Wigald Boning

Wigald Boning





Ein ganz normaler Nerd

Zur Premiere seiner Serie "Wigald & Fritz: Die Geschichtsjäger" in Köln trägt Wigald Boning schwarze Lackschuhe, dazu grün-blau gestreifte Socken, die über seine Hose gestülpt sind. Man könnte meinen, er stelle bewusst genau das dar, was die meisten von Boning denken: dass er ein Nerd ist. Doch im Gespräch mit dem 49-Jährigen wird klar: Der Typ ist einfach so. Dieses besondere Talent macht wohl seinen Charme aus - Wigald Boning ist ein bisschen schräg, ohne zwanghaft schräg sein zu wollen. Witzig, ohne sich selbst ins Lächerliche zu ziehen; intelligent, ohne damit kokettieren zu müssen. Für das neue History-Format (ab 13. November, sonntags, 21.55 Uhr) erkundet Boning mit dem Youtuber und "Urban Explorer" Fritz Meinecke verlassene Orte wie die Todeszone in Tschernobyl, ein ehemaliges Eliteinternat der Nazi-Zeit oder das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Geschichtsträchtige Plätze, die zum Nachdenken anregen. Passt Boning da rein? Schließlich ist er vor allem als Comedian bekannt. Doch der Geschichtsfan findet als "Erklärbär" für den 27-jährigen Meinecke eine angenehme Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor.

teleschau: Herr Boning, sind Sie ein Nerd?

Wigald Boning: Wie definiert man denn einen Nerd? Vor dem Computer sitze ich zum Beispiel relativ wenig. Wenn aber alle Leute, die anders sind, Nerds sind, dann bin ich einer.

teleschau: Im Internet liest man über Sie, dass Sie Nasenhaarschneider sammeln. Ein eher ungewöhnliches Hobby ...

Boning: Ich habe eben ein Interesse an Nasenhaarschneidern. Anfang der 90er-Jahre bin ich mal von Hamburg nach Atlanta geflogen, mit Delta Airlines. Da gab es an Bord im Duty Free Shop einen Nasenhaarschneider - Nose Hair Trimmer. Ich fand schon den Begriff so toll. Dann habe ich mir einfach aus Daffke heraus so ein Ding gekauft - das war der erste in meiner Sammlung. Irgendwann hatte ich mehrere, dann habe ich mir eine Vitrine gekauft. Ich versuche jetzt aber alle wieder loszuwerden. Weil ich sie immer in ihrer Originalverpackung gelassen habe und alle eine Batterie mitgeliefert hatten, sind sie teilweise ausgelaufen. Dann ist doch alles hinüber und das ist furchtbar.

teleschau: Für "Wigald & Fritz: Die Geschichtsjäger" sind Sie an vergessene Orte gereist und haben das auf außergewöhnliche Weise dokumentiert. Wie war das?

Boning: Von Harald Schmidt gibt den Satz: "Drehort geht vor Inhalt." Das soll den Inhalt im Fernsehen grundsätzlich nicht herabwürdigen. Aber wenn mir jemand sagt: "Wir drehen in Tschernobyl", dann sage ich sofort: Ich bin dabei. Ich gehe mit einer viel größeren Begeisterung an die Sache ran, wenn mir der Ort schon mal gefällt. Oder im Fall von Tschernobyl, wenn ich ihn spannend finde - das ist kein Ort, der einem gefallen kann. Aber er ist packend. Man geht mit Neugierde an das Projekt ran und freut sich, eine so fantastische Sendung machen zu dürfen. Ich lerne einen tollen Ort kennen und nehme den Zuschauer dorthin mit.

teleschau: Was haben Sie auf den Reisen erlebt?

Boning: Zuerst einmal muss ich sagen, dass sich jede Reise gelohnt hat. Die zweite Station war Tschernobyl. Das war für mich eine der spektakulärsten und spannendsten Reisen, die ich in meinem Leben überhaupt gemacht habe. Wir haben dort so viele Dinge erlebt, die in der Sendung gar keinen Platz hatten. Wir haben zum Beispiel in einer Pension am Rande der Stadt Tschernobyl übernachtet. Dort wird man nachts eingesperrt, damit niemand auf die Idee kommt, auf eigene Faust durch den Wald zu laufen oder so. Dort gab es sogar einen Merchandising-Store, in dem man T-Shirts mit der Aufschrift "Tschernobyl" und irgendwelchen Katastrophengrafiken kaufen konnte. Einem meiner Söhne musste ich eins mitbringen. Es ist eben eine eigentümliche Art von Tourismus dort. Man kann das für völlig degoutant halten. Ich habe aber gelernt, dass das auch einen Vorteil hat: Wir haben uns mit der Materie beschäftigt und können jetzt den Leuten etwas über die Hybris der Menschheit erzählen.

teleschau: Was ist das Faszinierende an diesen "Lost Places"?

Boning: Wahrscheinlich, dass es immer mehr geschichtslose Orte gibt. Immer mehr genormte Bauten. Rolltreppen zum Beispiel! Die sehen weltweit überall gleich aus - ob am Zuckerhut in Rio de Janeiro, in Dubai oder bei Kaufhof in der Innenstadt - Rolltreppe ist Rolltreppe. Anders als früher. Wenn man sich das 19. Jahrhundert vor Augen führt oder den Jugendstil, mit welcher Liebe zum Detail jedes Stück da bearbeitet wurde! Heute muss dagegen alles gleich aussehen. Umso mehr sehnen sich die Menschen nach Orten mit Charakter. Vielleicht waren verlassene Orte auch schon immer interessant, und erst jetzt ist es im Fernsehen angekommen. Eigentlich ist das mit den Lost Places bisher ja eher so eine Buch- und Internetmode. Wir werden sehen, wo das im Fernsehen hinführt. Da muss man abwarten.

teleschau: Ist es wichtig, dass solche Orte nicht in Vergessenheit geraten?

Boning: Finde ich schon. Ich bin ja ein Freund eines geschichtlichen Bewusstseins, und die entsprechenden Orte gehören einfach dazu. Meine Eltern zum Beispiel wohnen in einer Straße, die heißt Ewigkeit. Und zwar, weil das im 13. Jahrhundert der Richtplatz war. Solche Zusammenhänge finde ich immer interessant und spannend, und ich halte es auch für falsch, Umbenennungen durchzuführen oder geschichtsträchtige Orte zu verändern. Ich mag es nicht, wenn jemand die Geschichte neu schreiben oder eliminieren möchte.

teleschau: "Wigald & Fritz: Die Geschichtsjäger" ist ein durchaus ungewöhnliches Format. Was reizt Sie grundsätzlich daran?

Boning: Gewöhnliches Fernsehen gibt es ja schon ausreichend. Ich finde, dass das ungewöhnliche Fernsehen unterstützt werden muss und möchte persönlich auch eher mit ungewöhnlichen Sendungen in Zusammenhang gebracht werden.

teleschau: Wie kommt das?

Boning: Ich würde generell nicht zur sogenannten Masse gehören wollen, damit geht's ja schon los. Da fühle ich mich beleidigt. Ich trage ja auch nicht nur graue Anzüge, die möglichst gewöhnlich aussehen. Zum Beispiel erfreue ich mich an sprachlichen Absonderlichkeiten. Ich habe einfach einen Hang zum Ungewöhnlichen. Ich bezweifle sogar, dass es Menschen gibt, die das Gewöhnliche in jeder Lebenslage bevorzugen. Obwohl, es muss ja einen Grund geben für die vielen gewöhnlichen Sendungen im Fernsehen ...

teleschau: Letztes Jahr haben Sie fast komplett im Freien übernachtet und ein Buch darüber geschrieben, jetzt stapfen Sie durch vergessene Orte. Warum sind Sie so gerne draußen?

Boning: Die Heizungsluft ist mir zu trocken. Da kann ich schlecht einschlafen und schwitze zu sehr. Ich bin einfach lieber draußen. Als Kind hab ich mich schon gerne im Sommer auf die Terrasse gelegt, auf Waschbetonplatten. Ich fand es total angenehm, wenn die Kühle durch den Körper geht, weil ich eher ein germanischer Typ bin, der im Sommer überhitzt. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung fürs Rausgehen wollen.

teleschau: Zelt geht also vor Bett?

Boing: Ja, im Zweifel finde ich Zelt besser. Nachdem ich das wirklich studiert habe, weiß ich, dass es Orte gibt, wo es auch für Campingverächter eigentlich sinnvoll wäre, das Zelt zu bevorzugen. Zürich zum Beispiel. Gute Hotellerie, aber häufig völlig überteuert. Da gehe ich doch lieber ins Safarizelt Nummer Drei, in Wollishofen, bei Fischers Fritz - das ist so ein Hipster-Campingplatz mit als Hotelzimmer eingerichteten Großzelten. Da kannst du quasi von dem Zelt aus in den See springen. Total fantastisch. In Zürich gehe ich nie mehr ins Hotel, immer nur ins Safarizelt Nummer Drei.

teleschau: Gibt es privat für Sie eigentlich auch mal so etwas wie Stillstand?

Boning: Ja, schon. Eigentlich bin ich gar nicht so redselig, wirkt das so? Das muss überhaupt nicht so sein. Obwohl ich die Kunst des Selbstgesprächs schön finde. Aber das wäre ja total anstrengend, wenn ich mich die ganze Zeit zulabern würde.

teleschau: Und was den körperlichen Stillstand angeht? Sie treiben sehr viel Sport ...

Boning: Ich bin ja eher moderat unterwegs. Langsames Fahrradfahren, wandern und so etwas. Ich mag es einfach nicht, still auf dem Sofa zu sitzen, das finde ich doof. Dann lieber gleich richtig schlafen. Aber das Sitzen?! Sitzen ist das neue Rauchen, wie der "Stern" mal so trefflich titelte. Der Stuhl ist meiner Meinung nach keine Erfindung, die den Menschen wirklich weitergebracht hat.

teleschau: Warum denn das?

Boning: Die Horizontale finde ich toll. Da kann man schlafen, alles mögliche einfach. Auch essen, wie die Römer es schon gemacht haben. Stehen finde ich auch einen angenehmen Zustand. Aber Sitzen? Schon dass die Gliedmaßen so abgeknickt werden ... Das ganze Konzept ist nicht richtig durchdacht. Der Stuhl wird sich nicht durchsetzen, das ist nur ne Zeiterscheinung. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst