Girl On the Train

Girl On the Train





Das Fenster zum Haus

Seit ihrer Scheidung pendelt Rachel (Emily Blunt) jeden Tag nach New York und wieder zurück in die Vorstadt. Jedes Mal macht der Zug an der gleichen Stelle Halt und gibt den Blick auf ein vermeintliches Traumhaus am Streckenrand frei, bewohnt von einem ebensolchen Traumpärchen. Doch der idyllische Schein trügt: Rachel beobachtet aus dem Zug heraus einen folgenschweren Betrug, einen Tag später wird eine Frau als vermisst gemeldet. Bald gerät Rachel selbst unter Verdacht, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben - schließlich kann sie sich als potenzielle Zeugin nicht mehr erinnern, was in jener Nacht passiert ist. Die Verfilmung des Erfolgsthrillers von Paula Hawkins ersetzt psychologische Tiefe durch ein simpel konstruiertes Whodunit und ist nicht nur inszenatorisch äußerst dürftig, sondern dazu überfrachtet mit Klischees.

Sie habe zu viel Fantasie, behauptete einmal Rachels Exmann Tom (Justin Theroux), und im vorauseilenden Gehorsam stimmt die geschiedene Frau diesem Urteil zu. Sie imaginiert auf ihren täglichen Zugfahrten das Eheglück eines fremden Paares, das sie nur aus dem Fenster erspähen kann. Doch so sicher, was sie da eigentlich sieht, kann Rachel nicht mehr sein: Zu groß ist ihr Alkoholkonsum, zu weit die Realität bereits weggedriftet. Lediglich in der Rolle der Beobachterin, der Tagträumerin, der Erinnernden kann die um ihre eigene Ehe trauernde Trinkerin ihr Leben einigermaßen aufrechterhalten.

Blicke treffen auf Blicke, die Außenwelt wird zur Innenwelt, der Beobachter ist zugleich der vom Zuschauer Beobachtete. Diese Prämisse erinnert sehr deutlich an Hitchcocks "Das Fenster zum Hof", in dessen Tradition auch die literarische Vorlage zu "Girl On the Train" rezipiert und vermarktet wurde. Ein internationaler Bestseller, von dem böse Zungen sagen, er sei im Fahrwasser von Gillian Flynns "Gone Girl" gepusht und hochgezüchtet worden. Schließlich waren die Filmrechte bereits im Jahr vor der Veröffentlichung von DreamWorks erworben worden und wer das Buch liest, merkt schnell: Es schreit geradezu nach seiner Verfilmung. Im Allgemeinen ist eine solche Marketingstrategie nicht die beste Voraussetzung für Qualität, Ausnahmen mögen diese Regel bestätigen. "Girl On the Train" ist keine davon.

Zeigte der Roman stellenweise immerhin Biss und Ambivalenz, ist der Film glatt wie eine Smartphoneoberfläche, seine Bilder sind ein einziger langer Werbeclip, öde und steril. Tate Taylor, der Regisseur von "The Help", hat eine zahn- und harmlose Second-Hand-Version von "Gone Girl" geschaffen, nur ohne das trashige Potenzial des Fincher-Gewaltexzesses. Ein ständiges Voice-Over zeigt, wie sehr man glaubt, sich an den Text der Vorlage klammern zu müssen. Das macht es für die Riege bekannter Schauspieler (darunter, neben Blunt und Theroux, Rebecca Ferguson, Haley Bennett und Luke Evans) fast unmöglich, große Gefühle ausspielen zu dürfen.

Dies liegt nicht nur an den inszenatorischen Schwächen, sondern auch an der Figurenzeichnung. Ebenso wie in der Vorlage wird "Girl On the Train" aus der Perspektive dreier Frauen erzählt, deren Leben sich kreuzen und die alle mehr oder weniger unter der gewalttätigen Fuchtel ihrer Männer stehen, teilweise ohne sich dessen bewusst zu sein. Im Roman heißt es an einer Stelle so lapidar wie platt, dass Frauen Wertschätzung ohnehin nur durch Aussehen und Mutterschaft erhielten. Ganz davon abgesehen, dass sich Diskriminierungsstrategien weitaus komplexer entfalten, macht die Verfilmung seine Figuren zu Erfüllungsgehilfen ebenjener Denkweise. Ihr Glück definieren die Frauen in "Girl On the Train" ausschließlich entweder über das Kinderkriegen oder dessen totale Ablehnung. Die erste Gruppe sind eben heimische Glucken, letztere hippe Selbstverwirklicher. Dazwischen gibt es die Männer - fast ausnahmslos manipulative, prügelnde Idioten, die ihren Frauen außer Sex ohnehin nichts abgewinnen können.

Aus all dem ergibt sich ein überaus konstruiert wirkender Plot der Sorte "Nichts ist so, wie es scheint" beziehungsweise "Jeder Mensch ist wie ein Mond: Er hat eine dunkle Seite, die er niemandem zeigt". Kein Klischee ist zu groß, um nicht bedient zu werden. Der Alkoholismus und die daraus resultierende Selbsttäuschung der Protagonistin stellen lediglich das Vehikel für die Frage nach der Täterschaft in einem Fall. So verbirgt sich hinter der emanzipatorischen Fassade von "Girl on the Train" lediglich ein altbackener, unorigineller und uninspiriert gemachter Genrebeitrag.

Quelle: teleschau - der mediendienst