick, zu schwer für eine Tanzkarriere? Dann musste sie ihren Körper eben mit rigorosem Training in Form bringen. Die Kleider zu voluminös für die Bewegungen? Dann musste eben ein leichterer Stoff her. Die gewünschte Bühnentechnik nicht vorhanden? Dann musste sie sie eben erfinden. Fuller ist eine faszinierende Figur, eine Pionierin in Tanz und Theatertechnik - und zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Umso schöner, dass Stéphanie Di Giusto ein filmisches Denkmal für "Die Tänzerin" errichtet und dass sie dabei auf eine überaus charismatische Hauptdarstellerin setzen kann.

Schon als Teenie träumt Marie-Louise (Stepahnie Sokolinski alias SoKo) von der großen Bühne. Als Schauspielerin in romantischen Dramen will sie die Herzen der Zuschauer erobern. Doch die Realität sieht anders aus: Zusammen mit ihrem alkoholkranken Vater tingelt sie mit einer Vaudeville-Show als besserer Pausenclown durch den Mittleren Westen der USA. Der gewaltsame Tod ihres Vaters jedoch ändert alles: Marie-Louise flieht nach New York und findet dort ihren Weg auf die Bühne. Auch hier darf Loïe, wie sie sich inzwischen nennt, anfangs nur als Pausennummer auftreten. Doch mit ihrer besonderen Art zu tanzen erregt sie schnell die Aufmerksamkeit des Publikums und des Grafen Louis - übrigens keine reale Figur, sondern ein fiktives Konglomerat aus mehreren Zeitgenossen.

Gaspard Ulliel spielt diesen ätherschnüffelnden, reichen Nichtsnutz anfangs hart am Klischee, kann den ebenso unglücklich wie unverbrüchlich Verliebten über den Verlauf des Films aber zur tragischen Figur aufbauen. Der Graf gehört ebenso zu den loyalen Unterstützern, die Loïes Karriere erst in New York, dann in Paris begleiten, wie auch die patente Gabrielle, die sich - ausgestattet mit einer Engelsgeduld und einem Zigarillo im Mundwinkel - der charismatischen Tänzerin in den renommierten Folies Bergère anschließt.

Es sind interessante Beziehungen, die Regisseurin Di Giusto hier aufzeigt - umso ärgerlicher, dass sie dann eine ins Zentrum des Films stellt, die sich nur schwer nachvollziehen lässt: Nachwuchsschauspielerin Lily-Rose Depp, Tochter von Vanessa Paradis und Johnny Depp, hat einen ihrer ersten größeren Auftritte als Isadora Duncan, die zunächst Fullers Schützling, dann ihre Konkurrentin wurde. Eigentlich interessant genug, doch die komplizierte Beziehung wird auch noch erotisch aufgeladen - oder besser gesagt: aufgebläht.

Denn so richtig überzeugen kann die Beziehung nicht. Loïes Faszination für das Mädchen wird kaum verständlich; zu oberflächlich bleibt die Darstellung der ach so gegensätzlichen Tänzerinnen. Eine burschikos und schwarzhaarig, die andere zart und blond; die eine ein Arbeitstier, die andere ein verwöhntes Gör; die eine versteckt hinter Stoff und Effekten, die andere fast nackt auf der Bühne. Plakativer geht es kaum, platter auch nicht. Hinzukommt, dass Depp in Sachen Charisma allzu weit hinter der Hauptdarstellerin SoKo zurückbleibt.

Diese SoKo, französische Indie-Sängerin und Schauspielerin, schafft es mit Leichtigkeit, den störrischen Charme zu verkörpern, den Loïe Fuller besessen haben muss, um sich so konsequent gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Sie vermag, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen und so von einigen Schwächen des Films abzulenken.

Dazu zählt nicht nur die holprige Inszenierung der Liaison mit Duncan, sondern insgesamt der allzu starke Fokus auf Fullers Beziehungen, egal ob romantisch oder sonst wie geartet. Immerhin heißt der Film "Die Tänzerin", da könnte ruhig ein wenig mehr Tanz oder wenigstens Training zu sehen sein.

Stattdessen sieht man der Hauptfigur immer wieder dabei zu, wie sie Eisblöcke umarmt, sich mit steifen Muskeln durch den Alltag quält oder den blau geschlagenen Rücken pflegt. Wie es dazu kommt? Wofür sie sich das antut? Bleibt für die Regisseurin Nebensache, auch wenn es für Fuller die Hauptsache war. Die Magie, die die Tänzerin auf der Bühne entfachte, kommt nur selten zum Tragen. Glück für Di Giusto, dass SoKo den Rest des Films auf ihren gut trainierten Schultern trägt.

Quelle: teleschau - der mediendienst