Ostfriesisch für Anfänger

Ostfriesisch für Anfänger





Komposthaufen der Klischees

Einige werden es wohl nicht bemerken. Andere ihren Augen nicht trauen: Was soll das denn bitteschön in einem Film wie "Ostfriesisch für Anfänger"? Der verbiesterte ostfriesische Dorfbewohner Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden) bekommt von Bürgermeister Dietmar Holthagen (Holger Stockhaus) gerade die Leviten gelesen: In seinem enteigneten Hof finden in Zukunft Integrationskurse für ausländische Fachkräfte statt. Zwischen den Streitenden fällt der Blick auf ein blaues Hakenkreuz in einem Fenster von Hinrichs ehemaligem Haus. Was ein schlimmer Fehlgriff sein könnte, erweist sich als cleverer Einfall, der prima zu einer zentralen Dialogzeile passt. Wie sich zeigt, haben nicht nur die Alteingesessenen Vorurteile, sondern auch die Neuankömmlinge gegenüber den Deutschen. Doch so klug ist diese seichte Komödie nur sehr selten.

"Das also ist Ostfriesland", stellt Vroni Lautenschläger, Beauftragte für die Integration ausländischer Fachkräfte fest: Wie Schauspielerin Victoria Trauttmansdorff das Resümee über die Landschaft vor den Fenstern ihres Kleinbusses zwischen Entgeisterung und Verwunderung schweben lässt, ist gekonnt und kennzeichnet doch vor allem die simple Machart von "Ostfriesisch für Anfänger". Die norddeutsche Provinz mit ihren steif rotierenden Windrädern und vom Deich starrenden Kühen wirkt erst dröge, dann steckt sie voller Überraschungen. Letztere sind allerdings sehr bemüht hervorgezaubert.

Ausländische Fachkräfte anstelle von Flüchtlinge mit Leidensgeschichten in der Handlung zu haben, ist den Zwecken eines Lustspiels sicherlich sehr angemessen. Doch entsteigen dem ins ostfriesische Dorf gelangten Kleinbus nur Stereotypen. Der muslimische Schiffsingenieur Abdullelah (David A. Hamade) betet fünfmal am Tag. Asiatin Liantang (Trang Le Hong) kriegt kein R heraus. Der Afrikaner Feelgood (Michael Davies) klimpert dauernd auf der Gitarre und stimmt Reggae-Lieder à la Bob Marley an. Die Russin Svetlana (Janina Elkin) stöckelt im schicken Sekretärinnen-Look daher und hält Deutschlands braune Vergangenheit für die Gegenwart.

Damit der eigentliche Star, Dieter Hallervorden als Uwe Hinrichs, zur Geltung kommt, muss das Drehbuch von Sönke Andresen einige Purzelbäume schlagen. Obwohl der Tankwart die "Utländer" und ihre "We say 'Moin'"-radebrechenden deutschen Begleiter mit Gülle beschießt, geht ausgerechnet an ihn der Auftrag, den Neuankömmlingen Deutsch beizubiegen. Als Gegenleistung soll er seinen Hof zurückbekommen. Den müssen die Schüler instandsetzen und erhalten zwischendurch Heimatkunde über "Meer! Wind! Bluomen!" Auf Platt, denn Hinrichs spricht nichts anderes. "Die Utländer schnacken Platt! Die können gar nix anners", stellt die Dorfpastorin fest, als die Integrationsprüfung auf Hochdeutsch ansteht.

Dank des engagierten Einsatzes aller Darsteller und der sorgfältigen Regie von Gregory Kirchhoff blüht bis dahin auf dem Komposthaufen der Klischees die frohe Botschaft, dass wir alle voneinander lernen können. Immerhin! Vom Sprachcoach mit einem halb authentischen, halb künstlichen, aber immer verständlichen Ostfriesen-Platt ausgestattet, spielt Hallervorden die ganze Gefühls-Bandbreite des Witwers Hinrichs: Der zuerst so verschlossene, verbitterte und abweisende Menschenfeind, der sich ganz langsam öffnet, bis er staunend und geradezu dankend anerkennt, dass auch Nicht-Ostfriesen ganz tolle Buddelschiffe basteln können.

Quelle: teleschau - der mediendienst