Die Welt der Wunderlichs

Die Welt der Wunderlichs





Kein Sonnenschein

Im US-Indie-Kino gehören charmante Außenseiter-Komödien seit Jahren zum liebgewonnenen Trend. Werke wie "Garden State" (2004), "Juno" (2007) und "Little Miss Sunshine" (2009) erzählten vom Unangepassten und Unperfekten, vom Scheitern und Mutfassen. Auf die inzwischen nicht mehr außergewöhnliche Ästhetik ließ sich zuletzt auch das sonst oft grobschlächtig agierende deutsche Komödienkino ein - allen voran Maren Ades herausragende Oscar-Hoffnung "Toni Erdmann" mit Peter Simonischeck in der Titelrolle. Jener verkörpert auch in Dani Levys Versuch einer Familien-Screwball-Comedy wieder einen Vater der etwas anderen Art. Überhaupt bewegen sich in der kaputten "Welt der Wunderlichs" alle Familienmitglieder abseits der Norm - im Gegensatz zum gut gemeinten, doch trotz enormer Überzeichnungen allzu braven "Little Miss Sunshine"-Abklatsch.

Die zweite Chance im Leben, nochmal von vorn anfangen: Unter derlei Worthülsen verhandelt Hollywood mit vereinfachendem Blick Lebensgeschichten, die mit der komplexen Wirklichkeit wenig zu tun haben. Schlimm ist das abgesehen von einer naiven Du-kannst-alles-schaffen-Vorstellung nicht: Schließlich bescherte uns diese Spielart liebenswert gescheiterte Charaktere ebenso wie erbauende Feelgood-Abende vor der Leinwand.

Diesem Ideal nähert sich in seinem Neuling auch Dani Levy, dessen letzter Kino-Erfolg "Mein Führer" beinahe zehn Jahre zurückliegt. Der Schweizer Regisseur, einst als deutschsprachiges Ebenbild der jüdisch-amerikanischen Neurosen-Chroniker gehandelt, verortet sich mit "Die Welt der Wunderlichs" in einer Tradition, die 2001 mit dem Indie-Hit "Royal Tenenbaums" ihren Anfang nahm: Zwischen anarchischem Chaos und zerrütteten Kinder-Eltern-Beziehungen will eine gescheiterte Familie auf einem Roadtrip wieder zueinander finden.

Nach einer zweiten Chance sucht auch Mimi Wunderlich, deren fahriger Charakter Katharina Schüttler wie auf den Leib geschneidert ist. Die ehemals erfolgreiche Musikerin und Alleinerziehende ist am Ende: Ihr ADHS-Sohn Felix (Ernst Wilhelm Rodriguez) sperrt Lehrer ein und sorgt nur für Trubel, Mutter Liliane (Hannelore Elsner) gibt als abgehalfterter Ex-Schlagerstar nicht minder infantil die Hypochonderin. Währenddessen machen der spielsüchtige Vater (Simonischek) und die emotional kalte Schwester (Christiane Paul) Mimis Leben ebenso zur Hölle wie ihr Ex und Kindsvater Johnny (Martin Feifel), seines Zeichens Rockmusiker und Drogenwrack.

In dieser klischeereichen und an psychologischen Auffälligkeiten nicht gerade armen Konstellationen schickt Levy seine Protagonisten auf eine absurde Reise. Ziel: ein Castingwettbewerb namens "Second Chance", zu dem Felix seine einst erfolgreiche Mutter heimlich anmeldete. Auf dem Weg in die Schweiz, wo die Comeback-Show entsteht, wird Mimi von ihrer hoffnungslos chaotischen Familie begleitet. Nicht nur auf den ersten Blick lässt der 2009er-Erfolg "Little Miss Sunshine" mit frappierenden Ähnlichkeiten grüßen.

Subtilitäten und Anspielungen sind Levys Sache nicht: Jedwede bizarre Charaktereigenschaft der Familienmitglieder wird hoffnungslos ausgespielt und überzeichnet. "Die Welt der Wunderlichs" entpuppt sich als ein Kosmos veritabler Zerrbilder von Alleinerziehenden, Alkoholikern, Drogenabhängigen, Depressiven, Narzissten, psychisch Kranken und gescheiterten Musikern. Das ehrbare Anliegen - nämlich angebliche individuelle Mängel als gesellschaftlich hervorgerufene und deshalb weit verbreitete aufzuzeigen - wird dadurch ironischerweise ad absurdum geführt: Hinter den pathologischen Kaputtheiten der Figuren verbirgt sich wenig Sympathisches, sie geraten lediglich zu (in der Tat wunderlichen) Slapstik-Wesen.

Selbst Simonischeck, der ja gezeigt hat, wie es besser geht, vermag seine Klasse im Holzhammer-Humor des Drehbuchs nicht auszuspielen. Selten gelingt es Levy, der ebenfalls schon bewies, dass er es besser kann, seiner im Ansatz verheißungsvollen Failed Family so etwas wie spaßige Dysfunktionalität zu verleihen. Selbst die Steilvorlage, sowohl das krankmachende Musikgeschäft als auch das ausbeuterische TV-Castingshow-Business intelligent zu persiflieren, nutzt "Die Welt der Wunderlichs" nur spärlich. Um Längen unterhaltsamer als der übliche deutsche Humor-Schmonz ist Levys Screwball-Experiment natürlich allemal - wären da nicht die geläufigen US-Vorbilder, an denen es sich die Zähne ausbeißt.

Quelle: teleschau - der mediendienst