Swiss Army Man

Swiss Army Man





Aufgebläht

Eben noch wollte sich Hank (Paul Dano) erhängen, weil es ihn auf eine unbewohnte Felseninsel verschlagen hat, von der es anscheinend keine Rettung gibt. Nun aber flitzt er über die Wellen. Nicht auf einem Speedboot oder einem Delphin, sondern auf einer Leiche, die er Manny (Daniel Radcliffe) nennen wird, angetrieben von den gewaltigen Fürzen, die dem adrett gekleideten Toten entweichen. Manny ist auch nützlich als Wassertank und Fontäne. Oder als Gewehr, aus dessen Mündung respektive Mund dank Luft im Körper selbstgebastelte Geschosse fliegen. Hank hat kein Schweizer Taschenmesser zur Verfügung, aber eben einen "Swiss Army Man". Als Kurzfilm wäre die burleske Robinsonade genau richtig, als Langfilm bringt sie das Zeitgefühl total durcheinander. Die 97 Minuten wirken aufgebläht.

Schon die Besetzung legte ein ehrgeiziges Projekt nahe: Nach Ablauf seiner "Harry Potter"-Zeit suchte Daniel Radcliffe nach sinnvollen Anknüpfungspunkten für eine weitere Schauspielkarriere. Paul Dano spielte in vielen Filmen so oft und so gut die zweite Geige, dass er sicherlich dankbar war, noch mehr von seinem Können zeigen zu dürfen. Überdies überrascht der Film nicht nur mit üppigem Setdesign, sondern nimmt auch mit leicht psychedelischer 70er-Atmosphäre für sich ein. Zu jener tragen die satten Farben von Kameramann Larkin Seiple und die delirierende Sphärenklang-Musik von Andy Hull und Robert McDowell viel bei. Nur ist dies alles einige Nummern zu groß für das, was der Film im Kern bietet.

Wie Hank auf die Felseninsel gelangt ist und warum Manny dort plötzlich am Strand liegt, darf gern ungeklärt bleiben. Hingegen kommt Hank allzu bequem von der Insel weg, wenn er mit Mannys Furzantrieb unversehens bis ans Festland gelangt. Dort herrscht zwar auch wilde Natur, doch stiehlt sich das Drehbuch damit etwas sehr abrupt aus der klaustrophobischen Ausgangssituation. Es wird fantastischer: Der Tote, von Hank oft wie eine Puppe bewegt, beginnt nun zu sprechen, erst bruchstückhaft, dann in zusammenhängenden Sätzen und schließlich sogar philosophisch-therapeutisch. Der junge Mann aus dem Jenseits kann sich nicht erinnern, überhaupt gelebt zu haben: "Was ist das Leben?" Hank versucht alles zu erklären, Manny hinterfragt ebensoviel; Hank kommt ins Grübeln und wird traurig. So hebt eine verquaste Lebensberatung für Hank an, der gesteht, dass ihn seit dem Tod seiner Mutter niemand geliebt habe, und so weiter, und so weiter.

Radcliffe ist 27, Dano 32. Dennoch müssen sie Spätpubertierende mimen, die sich in pennälerhafter Pipi-und-Kacka-Poesie über die Nichtigkeit des Daseins austauschen. Dem Thema Mädchen nähern sie sich in einem infantilen Travestiespiel, mit dem der Film Zeit schindet. Hank verkörpert jene Sarah, die er im Bus nie anzusprechen wagte, und Manny den coolen Typen, der sie kriegt. Eigentlich ist das ein Triumph des Szenenbildes. Ein ganzer Bus ist aus Stöcken und Ästen nachgebaut, anstelle einer Landschaft rollen Bilder aus Magazinen vorbei, die sich unter dem Zvilisationsmüll in den Wäldern finden. Aber der Aufwand ist für die Katz, weil die idiotische Grundidee nicht zu rühren vermag.

Das Drama vom Erwachsenwerden verfängt so wenig wie die angedeutete Allegorie auf die Einsamkeit in der Wegwerfgesellschaft. "Swiss Army Man" ist ein derber, makabrer Witz, der sich dehnt, bis seine Pointe flöten geht.

Quelle: teleschau - der mediendienst