Das kalte Herz

Das kalte Herz





Die große Gier

Ein Herz aus Stein, das muss einer haben, der es zu etwas zu bringen will; emotionaler Ballast ist nun mal hinderlich, wenn man viel Geld verdienen will. Der Filmemacher Johannes Naber übersetzt Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" in eine düstere Parabel über das Wesen der Gier: Seine Neuverfilmung passt ziemlich gut in eine Zeit, in der sich große Firmen in Steuerschlupflöcher zurückziehen oder sich in transatlantischen Handelsabkommen eine Paralleljustiz zum Schutz ihrer Investitionen zusichern lassen. Im Kern ist "Das kalte Herz" in der Kinoversion 2016 kaum verhohlene Kapitalismuskritik, die ihre Schärfe jedoch einer gefälligen Fantasy-Inszenierung opfert.

Die Liebe hat eigentlich keine Chance, wenn sie gegen die Gier antritt: Aber weil Wilhelm Hauffs "Das kalte Herz" aus der Epoche der deutschen Romantik stammt, obsiegt am Ende des Märchens doch das Gute im Menschen. Das ist bei Naber nicht anders, obwohl er sich ein paar Freiheiten nimmt, um die Geschichte von Peter Munk (Frederick Lau) zu erzählen.

Der Köhlerjunge fristet ein ärmliches, aber ehrliches Dasein im Schwarzwald. Die dreckige, anstrengende Arbeit wirft nicht viel ab. Wen wundert's, dass der junge Mann von einer besseren Zukunft träumt, von einem Leben in Saus und Braus - und mit der schönen Lisbeth (Henriette Confurius) an seiner Seite.

Das Problem ist nur: Der Weg aus dem Prekariat ist Peter verstellt. Der Holzfäller Etzel (Roeland Wiesnekker) und sein Sohn Bastian (David Schütter), aber auch Lisbeths Vater (Sebastian Blomberg), ein Glasmacher, haben das Geld und absolut kein Interesse an sozialer Gerechtigkeit. Johannes Naber verwendet zu Beginn des Films viel Zeit darauf, unmissverständlich klar zu machen, wer zur Unterschicht gehört und warum ein sozialer Aufstieg ohne Tricks und Zauberei unmöglich ist.

Peter bleibt in seiner Verzweiflung nichts anderes übrig, als sich an die Waldgeister zu wenden: Das herzensgute Glasmännchen (Milan Peschel) erfüllt ihm sogar drei Wünsche, die sich für Peter finanziell kurzfristig auszahlen, auf lange Sicht aber als ziemlich töricht erweisen. Erst als Peter beim finsteren Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu) sein Herz gegen einen Stein eintauscht, wird er zum gemachten Mann. Seine Gier aber fordert das größtmögliche Opfer.

Natürlich muss sich Johannes Naber dem Vergleich mit dem Defa-Klassiker aus dem Jahr 1950 stellen: Paul Verhoeven hatte "Das kalte Herz" damals als beängstigende und emotional packende Horrormär inszeniert und Peters Wandlung vom Paulus zum Saulus (und zurück) in den Mittelpunkt gestellt.

Naber hingegen interessiert sich mehr für das gesellschaftliche Umfeld, in dem nur die Kaltblütigsten überleben. Kein Wunder, dass beim Holländer-Michel eine beträchtliche Sammlung an Herzen an der Wand hängt. Dass Naber "Das kalte Herz" als ambitionierten Fantasyfilm inszeniert, nimmt ihm allerdings den Bezug zur Realität.

Zumal der Regisseur beim Einsatz von Kostümen, Masken und technischen Tricks öfter über die Stränge schlägt und vor allem seinem Hauptdarsteller zu viele Übertreibungen durchgehen lässt. Für leise Zwischentöne fehlte ihm der Mut: Das wird besonders in der Szene deutlich, in der sich Peter nach einem Todesfall an sein Herz erinnert. Er muss zurück zum Holländer-Michel - kein wirkliches Problem: Moritz Bleibtreu ist weit weniger furchteinflößend als es Erwin Geschonneck vor 66 Jahren war.

Quelle: teleschau - der mediendienst