Morris aus Amerika

Morris aus Amerika





Erster Kuss, erste Kippe, erste Krise

Andere Jungs kriegen Hausarrest für heimliches Rauchen oder Zuspätkommen. Morris (sah trotz seines Familiennamens bei den Dreharbeiten zum ersten Mal Schnee: Markees Christmas) dagegen wird für schlechten Musikgeschmack bestraft. Vater Curtis (Craig Robinson), mit dem der 13-Jährige seine Leidenschaft für HipHop teilt, hat dazu eine klare Meinung: Wenn ein Rapper nicht weiß, wovon er redet, sind seine Lyrics automatisch Schrott. Umso enttäuschter ist Curtis, als er seinen Teenager-Sohn über Sex mit zwei Frauen gleichzeitig rappen hört, nur weil sich das irgendwie gut anhört. Authentisch sein, selbst wenn's schwerfällt - das ist das große Thema in Chad Hartigans lässiger Coming-of-Age-Komödie "Morris aus Amerika".

Während Morris seine derben Zeilen vor dem Kinderzimmer-Spiegel übt, ist sein echtes Leben im verschlafenen Heidelberg alles andere als ein Tupac-Song. Die deutschen Jungs nennen den Neuen aus den Staaten bloß "Big Mac", und statt der langbeinigen Katrin (Lina Keller) knutscht er bloß sein Kopfkissen. Bei einer Talentshow schmettert Morris dem Publikum im Anschluss an ein Querflöten-Solo und eine Einrad-Performance seinen Rap über den fiktiven Dreier entgegen. Bei den Querflötisten und Einrad-Fahrern kommt das nicht so gut an, und der Junge fliegt hochkant raus.

Da trifft es sich gut, dass die taffe Katrin auch keinen Bock hat, dazuzugehören. Diese Haare! Diese Beine! Plötzlich verspürt Morris eine nie gekannte Motivation, sein Deutsch zu verbessern. Doch die Sache hat einen Haken: Katrin hat einen Freund, der nicht nur ein Motorrad fährt, sondern auch noch DJ ist. In jedem anderen 08/15-Jugendfilm würde Morris seine Angebetete am Ende von sich überzeugen. Doch so ein Film ist "Morris aus Amerika" nicht. Auch auf den obligatorischen schusseligen Freund, der in keiner amerikanischen High-School-Klamotte fehlen darf, wurde angenehmer Weise verzichtet. Morris ist ein einsamer Junge und rückt dadurch nur noch näher an die Zuschauer heran.

"Europäische Filme sind wahrhaftig und authentisch, konzentrieren sich auf die unbehaglichen Momente und geben den Geschichten eine ungeheure kinematographische Kraft", stellt der in Zypern geborene Regisseur Hartigan fest. "Dagegen sind amerikanische Filme viel bunter und stellen eher einfache Charaktere, eingängige Popmusik und eine derbere Darstellung von Sexualität in den Vordergrund. Ich wollte diese beide Welten miteinander kombinieren."

Das gelingt in einigen Szenen besonders gut. Wenn im Heidelberger Schloss die Besucher, Statuen und Fensterbilder im Beat nicken oder der Springbrunnen genau im richtigen Takt Wasser speit, bekommt "Morris aus Amerika" eine wunderbare Leichtigkeit. Demgegenüber steht der Geschichte der derbe Wortwitz ebensogut zu Gesicht. Durch eine außergewöhnlich gute Übersetzung kommt dieser auch in den untertitelten Szenen zum Tragen. Sogar bei den Schimpfwörtern war man kreativ, auch wenn die deutsche Sprache diesbezüglich einfach viel weniger hergibt als das Englische.

Beim Sundance Filmfestival, einer der wichtigsten Plattformen für US-amerikanische Independent-Produktionen, wurde die SWR-Koproduktion in diesem Jahr gleich doppelt ausgezeichnet. Regisseur Chad Hartigan, der auch das Drehbuch schrieb, erhielt den Waldo Salt Screenwriting Award. Außerdem wurde Darsteller Craig Robinson, der im Film Morris' Vater spielt, für seine darstellerische Leistung mit dem Special Jury Award geehrt. Zu recht! Der vielleicht coolste Film-Vater dieses Kinojahres ist nicht umsonst so witzig. Craig Robinson ist bekannt aus der US-Version der Comedy-Serie "The Office", in der er Darryl Philbin verkörperte und für die er mit seiner Band "The Nasty Delicious" auch den Titelsong beisteuerte. Außerdem ist er erfolgreicher Stand-Up-Comedian und war früher Lehrer.

Quelle: teleschau - der mediendienst