Saint Amour - Drei gute Jahrgänge

Saint Amour - Drei gute Jahrgänge





Die Wahrheit ist ein volles Glas

Schöne Männer sind Bruno und sein Vater Jean nicht - eher die französische Entsprechung des "White Trash": ziemlich weiß, ziemlich armselig, ziemlich prollig. Dass sie ihr Herz dennoch am rechten Fleck tragen, verraten die Filmemacher Benoît Delépine und Gustave Kervern in ihrem neuen Film "Saint Amour" erst ziemlich spät . Zuvor schicken sie das Vater-Sohn-Duo auf eine ausgedehnte Sauftour durch Frankreich - immer auf der Suche nach dem nächsten guten Tropfen Wein, nach ihrer verlorenen Würde und nach einer Frau.

Gérard Depardieu und Benoît Poelvoorde spielen Vater und Sohn. Die beiden haben bereits früher mit Delépine und Kervern zusammengearbeitet: in "Mammuth" (Depardieu) und "Der Tag wird kommen" (Poelvoorde). Man kennt sich also, und es überrascht nicht, dass sich die Schauspieler augenscheinlich sehr wohl fühlen in "Saint Amour". Der Kosmos, in dem sich das Regie-Duo bewegt ist stets ähnlich: Sie interessieren sich für das Triste. Ihre Protagonisten sind Randgestalten in einem wenig glanzvollen Umfeld.

"Saint Amour" beginnt auf einer Landwirtschaftsmesse. Jean, der auch im Rentenalter noch stolzer Bauer ist, will dort seinen Zuchtbullen prämieren lassen. Ein schönes Motiv, wie Gérard Depardieu da neben dem Tier steht. Zwei Sinnbilder sind sie, für eine längst vergangene Würde, die Jeans Sohn Bruno noch nie besessen zu haben scheint. Der Filou, ein übellauniger Endvierziger, kostet sich mit einem Kumpel durch die Messe bis er lallend in einer Ecke liegt und lauthals eine Frau begehrt.

Wirklich sympathische Zeitgenossen sind weder Bruno noch Jean. Grimmig und verbittert sind sie, können dem Leben kaum noch eine Freude abgewinnen. Aber man kann sie in ihrer Verzweiflung auch verstehen - es war ja schon immer das Geheimnis von Delépine und Kervern, die Sympathien für die merkwürdigsten Typen wecken zu können. Die Regisseure schicken Vater und Sohn auf einen Roadtrip durch Frankreichs berühmteste Winzerregionen: Sie mögen sich besinnungslos saufen, weil sie sonst einfach nicht zu Sinnen kommen.

Chauffiert werden sie vom jungen Taxifahrer Mike (Vincent Lacoste), der Bruno und Jean ein urbanes Hipsterleben vorgaukeln will, cool und lässig wie man sich heutzutage in der Großstadt so gibt. Aber Grunde seines Herzens hat er dieselben Probleme wie die beiden Landeier. Einsamkeit gehört dazu: Die Sehnsucht nach einer Frau ist ein Leitmotiv des Roadmovies.

Bruno wünscht sich sehnlichst eine Partnerin und macht seinen Beruf als Landwirt für sein Single-Dasein verantwortlich. Den Hof seines Vaters zu übernehmen - darauf hat er keine Lust. Nur weiß Jean das noch nicht, der in immer wiederkehrenden rührenden Szenen seiner verstorbenen Frau auf die Mailbox spricht, weil er ihre Stimme noch einmal hören möchte. Und Mike, der gerne supercool wäre, hat von seinen Frauen nur ein paar sentimentale Erinnerungen übrig.

Auf ihrer gemeinsamen Tour haben die drei genügend Stoff, damit ihnen die Zeit auf der Landstraße nicht langweilig wird. "Saint Amour" ist mal nüchtern und mal besoffen, der Film wechselt auf der Fahrt zwischen Ernsthaftigkeit und Klamauk hin und her. Nicht jeder Gedanke ist dabei tiefgründig, und nicht jede Pointe zündet. Aber das macht nichts, weil Jean, Bruno und Mike in vielen faszinierenden Begegnungen ihre Weingläser leeren, um festzustellen, dass die Gläser ihres Lebens doch noch recht voll sind.

Quelle: teleschau - der mediendienst