American Honey

American Honey





Amerikas neue Kinder

Star (Sasha Lane) steht auf einem Supermarkt-Parkplatz im Nirgendwo des Mittleren Westen. Sie hat ihre jüngeren Geschwister im Schlepptau, eine Mutter, die sich in Bars rumtreibt und keine Perspektive. Sie will weg; man wünscht ihr, dass sie den Absprung schafft. Und dann kommt Jake (Shia LaBeouf). Ein Mann, der ein Versprechen ist - Freiheit, Liebe, Träume. Also alles, was man als 18-Jährige so braucht zum Leben und was ihr die britische Filmemacherin Andrea Arnold auch gibt: "American Honey" ist ein traumhaftes Road-Movie, das sich seinen Protagonisten impulsive 164 Minuten lang hingibt.

Dass Rihanna bei der ersten Begegnung von Star und Jake "We Found Love In A Hopeless Place" singt, ist Programm. Der stampfende Beat des Songs gibt den Takt des Films vor, die Lyrics das Thema. Star und Jake gehören zu Amerikas neuen Kindern. Sie wollen aus einer Wirklichkeit ausbrechen, die ihnen auf herkömmlichem Wege nur unerfüllte Versprechen bieten kann.

Die Kids, mit denen Jake unterwegs ist, sind der Gegenentwurf aus Sex, Drogen und Rock'n'Roll. Star lässt sich treiben mit dieser Gruppe, die angeführt von der harschen Krystal (Riley Keough), von Stadt zu Stadt tingelt und Zeitschriften-Abos vertickt. Ein Job in einer Drückerkolonne mag nicht Jedermanns Geschmack sein, für die Kids ist er aber genau das, was sie wollen. Sie sind selbstbestimmt, feiern, hören Musik, necken sich. Wer am Ende des Tages die wenigsten Abos verkauft hat, wird verkloppt. Aber nur ein bisschen. Und dann geht's weiter.

"Wir arbeiten nicht nur. Wir entdecken irgendwie Amerika", sagt Jake einmal zu Star. Aus den Augen der Europäerin Arnold betrachtet, ist dieses Amerika ein Land der Gegensätze - aus wohlhabenden Suburbs und heruntergekommenen Vorstädten, aus strengen moralischen Imperativen und hedonistischer Aufmüpfigkeit.

Das mag man alles kennen, weil sich das Kino an diesen Konflikten immer schon gerne abgearbeitet hat. Aber so direkt, wie Arnold die soziale Wirklichkeit "en passant" erleben lässt, ist es doch wieder etwas ganz Neues. Arnold spielt mit Details und Unschärfen, scheut sich nicht vor Klischees und ist immer neugierig. Das strenge 4:3-Format setzt ihren Bildern enge Grenzen, die Kameramann Robbie Ryan mit seiner wackligen Handkamera ganz natürlich sprengt und einen dynamischen, assoziativen Reigen entstehen lässt. Manchmal wirkt der etwas aufgesetzt und redundant. Aber das ist ziemlich egal.

"American Honey" ist ein Film, der sich an sich selbst berauscht. Und das ist nicht nur gut so, sondern auch ziemlich ansteckend. Andrea Arnold ("Wuthering Heights", "Fish Tank") lässt ihn gewähren. Sie interessiert sich mehr für den Moment, als für die emotionale Entwicklung, die bei dem unerhörten Tempo, das "American Honey" geht, ohnehin schwer nachzuvollziehen wäre. Das ist naiv, aber in der Naivität stecken Kraft und Unvernunft einer Jugend, für die Kansas City der Nabel der Welt ist und die sich einfach nur treiben lassen will. Zu einem unverschämt guten Soundtrack, der mitunter zum Hauptdarsteller des Films wird.

Arnolds Kunst ist, dass die größtenteils von Laiendarstellern gespielten Figuren trotzdem echt sind, dass man mit ihnen mitfühlen kann. Die Liebesgeschichte zwischen Jake und Star etwa ist so ehrlich wie beiläufig und spielt in der Gruppe von Außenseitern keine große Rolle. Nur Krystal sieht darin eine Bedrohung für ihre Machtposition in der Drückerkolonne, vögelt ihre Bedenken aber einfach weg.

Sie hat, wie ihre Schar von Amerikas neuen Kindern, keine Zeit für Nebensächlichkeiten. Weil sie alle damit beschäftigt sind, aus der Perspektivlosigkeit auszubrechen und ein anderes Leben zu leben. In diesem Sinne ist "American Honey" auch eine Utopie, die im Hier und Jetzt des Mittleren Westens real wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst