Dieter Hallervorden

Dieter Hallervorden





"Heimat ist, wo ich mich wohlfühle"

Wer Dieter Hallervorden interviewt, kann das Pech haben, zu früh geboren zu sein. Zappelig, stammelnd und in haarsträubende Verwicklungen tappend - so gab er in seinen Klamaukstreifen der 80er-Jahre kleinbürgerliche Antihelden. Da hatte er sich auch dem ganz jungen Fernsehpublikum schon mit Sketchen rund um die "Flasche Pommes frites" oder das makabere Desaster der "Kuh Elsa" fest eingebrannt. Doch Erinnerungen an "Nonstop Nonsens" bescheidet Hallervorden mit einem eher ärgerlichen "Ach ja, das". Nach den Spaßmacher- und Comedy-Jahrzehnten ist Hallervorden ja auch kaum wiederzuerkennen, so zurückgenommen und feinfühlig trat er in "Sein letztes Rennen" (2013) und "Honig im Kopf" (2014) auf. Offenbar fühlt sich der gebürtige Dessauer mit diesen Filmen und auch seinem neuen Kinoabenteuer "Ostfriesisch für Anfänger" (ab 27. Oktober) deshalb so wohl, weil sie ihn an seine künstlerische Herkunft als Bühnenschauspieler anknüpfen lassen.

Für den mittlerweile 81-Jährigen schließt sich somit ein Kreis, spät, aber keineswegs zu spät, wie das Gespräch in einem umfunktionierten Konferenzzimmer des Hamburger Elysée-Hotels an der Rothenbaumchaussee zeigt. "Sind das Kannen, in denen auch mal Kaffee drin war?" fragt der hellwache, agil wirkende Dieter Hallervorden mit einem Anflug von Argwohn den etwas unsicheren jungen Mann im weißen Kellnerkittel, der heißes Wasser für frischen Tee auf den Tisch gestellt hat. Hallervordens Gesicht mit der kleinen Brille ist von einem dünnen weißen Bartkränzchen umgeben. Er trägt ein blaues Hemd und darüber einen braunen Pullover mit V-Ausschnitt und eine sehr jugendlich geschnittene Jeanshose.

Dieser Mann hat in seinem Metier wohl noch viel vor und kennt es doch schon lange aus dem Effeff. Natürlich auch, was den Umgang mit der Presse angeht. "Ostfriesisch für Anfänger" und was er in diesem Lustspiel über die Ausbildung fremdländischer Fachkräfte zu tun hat, fasst er druckreif zusammen. "Sie treffen in meiner Rolle auf einen schrulligen, verbiesterten, rückwärtsgewandten, traurigen Mann, der allen Fremden gegenüber abgeneigt ist", urteilt Hallervorden ohne Rücksichtnahme über den verwitweten Einsiedler Uwe Hinrichs, den er verkörpert. Selbstverständlich bleibt es dabei nicht. "Im Laufe des Films bemerkt er", führt Hallervorden fort, "dass er Vorurteile zur Seite schieben muss. Dass man sich auf die Leute einlassen kann, von ihnen noch etwas lernen kann, und" - hier pausiert für eine gefühlte halbe Sekunde - "man so nochmal etwas Neues erlebt, sich der Zukunft öffnet". Wer jedoch denkt, Hallervorden würde damit auf seine neu sprießende Karriere anspielen, irrt sich.

Streng unterscheidet der Mime zwischen seinem Leben und seiner Arbeit. Seit mehr als drei Jahrzehnten nennt der Ingenieurssohn ein französisches Schloss sein eigen. Es liegt auf einer winzigen Insel vor der Bretagne. Gibt diese Gegend nicht Anschauungsunterricht über eigensinnige Bewohner mit eigener Sprache wie der nur ostfriesisches Platt sprechende Uwe Hinrichs? Solche Inspirationsquellen interessieren Hallervorden nicht. "Ich spiele immer, was der Charakter dringend verlangt", erläutert er, "eigene Erfahrungen spielen dabei gar keine Rolle".

Obwohl sich Hallervorden mit dem Erwerb des Château de Costaérès den lang gehegten Wunsch erfüllt hat, auf einer Insel zu leben, auf der es nur natürliche Geräusche gibt, ist sein Begriff von Heimat doch viel weiter gefasst als dieser Ort. Zwar räumt er ein, schon seit seinem Romanistik-Studium an der Humboldt-Universität im Ost-Berlin der 50er-Jahre "mit Frankreich verwurzelt" zu sein. Doch Heimat ist für ihn "nicht geografisch gebunden". Vielmehr fühlt sich der Künstler "überall da wohl, wo ich mit Menschen umgeben bin, die mit mir auf einer Wellenlänge schwimmen. Die die gleiche Sensibilität haben, mit denen man reden kann, als ob man sie schon ewig kennen würde." Das kann in der Bretagne, in Paris, in Hamburg sein.

Sind es im Privaten Gleichgesinnte, bei denen sich der Schauspieler zu Hause fühlt, sind es im Beruf die verschiedenen Charaktere und ihre Brüche. Das Theater erscheint Hallervorden in dieser Hinsicht als besonders reizvoll, und angetan hat es ihm vor allem der Verleger Matthias Clausen aus Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenuntergang". In diesem Part feierte er im Rahmen einer Inszenierung des von ihm geleiteten Berliner Schlosspark Theaters im Januar dieses Jahres Premiere. "Der verliebt sich als alter Mann in eine junge Frau, der Himmel hängt voller Geigen." Clausen geht es prächtig, bis er merkt, dass seine Kinder versuchen, diese Liebe zu zerstören, weil sie um ihr Erbe fürchten. "Sie gehen so weit, dass sie versuchen, ihn zu entmündigen, und ihn schließlich in den Selbstmord treiben."

Dieter Hallervorden ist von Clausen so bewegt, dass er nicht von einer Bühnenfigur zu sprechen scheint, sondern schon fast von einer Seele, die in seiner Brust wohnt. Und ist doch gleichzeitig ganz Profi. "Das sind Rollen, die interessant sind, weil sie eben einen großen Bogen an Gefühlswellen zu spielen ermöglichen", fügt er an. Clausen wird ein Außenseiter der menschlichen Gemeinschaft, Uwe Hinrichs in "Ostfriesisch für Anfänger" ist es von Anfang an. Solche Typen haben ein Potenzial, das Hallervorden begeistert.

Sind die angebotenen Rollen reich an Möglichkeiten, greift der vielfach Ausgezeichnete auch im Kino, in dem er 20 Jahre lang keine Hauptrolle hatte, beherzt zu. "Sein letztes Rennen" sei in dieser Hinsicht "nun mal das Beste gewesen, was mir je passiert ist". Bereits in der Schauspielschule wusste er, dass er Charakterrollen spielen kann. "Bloß wer lässt einen?" fragt er laut. "Da muss man ja warten, wenn man nicht selbst Autor oder Produzent ist." Mit anderen Worten: Wann haben Kreative "so viel Fantasie, das einem zuzutrauen". Ohne dass Hallervorden es aussprechen würde, schwingt doch mit, dass er nach wie vor bei Produzenten, Regisseuren und Fernsehredakteuren in der beengenden Schublade "Komiker" einsortiert ist. Vielleicht mag er deshalb "Ostfriesisch für Anfänger" nur "im weitesten Sinne eine Komödie" nennen. Doch bei seinem Elan und Enthusiasmus wird Dieter Hallervorden sein altes Image noch ganz und gar ausmisten.

Quelle: teleschau - der mediendienst