Oliver Polak

Oliver Polak





"Sogar Hitler wäre willkommen"

Oliver Polak gilt nicht nur als einziger jüdischer Comedian aus Deutschland, sondern auch als Unterhalter mit einer gewissen Gnadenlosigkeit. Die schmerzhafte Offenheit, mit der er seinen Gesprächspartnern begegnet, ist für den 40-Jährigen allerdings auch Standard bei der Beschäftigung mit sich selbst. Über seine schwere Depression, die ihn in die Psychiatrie brachte, schrieb er ein Buch ("Der jüdische Patient"). Mit dem neuen ProSieben-Talk "Applaus und Raus!" will der Wahl-Berliner ab Montag, 24. Oktober, 23.15 Uhr, an zunächst fünf Abenden testen, ob Gespräche im Fernsehen auch anders als gewohnte Talkshows funktionieren könnten. Die Überraschungsgäste, die ihm seine Redaktion einlädt, kann der streitbare Comedian nämlich jederzeit per Buzzer rausschmeißen.

teleschau: Worauf freuen Sie sich bei "Applaus & Raus" mehr - auf gute Gespräche oder die Gelegenheit, nervige Gäste einfach rauszuschmeißen?

Oliver Polak: Darauf, gute Gespräche zu führen - ist doch klar. Der Buzzer ist nur für Leute, die nicht freiwillig gehen, wenn sie öde sind. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und liebe es, Knöpfe bei Leuten zu drücken, damit sie reagieren und sich zeigen. Deshalb interessiert mich auch das Konzept von "Applaus & Raus". Es setzt mir Gäste vor, aber ich weiß nicht, wer kommt.

teleschau: Über welche Gäste würden Sie sich freuen?

Polak: Das können Prominente sein - vielleicht Til Schweiger oder Thomas Gottschalk. Aber auch normale Menschen, die etwas Außergewöhnliches tun oder erlebt haben. Vielleicht einer, der den Anschlag von Paris in der Konzerthalle überlebt hat. Ein Hooligan, der jemanden umgebracht hat. Oder ein Mensch, der mit seinem Boot Flüchtlinge aus dem Meer fischt. Es kann auch passieren, dass jemand aus meiner Familie kommt - wenn sich der Reiz dieser Begegnung dem Publikum erschließen könnte. Es gibt erst mal keine Ausschlusskriterien.

teleschau: Und das Ganze wird in einem Fernsehstudio aufgezeichnet?

Polak: Nein, es kommt aus einem Club namens "Musik & Frieden" am Schlesischen Tor in Berlin. Früher hieß der Laden "Magnet-Club". Wir sitzen da in der Baumhaus-Bar, das ist im ersten Stock und draußen fährt die gelbe U-Bahn vorbei. Normalerweise zeichnen wir 'Applaus und raus!' eine Woche vor Ausstrahlung auf. Wir werden aber einen kleinen Teil der Sendung tagesaktuell drehen. Zum Schluss planen wir immer noch einen Musik-Act, aber das ist ein Künstler oder eine Band, die unten im Club tatsächlich gerade ein Konzert geben. Ich komm dann am Ende noch kurz dazu ...

teleschau: Sie haben sich in früheren Interviews über die Kaltherzigkeit des heutigen Fernsehens beschwert und Leute wie Carrell, Kulenkampff oder auch Gottschalk gelobt, die noch echte Gastgeber waren. Wie passt das zu Ihrem Buzzer-TV?

Polak: Ich möchte nichts lieber tun, als warmherzige Gespräche führen. Aber es gibt eben auch Leute, die wollen oder können sich nicht drauf einlassen. Dann muss ich eben Schluss machen. Es bekommt bei mir aber keiner einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt und wird auch nicht in den Keller eingesperrt - wir sind ja nicht in Österreich.

teleschau: Gibt es auch Menschen, die Sie sofort rausbuzzern würden?

Polak: Nein, es bekommt jeder die Chance bei mir, ein offenes Gespräch zu führen. Ich rede auch mit den Böhsen Onkelz. Sogar Hitler wäre willkommen.

teleschau: Ein gutes Gespräch zu führen, ist die Aufgabe eines Talkmasters. Geben Sie nicht im Moment des Buzzerns zu, selbst gescheitert zu sein?

Polak: Nein, das sehe ich anders. Auch meine Redaktion wäre in diesem Falle nicht Schuld, weil sie die Leute falsch ausgesucht hätten. Es gehört zu den Wundern unseres Lebens, dass man vorher nie sagen kann, ob zwei Leute im nächsten Moment ein gutes Gespräch führen werden. Nehmen Sie Götz George - wenn wir schon über altes Fernsehen reden. Der war als Talk-Gast unberechenbar. Manchmal charismatisch und aufregend, aber hin und wieder auch unschlagbar übellaunig. Man wusste nie, wie er an diesem Abend drauf war. Ich hätte aber auch kein Problem damit, zu scheitern.

teleschau: Sie meinen, dass Sie austeilen, aber auch einstecken können?

Polak: Manche Leute sagen: "Ey, deine Stand-ups sind echt zu hart." Das finde ich nicht. Die Welt da draußen und alles, was mir entgegenkommt, ist viel härter. Donald Trump wäre ein banales Beispiel. Wenn man sich seine Sprüche anguckt, kommt da in Sachen Drastik kein Stand-up-Programm dagegen an. Lasst die Komiker in Ruhe, denn wir arbeiten nur mit Worten. Andere tun schlimme Dinge, wir reden lediglich drüber.

teleschau: Comedy dient also der Bearbeitung eines grundsätzlich harten Lebens?

Polak: Ja, das sehe ich so. Allein, wie das Leben schon anfängt - man muss sich durch eine enge Vagina kämpfen, um überhaupt hier auf der Welt anfangen zu können.

teleschau: Was hat Sie zur Comedy gebracht?

Polak: Sicherlich keine deutsche Standup-Comedy. Meine Vorbilder kommen fast alle aus Amerika: Lenny Bruce, Richard Pryor, Steve Martin. Mir ging es nie darum, weiche Ziele zu treffen. Wenn es gut läuft, geht der beste Gag des Abends auf meine Kosten. Dieses "Härter, härter, härter" sagt mir aber auch nichts. Es geht mir um Wahrhaftigkeit, und die vermisse ich bei vielen Leuten aus Deutschland. Natürlich gibt es auch hier Leute, die interessant sind wie Serdar Somuncu, den ich sehr echt finde, oder auch Carolin Kebekus. Aber dann hört es auch schon irgendwie auf.

teleschau: Ist deutsche Comedy heute besser oder vielleicht sogar schlechter als in jenen Tagen, als man sagte, Humor und Deutsch - das passt nicht zusammen?

Polak: Früher gab es Einzelne, die ihr Ding gemacht haben: Heinz Erhardt. Und Leute wie Otto, Hape Kerkeling oder Helge Schneider, die waren genial, weil sie etwas völlig Eigenes im quasi luftleeren Raum machten. Dann kam der Quatsch-Comedy-Club und sagte: "Wir machen jetzt Stand-up!" So war es aber nicht. Da traten Leute mit Perücken oder in Verkleidungen auf. Dieter Nuhr hatte ein T-Shirt an, da stand seine eigene Internetadresse drauf. Das ist für mich Klamauk und Geschäft. Der weiterentwickelte Herrenwitz. Natürlich bin ich auch hier und da aufgetreten - fühlte mich dabei aber meistens unwohl.

teleschau: Was macht gute Stand-up Comedy aus?

Polak: Man muss echt sein. Es geht nicht um Kalauer oder einstudierte Witze, man muss sein Leben erzählen. Es gibt eine Regel in der Show, die auch für mich gilt: Wenn du schon nicht lustig bist, sei wenigstens interessant.

teleschau: Stand-up heißt also, dass der Künstler eine Nähe zu sich selbst herstellt?

Polak: Genau. Es geht um meinen Blick auf die Welt, auf die Dinge, auf mich selbst. Das können Alltagsbeobachtungen sein. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass Leute, die an Strohhalmen ziehen, immer traurig aussehen. So etwas kann man teilen. Aber ich fange sicher keinen Witz mit den Worten an: "Kennen Sie das, Sie stehen an der Fleischtheke und dann passiert Folgendes ..." - Das ist für mich Comedy, die stehengeblieben ist. Aber man muss sich ständig hinterfragen, analysieren, in die Zange nehmen. Nur so vermeidet man etwas Trauriges wie Humor-Stillstand.

teleschau: Und der ist in Deutschland weit verbreitet?

Polak: Ja, aus den genannten Gründen. Auch deshalb, weil hier politische Korrektheit über alles geht. Gute Stand-up-Comedy ist nie political correct. Leute wie Lenny Bruce oder Andy Kaufman wurden auch mal verhaftet und ihre Sachen vom Fernsehen rausgeschnitten. Wenn man Humor macht, dann geht das nur ganz oder gar nicht. Comedians, die sich in Sachen Humor selbst beschränken, sollten beruflich lieber etwas anderes machen.

Quelle: teleschau - der mediendienst