Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis





Kein gelobtes Land

Ein Thema findet seine Regisseurin: Diese Erfahrung machte Hollywoodstar Natalie Portman mit Amos Oz' Monumentalwerk "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis". Als sie den autobiografischen Bestseller des Israelis vor sieben Jahren las, war die in Jerusalem geborene Schauspielerin bewegt: von seiner Intensität, der wunderschönen Sprache und der Nähe zu den Familiengeschichten, die sie selbst zu Hause hörte. Sofort wollte Portman das Werk als Regisseurin verfilmen: Heraus kam ein nicht perfektes, aber mit viel Herzblut inszeniertes Debüt mit poetischen und atmosphärisch starken Bildern - und mit der heimlichen Hauptdarstellerin Natalie Portman als Oz' Mutter.

Als Filmsprache wählte Portman für ihr Regiedebüt Hebräisch. Weiter entfernt von einem Blockbuster kann man nicht arbeiten, authentischer aber auch nicht. Ihrer jüdischen Wurzeln war sich die in Israel geborene und seit dem Alter von drei Jahren in den USA aufgewachsene Schauspielerin stets bewusst. Sie besuchte eine jüdische Schule und verbesserte während ihrer Aufenthalte in Israel ihr Hebräisch. Der größte Vorteil allerdings ist Portmans Einblick in die Gefühlswelt der Israelis: Emotionen aus den Erzählungen ihrer in den 30er-Jahren aus Europa ausgewanderten Großeltern.

Der erste Höhepunkt des Films beschreibt einen bewegenden historischen Moment: die Proklamation des Staates Israel und damit die Bestätigung einer rechtmäßigen Heimat für die aus Europa vertriebenen Juden. Fania (Portman), ihr Mann Arieh (Gilad Kahana) und Sohn Amos (Amir Tessler) verfolgen auf einem mit Menschen dicht gedrängten Platz in Jerusalem die Radio-Live-Übertragung der UN-Entscheidung. Der große Moment bringt Erleichterung, doch die nächste Finsternis naht bereits: Der erste Schuss bringt in der Nacht einen neuen Krieg mit Palästina.

Der Film erzählt vom Entstehen eines neuen Landes und dem gleichzeitigen Verfall einer Familie. Dieses Israel wirkt nicht hell, sonnig und fröhlich, sondern bedrückend, selbst wenn die Sonne scheint und die Mutter ein leuchtend blaues Kleid trägt. Immer muss sich der kleine einfühlsame Amos fragen, wie es ihr geht und was sie bedrücken könnte. Der Sohn muss Rücksicht auf seine Mutter nehmen. Doch letztlich lässt sie ihn mit der großen ungeklärten Frage zurück, warum sie sich das Leben und ihm die Mutter genommen hat.

Natalie Portman lässt im Film einen alten Mann (Alex Peleg) sich erinnern: an die geliebte Mutter und daran, wie er zu dem wurde, was er ist - ein erfolgreicher Schriftsteller. Autobiografisches und Fiktion vermengen sich - aber darum geht es letztlich nicht. Wichtig ist das vermittelte Gefühl. Dafür stehen die Geschichten aus Fanias früherem Leben in Polen und die verwirrenden Gleichnisse, die sie abends ihrem kleinen Sohn erzählt. In diesen poetisch inszenierten Filmen im Film steckt so viel, dass man es beim ersten Ansehen kaum erfassen kann.

Für Fania haben jene Stunden mit ihrem Sohn eine wichtige Funktion, holen sie aus der Wirklichkeit. Doch auch die Fantasie vermag nicht zu heilen; die Schwermut und Dunkelheit um sie herum nehmen zu. Die Versprechungen eines Landes, in dem Milch und Honig fließen sollen und junge Pioniere die Wüste zum Blühen bringen, entpuppen sich für die verletzliche Träumerin in einer leidenschaftslosen Ehe mit einem ehrgeizigen Intellektuellen als wahr gewordener Alptraum.

Aus Finanzierungsgründen musste Natalie Portman selbst die Hauptrolle übernehmen. Doch sie bringt mehr ein als einen zugkräftigen Namen. Mit ihrer grazilen Darstellung verleiht sie Fania eine Aura von Stärke und Verletzlichkeit zugleich - ein paar Nahaufnahmen auf das zweifellos schöne Gesicht mit großen traurigen Augen hätte sich die Kamera trotzdem sparen können. Durch diese häufigen Einstellungen im fahlen Licht bekommt die Geschichte etwas Schleppendes - zumal Fania nicht nur sich selbst, sondern auch dem Zuschauer fremd wird.

Als Regisseurin und Drehbuchautorin hat Natalie Portman den äußerst üppigen Stoff durch die Fokussierung auf die Geschichte des Erwachsenwerdens von Amos und der Beziehung zu seiner Mutter gut in den Griff bekommen. Währenddessen geben stimmige Bilder die gedämpfte Aufbruchsstimmung der späten 40er-Jahre gut wieder. So gelingt Portman ein gelungenes, persönliches Debüt mit interessanten Einsichten zu Israel und Bezügen zur Gegenwart.

Quelle: teleschau - der mediendienst