Doctor Strange

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Das große Zittern

Mystisch, magisch, merkwürdig: Jetzt zieht also auch "Doctor Strange" in Marvels Kinocomicuniversum ein. Wer das ist? Die Frage muss erlaubt sein. Erstens, weil Doctor Strange vor allem hartgesottenen Comic-Fans bekannt ist. Und zweitens, weil man bei den ganzen Marvel-Superhelden, die seit ein paar Jahren im Kino die Welt retten, ja mal den Überblick verlieren kann. Iron Man, Hulk, Captain America, Black Widow, der Typ mit Pfeil und Bogen, der andere Typ mit den mechanischen Flügeln Nun also: Doctor Stephen Strange ist ein arroganter Neurochirurg, der aus seinem New Yorker Penthouse auf die Avengers-Zentrale schauen kann, aber mit der schnellen Eingreiftruppe (noch) nicht viel zu tun hat. Aber das wird sich schnell genug ändern - allerdings noch nicht in diesem 3D-Film: "Doctor Strange" gehört ganz allein Doctor Strange und seinem umwerfenden Darsteller Benedict Cumberbatch.

Bevor Strange in das Geschäftsfeld seiner Quasi-Nachbarn einsteigt, bekommt er nach einem Autounfall das große Zittern - nicht nur in seinen Händen. Auch sein Ego wankt, worunter Stranges außergewöhnlich liebenswürdige Kollegin Christine (Rachel McAdams) besonders leidet. Am schlimmsten betroffen ist aber faktenbasierte Weltbild des Wissenschaftlers.

Der arrogante Ausnahmemediziner, Benedict Cumberbatch ist mit seiner britischen Borniertheit die perfekte Besetzung, muss sich wohl oder übel damit anfreunden, dass die Welt nicht nur aus einer einzigen Realität besteht. Dabei wollte Strange im mysteriösen Tempel Kamar-Taj in Nepal eigentlich nur seine lädierten Nervenbahnen reparieren lassen.

Wunderheiler gibt es dort freilich nicht, dafür aber einen geheimen Orden Magier: Angeführt von der Ältesten (Tilda Swinton) kämpfen die Zauberer mit mystischen Kräften gegen Ungeheuerlichkeiten aus anderen Dimensionen. Doctor Strange erweist sich als potenter Neuzugang: Er könnte zum mächtigsten Zauberer aller Zeiten werden und die Welt retten. Ganz wie die Avengers, nur eben auf einer mystischen Ebene. Während Captain America, Iron Man und Co. die Menschen vor allem vor sich selbst beschützen, muss Doctor Strange mit Energieflüssen aus anderen Dimensionen, übernatürlichen Kreaturen und den Naturgesetzen fertig werden.

Man muss sich als Zuschauer darauf einlassen, dass die Gesetze der herkömmlichen Physik in der Realität von "Doctor Strange" noch weniger gelten als in den Träumen von Christopher Nolans "Inception". Der neue Marvel-Streifen ist eine ziemlich mystische Angelegenheit: Die esoterische Schiene, dieser Ausflug in die Fantastik ist gewöhnungsbedürftig und hat den Nachteil, dass die Story so ziemlich jede Volte schlagen kann, die sie mag. Wenn schon mal alles möglich ist ... dann auch eine 08/15-Handlung.

Es ist ein bisschen ärgerlich, wie wenig Fantasie in der eigentlichen Geschichte steckt: Stranges Heldwerdung? Batman von der Comic-Konkurrenz DC hat sie genauso durchgemacht. Sein selbstverliebter Witz? Den hat Iron Man besser drauf. Aber: "Doctor Strange" gewinnt dem ohnehin spektakulären Marvel Cinematic Universe noch einmal eine ganz neue Dimension Spektakularität ab. Nun mag Spektakularität kein vom Duden abgesegnetes Wort sein. Doch was soll man sagen, wenn sich ganze Städte zusammenfalten lassen, wie ein Blatt Papier? Wenn New York und London auf dem Kopf stehen? Wenn sich die handelnden Figuren durch Feuerringe in andere Dimensionen katapultieren? Wenn Entdeckungsreisen durch lilafarbene Paralleldimensionen mit Pink-Floyd-Songs unterlegt sind?

Keine Frage: "Doctor Strange" macht Eindruck, und Regisseur Scott Derrickson erledigt seinen knapp zweistündigen Job gewissenhaft. Sein Film ist kurzweilig, unterhaltsam und bereitet den Boden für kommende Abenteuer der fantastische Marvel-Helden vor. In nicht allzu ferner Kinozukunft nämlich werden der zum Zauberer gereifte Arzt und die Superhelden-Eingreiftruppe zusammenfinden: In "Avengers - Infinity War" sollen sich 2019 alle Helden des gesamten Universum - egal ob mystisch, irdisch oder intergalaktisch - zusammenraufen, um dem ultimativ Bösen den Zahn zu ziehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst