The Accountant

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Good Ben Hunting

Einen Buchhalter stellt man sich für gewöhnlich eher als drögen, bebrillten Zahlenrassler vor, selten als gewieften und gewalttätigen Actionhelden. In Gavin O'Connors kühl gefilmtem "The Accountant" verbindet der titelgebende Protagonist beides. Ben Affleck spielt einen verschlossenen Eigenbrötler mit abgründiger Seite in einem Film, der eine nicht immer konsistente Wundertüte ist: Ein bisschen "Good Will Hunting", ein bisschen "Jason Bourne", ein bisschen "Rain Man", ein bisschen "Der Dritte Mann". Ein bisschen viel von allem, ein Action-Krimi-Drama-Thriller-Superheldenfilm, der mit seiner Abgedrehtheit durchaus auf Franchise-Potenzial schielt. Größtenteils ist "The Accountant" dabei sehr unterhaltsam - auch wenn er beim Versuch, den Spagat verschiedener Genres und Stimmungen zu meistern, irgendwann den Bogen völlig überspannt.

Wer ist Christian Wolff, dieser unsoziale, aber nicht völlig unsympathisch wirkende Hüne, der sein Herz auf der Zunge trägt und unfassbar schnell rechnen kann? Diese Frage stellt sich in der ersten Stunde dieses mit 128 Minuten etwas zu lang geratenen Films nicht nur der Zuschauer, sondern auch das zahlenmäßig große und namhaft besetzte Personal von "The Accountant": Der lässige Direktor der Steuerbehörde (J.K. Simmons), seine Helferin mit dunkler Vergangenheit (Cynthia Addai-Robinson), eine schüchterne Buchhalterin (Anna Kendrick), ein zwielichtiger Firmenchef (John Lithgow). Sie alle sehen jeweils nur eine Facette des nur äußerlich bieder lebenden Buchhalters, der Verbindungen zu sämtlichen Unterweltgrößen unterhält und sich gleich hinter mehreren Pseudonymen verschanzt. Mehr als seine schemenhafte Rückenansicht auf Polizeifotos bekommen aber nicht einmal die Ermittler zu sehen.

Soviel sei verraten: Der steife Autist, der von seinem Army-Vater zur brutalen Kampfmaschine herangezogen wurde, ist eine zutiefst ambivalente Figur. Ein killender Kontrollfreak mit strengem Moralkodex, ein Rechenmeister, der allerdings mit gespanntem Bizeps, aufgeklappten Messern und großkalibrigen Scharfschützengewehren ebenso gut umgehen kann wie mit Zahlen. Eine echte Maschine also - wäre da nicht dieser verräterische Kinderreim, den Wolff immer dann bemühen muss, wenn eine für ihn stressige Situation eintritt, oder andere bizarre Rituale, wie etwa seine nächtlichen, zu Blitzlicht ausgeführten Selbstkasteiungen.

Dass eine solch überzeichnete Figur sich kaum dazu eignet, die medizinische Entwicklungsstörung Autismus akkurat wiederzugeben, liegt auf der Hand. Ben Afflecks Darstellung ist dementsprechend irgendwo zwischen (unfreiwillig) amüsant und absurd anzusiedeln. Mit dem ständig starren Blick balanciert er stets an der Grenze zum Klischee. Wie der ganze Film, dessen Drehbuch von Bill Dubuque 2011 in Hollywood als Geheimtipp gehandelt wurde, am Besten nicht allzu bierernst genommen werden sollte.

Vom ungewöhnlichen Protagonisten einmal abgesehen, ist die Handlung von "The Accountant" rund um die dubiosen Finanzabwicklungen eines High-Tech-Konzerns recht überschaubar gestaltet und wirkt wie vom Reißbrett für Thrillerautoren. Mithilfe zahlloser Rückblenden, die sich zumeist der traumatischen Vergangenheit des Buchhalters annehmen, wird eine scheinbare Komplexität suggeriert. Was dazu führt, dass die vielen Nebenfiguren zuweilen arg untergehen.

Gegen Ende knallts dann richtig und das nicht nur im bleihaltigen Shootout: Neue Verbindungen zum Buchhalter werden offenbart und Geheimnisse gelüftet, die lieber bis zur etwaigen Fortsetzung gehütet hätten werden sollen. So geht die Rechnung von "The Accountant" wegen einiger Schönheitsfehler nicht ganz glatt auf.

Quelle: teleschau - der mediendienst