Nina Kunzendorf

Nina Kunzendorf





"Die Quotendiskussion ist eine Katastrophe"

Lange Zeit war Ausnahme-Schauspielerin Nina Kunzendorf ein Geheimtipp im TV. Diese Zeiten sind spätestens vorbei, seit die immer etwas streng aussehende Brünette zwischen 2011 und 2013 ein fünf Folgen währendes Gastspiel an der Seite Joachim Króls als Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Conny Mey gab. Mittlerweile gilt die 44-Jährige als eine der bestgebuchten Darstellerinnen Deutschlands. Im prominent besetzten Polit-Thriller "Tödliche Geheimnisse (Samstag, 5. November, 20.15 Uhr, ARD) spielt sie eine investigative Journalistin, der ein Whistleblower abhanden kommt. Der Mann wollte über Schweinereien rund um das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP auspacken. Selten wurde ein politisch hochaktuelles und brisantes Thema so schnell für einen TV-Thriller adaptiert. Eine gute Idee?

teleschau: Was wussten Sie über TTIP, bevor Sie sich für die Rolle einer Journalistin in diesem Wirtschafts-Thriller damit beschäftigen mussten?

Nina Kunzendorf: Wie wohl die meisten Leute kannte ich nur die Oberfläche. TTIP ist so komplex, dass ich mich auch jetzt noch nicht als Expertin bezeichnen würde. Ich wusste vorher etwas, jetzt weiß ich wesentlich mehr.

teleschau: Was wussten Sie denn vorher?

Nina Kunzendorf: Nur ein paar Schlagworte, warnende Beispiele der Veränderung. Die mit Chlor desinfizierten Hühnchen aus den USA. Die Autoblinker, die dort rot und in der EU meist gelb sind.

teleschau: "Tödliche Geheimnisse" ist auch ein Film über Lobbyisten und ihre Macht. Sorgt Lobbyismus dafür, dass TTIP weiterhin so komplex erscheint, dass sich niemand so recht mit dem Thema beschäftigen will?

Nina Kunzendorf: Die Intransparenz der Verhandlungen ist skandalös. Und das Thema ist so komplex, dass es erschlägt. Kaum einer hat die Zeit, sich wirklich damit zu beschäftigen, geschweige denn eine Haltung dazu zu entwickeln. Hundertseitige AGBs liest sich auch kein Mensch durch. Wir klicken aber auf "gelesen und akzeptiert". Dass Greenpeace die TTIP-Dokumente ausgestellt hat, war großartig. Aber kaum einer ist hingegangen. Ich fürchte, die meisten Menschen interessieren sich gar nicht. Ähnlich wie beim Thema Datenschutz. Ein erschreckend großer Teil sagt: "Mir egal, ich hab' eh nichts zu verbergen!" Wir kaufen im Bioladen ein und halten uns für bewusste Konsumenten, wissen aber nicht, was TTIP ist.

teleschau: Hat der Film ihr Verhalten geändert?

Nina Kunzendorf: Ich war auf einer großen TTIP-Demonstration in Berlin, es war meine erste Demo seit ewigen Zeiten. Vor der Wahl in Berlin habe ich mir genau angeschaut, wie die einzelnen Parteien zum Thema TTIP stehen. Ich fühle mich aufgefordert, genauer hinzuschauen.

teleschau: Wie haben Sie sich denn informiert?

Nina Kunzendorf: Ich bin eine leidenschaftliche Deutschlandfunk-Hörerin. Und ich habe viel gelesen. Artikel, Berichte, Informationen, von Greenpeace, Campact, Food Watch bis zu jenen, in denen die Argumente der Befürworter benannt werden. Immerhin genug, um die grundsätzlichen, entscheidenden Fakten zu kennen. Über Investitionsgerichtshöfe, Regulatorische Kooperation, Standards von Lebensmitteln. Darüber, dass bei uns der Hersteller die Unschädlichkeit eines neuen Produktes nachweisen muss, bevor es auf dem Markt landet, in den USA dagegen der Staat dem Hersteller dessen Schädlichkeit.

teleschau: Filme über aktuelle politische Stoffe sind relativ selten im deutschen TV ...

Nina Kunzendorf: Ja, deshalb finde ich dieses Projekt auch so wichtig und ungewöhnlich. Filme unterliegen in der Regel einem längeren Entwicklungsprozess. Hier war es so, dass wir teilweise auf tagesaktuelle Ereignisse reagierten, durch die Veränderungen in den Film einflossen. Eines Morgens war überall zu lesen, dass Greenpeace am Brandenburger Tor diese Glaskästen zum Lesen der TTIP-Dokumente aufgestellt hatte. Da haben wir direkt reagiert, den Drehplan umgeworfen und das auch gedreht. Es gab immer wieder neue Entwicklungen bei TTIP, die wir im Film noch kurzfristig einfließen ließen. Ich bin sehr froh, wenn ein Film politisch ist. Ich freue mich, wenn ein Film eine Haltung einnimmt, Stellung bezieht - sofern sie nicht schwarzweiß ist.

teleschau: Sehen Sie einen Mangel an politischen Filmen?

Nina Kunzendorf: Ich sehe einen Mangel an guten Filmen.

teleschau: Weil sich zu wenige Leute gute Filme anschauen?

Nina Kunzendorf: Ich weiß nie, wer "die Leute" eigentlich sind. So wird ja immer argumentiert: Das will "der Zuschauer" nicht sehen, "die Leute" verstehen das nicht. So etwas regt mich auf. "Die Leute" in meinem Umfeld schauen fast gar kein Fernsehen mehr. Die fühlen sich nicht repräsentiert durch "den Zuschauer", von dem so oft die Rede ist. Die gesamte Quotendiskussion ist eine Katastrophe. Ich habe das Gefühl, dass sehr viel Angst herrscht bei den Menschen, die an den Entscheidungsstellen sitzen. Angst, sich politischen, sperrigen, ungewöhnlichen oder ganz leisen Stoffen zu widmen.

teleschau: Sie meinen die Redaktionen der Fernsehsender? Kritiker sagen, dass hier zu viel Macht in den Händen einer relativ ängstlichen Berufsgruppe läge ...

Nina Kunzendorf: Ich würde mir sehr wünschen, dass sich die Machtverhältnisse bei der Produktion fiktionaler Stoffe stark in Richtung der Kreativen verändern würden. Das sind nämlich die Leute, die die eigentliche Arbeit machen.

teleschau: Wo müsste man konkret ansetzen?

Nina Kunzendorf: Regisseure müssen zusammen mit ihren kreativen Mitarbeitern ihre Arbeit machen können, ohne dass in den künstlerischen Prozess eingegriffen wird. Es braucht aber auch ein breites Kreuz, um sich dem entgegenzustellen, davon wünsche ich mir mehr in unserer Branche. Auch mehr Zusammenhalt und Solidarität. Und es muss mehr Zeit und Geld darauf verwendet werden, gute Stoffe zu entwickeln. Ein tolles Drehbuch schreibt man nicht mal eben in zwei Wochen. Ich spüre immer größer werdenden Zeitdruck unter dem die Produktionen stehen. Weniger Geld, mangelnde Sorgfalt, fehlender Mut. Als Schauspielerin bin ich da vergleichsweise privilegiert. Ich bin ein großer Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. Wir müssen nur die Möglichkeiten, die es uns gewährt, auch nutzen. Seinen Auftrag ernst nehmen, Vielfalt fördern und zulassen. Wir sollten den Zuschauer konfrontieren, fordern und nicht für dumm erklären, finde ich.

teleschau: Welche politischen Filme haben Sie in letzter Zeit beeindruckt?

Nina Kunzendorf: Ich habe neulich einen sehr beeindruckenden Dokumentarfilm gesehen, "Democracy - Im Rausch der Daten". Er beschreibt ganz großartig das Zustandekommen politischer Entscheidungen. Das war für mich auch für unseren Film inspirierend. Die politischsten Filme kommen ja oft auch aus Ländern, in denen die Regisseure nicht alles zeigen oder erzählen dürfen. Da finden sich in ganz kleinen Geschichten oft große, berührende Themen. Ich liebe sowieso Filme, die kleine Geschichten erzählen und trotzdem ganz groß sind.

teleschau: "Tödliche Geheimnisse" soll fortgesetzt werden. Was bei einem Film über Journalisten, die gegen die Macht von Konzernen kämpfen, nicht selbstverständlich ist ...

Nina Kunzendorf: Ja, wir drehen im November und Dezember in Südafrika.

teleschau: Aber die Figuren sollen die gleichen bleiben?

Nina Kunzendorf: Ja, Anke Engelke und ich als Journalistinnen. Katja Riemann als Konzernchefin. Oliver Masucci als Lobbyist, Leonard Scheicher als sein Sohn. Hinzu kommt Benjamin Sadler als Arzt und Medikamentenforscher sowie einige südafrikanische Kollegen.

teleschau: Dann hätten wir eine Filmreihe über investigativen Journalismus. Wäre das mal etwas anderes?

Nina Kunzendorf: Absolut. Maßgeblich ist natürlich immer das Niveau des Stoffes und seiner Umsetzung. Aber die Regisseurin Sherry Hormann, unsere starke Produzentin Gabriela Sperl und die Besetzung sind hier doch schon mal ein echtes Pfund.

Quelle: teleschau - der mediendienst