Harald Krassnitzer

Harald Krassnitzer





Die pure Lust am Material

Seine "freundliche, beinahe harmlose Ausstrahlung" helfe ihm, das Vertrauen der Menschen zu erlangen, der Tatverdächtige merke zu spät, dass seine freundliche Art "nur ein Mittel war, um ihn in die Falle zu locken", heißt es im "Tatort"-Rollenprofil der ARD über den Wiener Kommissar Moritz Eisner. Der gebürtige Salzburger Harald Krassnitzer (56) spielt diesen Ermittler seit vielen Jahren. Auch, wer Krassnitzer selbst Fragen stellt, glaubt fast in eine Falle geraten zu sein: Der Humor, die Gelassenheit, die Reflektiertheit - ist das alles wirklich echt oder doch nur ein geschicktes Krassnitzer-Spiel? Viel von alldem bringt der Schauspieler jedenfalls auch in seine neue Rolle eines in die späte Ehekrise geratenen Familienvaters ein. In "Wenn es Liebe ist" (Sonntag, 6. November, 20.15 Uhr, ZDF) pendeln Krassnitzer und seine Partnerin Jutta Speidel zwischen Vernunft und Eifersucht, Verletztheit und Verzeihen.

teleschaut: War das Rollenangebot fürs ZDF-Herzkino für Sie ein Ausgleich zum "Tatort-Kommissar, den Sie seit vielen Jahren spielen?

Harald Krassnitzer: Ich war vom ersten Augenblick an hin und weg, als ich das Drehbuch von Dominique Lorenz las. Die Gefahr einer Klischeegeschichte, einer Pseudotraurigkeit liegt ja nahe, wenn ein Ehemann nach Jahrzehnten plötzlich wegen eines anderen verlassen wird. Aber die Autorin hatte den Mut, die andere Geschichte zu erzählen, nicht dieses "Ältere Frau verliebt sich in jüngeren Mann". Der Film zwingt alle Personen, sich der kritischen Situation zu stellen, auch den neuen Mann, der in die Familie eingeladen wird, auch die Kinder, die ihre Mutter nicht verstehen können.

teleschau: Es ist so etwas wie ein Experiment: Plötzlich heißt es, gemeinsam Dinge zu bereden, denen man sonst gerne aus dem Weg gehen will ...

Krassnitzer: Das gilt nicht nur für Ehepaare, wie im Film. Wir leben ja in einer Zeit, in der das Miteinanderreden schwierig geworden ist. Eine Zeit, in der es erstmalig keine Zukunft mehr zu geben scheint. In der das Versprechen, dass es der nächsten Generation besser gehen wird, offensichtlich nicht mehr erfüllt werden kann. An jeder Ecke lauert etwas, das uns Angst macht, aber wir stellen uns dem nicht - ob es sich dabei nun um den Klimawandel oder die Flüchtlingsproblematik handelt.

teleschau: Offensichtlich sind Sie ein politischer Mensch, als solcher sogar tätiges Mitglied der SPÖ?

Krassnitzer: Stimmt. Aber das heißt ja nicht, dass ich Dogmatiker bin. Ich finde es ganz einfach absurd, dass wir uns nicht zu unserem Standpunkt bekennen. Gemeinschaft kann es doch nur geben, wenn wir bereit sind, uns auszutauschen und gemeinsam nach dem Besseren zu suchen. Wenn wir das nicht tun, haben wir ein Problem. Daraus erwächst der populistische Mist, den wir jeden Tag erleben. Es grassieren nur noch Schlagzeilen, keine Lösungen.

teleschau: Wie sieht das Leben eines SPÖ-Mitglieds denn so aus?

Krassnitzer: Ich schreibe Briefe, oder ich gehe zu jemandem hin und sage dann, was ich nicht richtig finde. Ich frage nach: Warum passiert das nicht? Im Falle der Flüchtlinge bedeutet das, dass wir nicht alle hereinlassen können. Aber mit denen, die wir hereingelassen haben, müssen wir anständig umgehen. Über einen Entfaltungsraum Europa oder über ein Freihandelsabkommen mit Afrika könnte ich mit Ihnen lange diskutieren ...

teleschau: Um auf Ihren eigentlichen Job, die Schauspielerei, zurückzukommen: Mit dem Wiener "Tatort" sind Sie seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Ist das auch ein Zwang, für den Sie immer mal wieder einen gefühligen Ausgleich suchen?

Krassnitzer: Wenn ich in Filmen wie dem aktuellen ZDF-Film spiele, dann ist das für mich die pure Lust am Material. Ich will einfach spielen. Ich bin neugierig auf eine Partnerin wie Jutta Speidel, und auf eine Geschichte. Meine Arbeit besteht ja darin, in der Früh mit ein paar Menschen zusammenzustehen und zu sagen: Erzählen wir mal eine Geschichte. Eine, die wahr und feurig ist. Das ist kein Ausgleich, das ist einfach das, was mich reizt. Ich war ja auch immer schon sehr bunt, also in unterschiedlichen Genres unterwegs. Diesen Luxus hab' ich mir bewahrt.

teleschau: Sie leben seit vielen Jahren mit Ihrer Frau Ann-Kathrin Kramer und 19-jährigem Sohn in Wuppertal. Lässt es sich da als gebürtiger Salzburger leben?

Krassnitzer: Davor hatte ich am Anfang Angst. Aber ich stelle fest, dass das dort eine tolle Gegend ist, die mir gut tut. Die Menschen sind sehr geradlinig, sie haben einen trockenen Humor, sind sehr direkt. In Österreich wird ja alles in einen gewissen Code verpackt. Ich genieße das Geradlinige doch sehr, man kommt viel schneller auf den Punkt.

teleschau: Damit meinen Sie auch Ihre Frau?

Krassnitzer: Ja, sie hat mir gutgetan. Sonst hätte ich mich in meiner Versponnenheit komplett verloren. Sie holt mich da herunter. Darüber hinaus haben wir so etwas wie eine Streitkultur. Wir funktionieren einerseits gut, es gibt ja immer etwas zu tun im Haus, mit dem Kind. Aber man muss auch streiten können. Das geht nur, wenn man sich was zu sagen hat. Wenn man aufhört zu schreien oder mal wütend zu sein, ist der Ofen aus. Dann weiß man: Jetzt ist es zu Ende.

teleschau: Im "Tatort" ergänzen Sie sich mit Ihrer Partnerin Adele Neuhauser alias Bibi Fellner trotz aller Auseinandersetzungen noch immer prächtig. Ein Ende scheint da nicht in Sicht.

Krassnitzer: Wir haben gerade wieder zwei neue Folgen gedreht. Wir haben immer noch viel Spaß, es gibt Themen ohne Ende. Solange wir merken: diese Figuren lassen sich weiterentwickeln, hören wir damit nicht auf.

teleschau: Im Film wirken Sie wie ein eingespieltes Ehepaar. Wie ist das im Leben hinter den Kulissen?

Krassnitzer: Wir verstehen uns prächtig. Es ist einfach eine ganz tiefe Freundschaft, die erstaunlicher Weise darüber funktioniert, dass wir im Rest des Jahres, wenn ich nicht in Wien bin, ganz unterschiedliche Sachen machen. Aber es gibt Signale - dann ruft man an und merkt hinterher, dass das genau zum richtigen Zeitpunkt war.

Quelle: teleschau - der mediendienst